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Müssen Juden sich wieder verstecken?

Die Angriffe auf Juden in Berlin zeugen von einem neuen Antisemitismus - und einer neuen Angst in Europa. Die Täter sind nicht nur Neonazis. Hass auf Juden ist unter Muslimen verbreitet.

Ein Gastbeitrag von Günther Jikeli

  Ein Teilnehmer einer Solidaritäts-Demonstration in Berlin nach dem Angriff auf einen Rabbiner und dessen Tochter

Ein Teilnehmer einer Solidaritäts-Demonstration in Berlin nach dem Angriff auf einen Rabbiner und dessen Tochter

"Jude" ist auf Spielplätzen ein Schimpfwort unter Achtjährigen. Darauf angesprochen verstehen sie nicht, was daran falsch sein soll, versprechen aber, nicht mehr so laut zu fluchen. Der Spielplatz auf der Reuterstraße in Berlin-Neukölln ist sicher nicht repräsentativ, aber "Jude" als Schimpfwort ist für viele Kinder auch andernorts ganz selbstverständlich. In den allermeisten Fällen ohne Beisein von Juden.

Was aber passiert, wenn etwas ältere Jugendliche, für die das Jüdische derart negativ ist, auf Juden treffen? Zwei Vorfälle wurden in den vergangenen 14 Tagen aus Berlin bekannt, bei denen Juden auf offener Straße und am helllichten Tag angegriffen wurden: Der Rabbiner Daniel Alter wurde, im Beisein seiner sechsjährigen Tochter, brutal zusammengeschlagen, sein Kind mit dem Tod bedroht. Er hatte auf die Frage "Bist du Jude?" mit Ja geantwortet. Er trug eine Kippa.

Knapp eine Woche später wurden jüdische Schülerinnen vor ihrer Schule beschimpft und bespuckt. Den Berichten zufolge waren die Übergriffe spontane Ausbrüche von Judenhass und nicht von langer Hand geplant. Bei beiden Vorfällen geht die Polizei von arabischen beziehungsweise muslimischen Tätern aus.

BKA mit veralteten Kategorien

Ein Zufall? Vielleicht, denn in den Statistiken zu antisemitischer Gewalt tauchen in diesem Land vor allem Rechtsextreme als Täter auf. Allerdings untersscheidet die Statistik auch nur drei Tätergruppen: "politisch motivierte Gewalt" von rechts, von links und "politisch motivierte Ausländerkriminalität". Waren die Angriffe der Jugendlichen "politisch motiviert"? Und waren die Täterinnen und Täter mit arabischem oder muslimischem Hintergrund "Ausländer"? Die Kategorien des Bundeskriminalamts erscheinen veraltet.

In Frankreich sind die offiziellen Daten etwas genauer. Im ersten Halbjahr 2012 gab es in Frankreich 310 antisemitische Verbrechen, davon 81 Gewalttaten. Statistiken der letzten Jahre zeigen, dass antisemitische Gewalttaten in Frankreich häufiger von Menschen muslimischer/arabischer Herkunft verübt werden als von Rechtsradikalen. Inoffizielle Schätzungen gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der antisemitischen Gewalttaten auf das Konto junger Muslime gehen. Dies ist bei einem Bevölkerungsanteil von etwa acht Prozent erheblich.

In Deutschland ist der Anteil geringer, auch wenn es hierzu kaum verlässliche Daten gibt. Dies erklärt sich aus der höheren Gewaltbereitschaft deutscher Neonazis, einem geringeren Anteil an Muslimen in der deutschen Bevölkerung und auch einem weniger virulenten, weniger radikalen Antisemitismus unter Muslimen türkischen Hintergrunds im Vergleich zu Muslimen arabischer Herkunft. Dennoch, Angriffe auf Juden seitens Jugendlicher mit muslimischem oder arabischem Hintergrund sind auch in Deutschland leider keine Seltenheit.

Eine neue Angst

Sie führen zu einer neuen Verunsicherung unter Juden. Neue Angst. Dies wurde nicht zuletzt deutlich, als einzelne Vertreter jüdischer Gemeinden Juden empfahlen, in bestimmten Gegenden keine Kippa zu tragen und sich somit auf der Straße nicht als Jude kenntlich zu machen. Eine neue Dimension antisemitischer Gewalt ist längst Alltag in vielen Städten Europas.

Umfragen zeigen auch in Deutschland erhöhte antisemitische Einstellungen unter Muslimen. In einer wenig zur Kenntnis genommenen, bereits 2010 von Jürgen Mansel und Viktoria Spaiser veröffentlichten Umfrage, stimmten 24,9 Prozent der befragten Jugendlichen mit türkischem Hintergrund und 40,4 Prozent der Jugendlichen mit arabischem Hintergrund "völlig" der Aussage zu, dass "Juden in der Welt zuviel Einfluss haben". Bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund waren es drei Prozent.

Ein nicht unerheblicher Anteil begründet die Einstellung mit der eigenen Religion. Der Aussage "In meiner Religion sind es die Juden, die die Welt ins Unheil treiben" stimmten 15,9 Prozent der Jugendlichen mit türkischem und 25,7 Prozent der Jugendlichen mit arabischem Hintergrund vorbehaltlos zu.

"Muslime mögen keine Juden"

Die Studie zeigt jedoch auch, dass entsprechend radikale Einstellungen nur von einer Minderheit vertreten werden. Die Zahlen dürfen nicht missbraucht werden, Muslime pauschal des Antisemitismus zu beschuldigen. Muslimischer Antisemitismus ist aber ernstzunehmen und kann nicht mit dem Nahostkonflikt oder Diskriminierungserfahrungen der Befragten erklärt oder gar entschuldigt werden.

Nach dem Grund gefragt, warum sie Juden nicht mögen, geben muslimische Jugendliche eine Vielzahl von "Gründen" an. Dazu gehören klassische antisemitische Stereotype und Verschwörungstheorien, ein auf Israel bezogener Antisemitismus sowie negative Bilder von Juden, die mit der eigenen muslimischen oder ethnischen Identität begründet werden. "Muslime mögen keine Juden" heißt es oft affirmativ. Andere versuchen gar nicht erst, Judenfeindschaft zu begründen, sondern nehmen sie als Selbstverständlichkeit wahr. Gerade dann ist die Hemmschwelle zu antisemitischer Gewalt gering. Das sind Ergebnisse zu Antisemitismus unter jungen muslimischen Männern in Europa.

Eine ganz selbstverständliche Judenfeindschaft sitzt bei vielen Muslimen tief und wird von der übrigen Bevölkerung oft mit Verweis auf den Nahostkonflikt oder Diskriminierungen, unter denen Muslime tatsächlich oft zu leiden haben, hingenommen. Somit können sich Muslime in ihren Einstellungen bestätigt fühlen.

Antisemitismus kann auf dem Spielplatz beginnen. Schon dort gilt es, scheinbar harmlose Beschimpfungen nicht zu tolerieren. Denn sie transportieren Hass weiter in die nächste Generation.

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