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Tortenkönig Jürgen Rüttgers

Er gehört zu den Untoten der CDU. In Berlin jedoch versprach Jürgen Rüttgers jüngst sein Comeback 2011. Als was? Zeit für den Abwasch.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Ach, Sommer. Endlich Sommer. Und zwar richtig. Die Abgeordneten haben noch mal eine letzte Runde dem Außenminister gelauscht und trollen sich nun erleuchtet für zwei Monate aus der Stadt, wo sie niemand vermissen wird, der Berliner trollt sich gleich mit, was auch kein Fehler ist, der Bundesrat hat auch noch schnell die Gasnetzzugangsverordnung und danach sich in die Ferien verabschiedet, die WM nähert sich dem Ende, die schwarzrotgoldenen Kreischegirlies wenden sich wieder anderen Anhimmelobjekten als den waschbrettbäuchigen, aber leider brummkreiselig gespielten Schweini-Özil-Poldi zu und wir können endlich, endlich wieder unter uns und ernsthaft über Vertikalpässe, die Vorzüge der Doppel-Sechs gegenüber der Raute und die totale Überschätzung von Borussia Mönchengladbach unterhalten (Wann geht endlich die Liga wieder los? Dauert's noch lange? Sind wir bald da?).

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Kurz und gut: Es herrscht Frieden in und über der Stadt. Die Mädels reißen sich die Klamotten vom… aber wir schweifen ab. Jogi macht weiter, Angie auch. Eins davon ist die gute Nachricht - entscheiden Sie ausnahmsweise selbst. Und die Sonne macht das, wofür der Herr sie geschaffen hat: Sie sengt vom blitzblankblauen Himmel auf uns nieder, als wollte sie den letzten Rest Verstand aus uns herausdörren. Herrlich! In Spanien haben sie das übrigens öfter, was dazu führt, dass sich die Landesregierung jetzt um den Oberhausener Kraken Paul kümmern will, der Deutschlands Halbfinalniederlage vorausorakelt hat. Industrieminister Miguel Sebastian – wir zitieren jetzt "Bild" – "schlug sogar vor, Paul auf die iberische Halbinsel zu bringen – aus Sicherheitsgründen. Umweltministerin Elena Espinosa sprach es dann unverblümt aus: "Damit die Deutschen ihn nicht aufessen."

Spanische Umweltministerin! Das es das da gibt! Aber in Griechenland haben sie ja auch einen Finanzminister, pruuust... Und Paul können sie gern selber in die Paella hauen. Unsere Rache wird viel subtiler sein, mindestens so subtil wie das spanische Spiel. Wir schicken einfach Lothar Matthäus, wenn die Spanier einen neuen Trainer brauchen. In und mit Kamerun ist er dann längst fertig.

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Was auch schön ist am Sommer in Berlin: Die so genannten Sommerfeste in den Landesvertretungen, Ministerien, Konzernvertretungen, wo sich der gemeine Gratistrinker durch- und auftankt und einen Händedruck der oder wenigstens einen Blick auf die Kanzlerin zu erhaschen trachtet, die aber als kluge Frau möglichst selten auf- und falls doch schnell wieder abtaucht – ja, die haben dann auch ein Ende. Weil, siehe oben: keiner mehr da.

Und jetzt werden wir mal kurz Literarisch: "Langsam füllte sich das Foyer des Medienhauses an der Spree" – das, kleiner Einschub, uns irgendwie vertraut vorkommt - "mit dieser Mischpoke aus Politik und Journalismus, Showbiz und Lobbyismus. Ein Heuschreckenschwarm, der den Himmel über Berlin verdüsterte und, wo er einfiel, abgefressene Büfetts zurückließ. Eine Karawane, deren Kamele jeden Abend an einer anderen Oase getränkt wurden. Sie soffen, als hätten sie eine lange Durststrecke hinter und eine noch längere vor sich. ... Mittags beim Italiener hatte Schreiber sich von einem Kollegen den Unterschied zwischen vermeintlich und wirklich wichtigen Festbesuchern verklaren lassen. Auf jeder Party gebe es Geher und Steher, meinte der altgediente Politikredakteur. 'Die Geher kannst du vergessen, Schreiber. Die suchen nur einen, den sie vollquatschen können. Die Steher sind die Stars. Die müssen ihr Publikum nicht suchen. Um die scharen sich die Leute und lachen wie irre über die schlappsten Sprüche.' Hannes sah den Verteidigungsminister, nur von seiner Gattin begleitet, durch den Saal irren und wußte Bescheid."

Auch das kommt uns sehr bekannt vor. Sehr schön sah es dieses Jahr zum Beispiel aus, als Jürgen Rüttgers mit der Steherin Angela "Es geht so nicht weiter" Merkel auf dem Fest seiner Landesvertretung eine riesige Torte anschneiden musste – und dabei so aussah, als wüßte er genau, dass gleich alle "For he's a jolly good fellow" anstimmen (Für die etwas weniger cineastisch Bewanderten: Das singen die Freunde der italienischen Oper in "Manche mögen's heiß", bevor der Kerl mit der extragroßen Knarre aus der Torte springt und rattatattata!). Traurig will Rüttgers trotzdem nicht gewesen sein. Er komme nächste Jahr wieder, sprach er, zum Feiern.

Und als Geher. Endgültig.

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Das Zitat oben stammt übrigens aus einem Krimi, den Sie gerne am Strand oder sonstwo lesen sollten. Hat erstens vordergründig – auch wenn die Passage einen anderen Eindruck erwecken mag – nur wenig mit Politik zu tun, hintergründig zweitens verdammt viel (wir sagen nur: Ex-Jugoslawien und was es mit den Menschen machte), stammt drittens von einem Menschen mit dem sympathischen Ruhrpott-Namen Werner Schmitz, spart viertens die Themen Bären, Jagd, Liebe, alte Säcke und offene Rechnungen nicht aus und trägt fünftens den Titel: "Das Karpaten-Projekt" (Grafit).

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Auch das hier ist leider, leider nicht von uns, sondern eine der furiosesten ersten Seiten, die Sie momentan in einem Buch finden können: "Ich frage mich oft, ob ich meinen Namen vergiftet habe oder er mich. Ich bringe Gefahr. Sagt zumindest Munita. Die ist süchtig nach Gefahr. Meine leicht entflammbare Freundin. Munita hat in Peru gelebt. Bis Terroristen ihre Familie in die Luft gesprengt haben und sie nach New York gezogen ist, wo sie einen Job an der Wall Street bekommen hat. Ihr erster Arbeitstag war der 11. September. Auf unserer ersten Reise nach Kroatien wurde sie Zeugin zweier Morde. Den ersten habe ich zugegebenermaßen selbst begangen, aber das mit dem zweiten war reiner Zufall. Und eigentlich sogar ganz schön romantisch. Wir waren in Mirkos Restaurant essen, als der Mann am Nebentisch eine Kugel in den Kopf bekam. Etwas von seinem Blut ist in Munitas Weinglas gespritzt. Ich hab´s ihr nicht gesagt. Es war sowieso Roter."

Munita verliert viele Kapitel später den Kopf, was wörtlich zu verstehen ist, aber das ist nur ein Seitenstrang der Geschichte. Der Ich-Erzähler heißt Tomislav Boksic, genannt Toxic, ein Profikiller, der irgendwann dummerweise einen FBI-Typen erledigt und aus New York fliehen muss. Auf der Toilette des Flughafens murkst er einen rassistischen Fernsehprediger ab, der auf dem Weg zu Auftritten in Island ist, nimmt dessen Kleidung, Ticket und Identität an und landet als Father Friendly in Reykjavik. Und da geht's dann erst richtig rund, Mutter!

Aber das sollten Sie besser selbst lesen. Hat erstens vordergründig gar nichts mit Politik zu tun, hintergründig zweitens verdammt viel (wir verraten nur: der Krieg im einstigen Jugoslawien und was er mit den Menschen macht), stammt drittens von einem Menschen, dessen Namen man nicht erfinden kann: Hallgrímur Helgason, spart viertens das Thema Mädels sowas von gar nicht aus und trägt fünftens einen Titel, der uns das Herz aufgehen lässt: "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen". (Tropen)

Apropos Krieg. Wir kommen jetzt zu den Verkehrsnachrichten: Der Kollege J., der vier Wochen lang auf zwei Rädern Angst und Schrecken in der Berliner Autofahrerszene verbreitet hat wie sonst nur unter sittlich und rhetorisch nicht ganz so gefestigten "Talkshowbewohnern" (Kurt Kister) und der sich zu diesem Zweck sogar einen Kopfschutz zugelegt hat, der stark an jene Helme erinnert, die zuletzt im Dschungelkrieg in Vietnam getragen wurden – der Kollege J. jedenfalls ist jetzt wieder etwas tiefer gelegt, voll motorisiert und nicht weniger kampfeslustig unterwegs.

Passt auf Euch auf!

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