Der Osten will mehr Hilfe. Der Westen sagt: Es reicht. 15 Jahre nach dem Mauerfall beäugen Brüder und Schwestern einander missmutig. Einig sind sich beide Seiten nur in einem: Jetzt sind wir mal dran.

Bernd Gögelein, Gabelstaplerfahrer aus Sachsen-Anhalt, seit über zehn Jahren arbeitslos. Sein Stinkefinger ist inzwischen deutschlandweit bekannt, obwohl Gögelein noch gar nicht weiß, was Hartz IV für ihn bedeutet© Sven Kästner/AP
Geht das jetzt wieder los? Hört das denn niemals auf? Jammerossis? Besserwessis? Sollen wir die ganzen alten Witze wieder rausholen? Ruft der Ossi zum Wessi: Wir sind ein Volk. Sagt der Wessi: Wir auch. Immerhin, heutzutage kann man den Witz auch andersherum erzählen.
Bernd Gögelein ist eigentlich kein unfreundlicher Mann. Seine Miene ist sanft, wenn er zu seinen Wellensittichen spricht, und sein Herz wird weich, wenn seine kleine Tochter "bitte, bitte" sagt. Andererseits hat Bernd Gögelein Deutschlands berühmtesten Stinkefinger seit Stefan Effenberg. Ob es nun Zufall ist oder Pech oder gar Absicht, dass ausgerechnet sein wutverzerrtes Gesicht und sein gestreckter Mittelfinger viele Berichte über die Montagsdemos geschmückt haben, weiß man nicht.
Für die allgemeine Stimmung wäre es auf jeden Fall besser, man könnte einen beschreiben, den es wirklich hart getroffen hat. Gögelein aber freut sich. Er hat all die Artikel mit seinem Foto gesammelt. "Jetzt kennt mich der Westen", sagt er.
Noch nicht ganz: Der ehemalige Gabelstaplerfahrer aus Osterburg in Sachsen-Anhalt hat mit Arbeitslosenhilfe, Nebenjob und Kindergeld 1740 Euro Einkommen für die vierköpfige Familie. Davon gehen 240 Euro für die Vierzimmerwohnung ab, plus 110 Euro für Strom und Gas. Die Familie hat 1390 Euro zum Leben, ein Auto, ein Handy und genug Geld für Ausflüge und Freizeit. Armut sieht anders aus.
Warum also fährt er 30 Kilometer nach Wittenberge, um Schröder seinen Finger zu zeigen? "Weil ich Angst vor Hartz IV habe", sagt er. Ob es einen Grund für diese Angst gibt, weiß er allerdings noch nicht. "Ich habe mich bisher nicht damit beschäftigt", sagt er. Dass er nur noch 24 Euro monatlich dazu- verdienen darf, hat er von seinen Kumpels gehört - jeden Euro mehr zöge ihm der Staat vom Arbeitslosengeld II ab. Wenn das so ist, würde Gögelein seinen Nebenjob sofort fallen lassen - "sonst arbeite ich ja umsonst". Gögelein findet, "in der DDR waren wir glücklicher. Wenn jemand die Mauer wieder aufbauen wollte, würde ich sagen: Ja".
Im Westen haben sie auf solche gerade gewartet. Da sieht man es ja mal wieder. Statt Brüder und Schwestern nur gierige Ossis. "Die denken, es fliegen einem die Brathähnchen in den Mund", sagt Rainer Drewski, der einen Obststand in Bielefeld betreibt. "Die sind ein bisschen selbst schuld. Die haben viel konsumiert und kein Maß gekannt. Mehr sage ich nicht."
Leipzig steckt im Stau, es ist kein Vorankommen. An Demonstrationen liegt das nicht, sondern an den Baustellen, die sich flächendeckend über die Innenstadt verteilen. Kräne, Gerüste und Gruben groß wie Fußballfelder überall. Ein enormes Füllhorn voll Fördermitteln muss sich erneut über der Stadt entleert haben, dass sie noch einmal so viel Großes und Teures wagt: zum Beispiel die S-Bahn unter eine City zu verlegen, die sich in einer Viertelstunde zu Fuß durchmessen lässt. Ein Fremder, zum Beispiel ein Wessi im Stau, würde angesichts dieses Gewusels nicht ahnen, dass auf eine offene Stelle etwa 30 Suchende kommen, dass knapp ein Fünftel der Leipziger arbeitslos ist.

Pfarrer Christian Führer hat bisher kaum eine Montagsdemo ausgelassen. Immerhin gilt der Leipziger als deren Erfinder und ist schon für und gegen beinahe alles marschiert: gegen die DDR natürlich, als der Pfarrer mit Friedensgebet und Jeansweste zur Legende wurde, gegen Kriege im Kosovo, in Afghanistan und im Irak, andererseits für die Leipziger Olympia-Bewerbung. Jetzt aber läuft er nicht mehr mit. Ratlos steht er montags vor seiner Nikolaikirche wie der Zauberlehrling, dem seine Geister durchgebrannt sind. "Hat eigentlich schon mal jemand über die Vorteile dieses Gesetzes nachgedacht?", fragt Führer vorsichtig, während die Demonstranten aggressiv und wütend wie nie durch die Leipziger Innenstadt ziehen. Es sind mehr als bei jeder Friedensdemo. Mehr Leute, mehr Kameras, mehr Interviews, mehr Streit. Die Formel "Hartz muss weg" ist ihm einfach "zu schlicht".
Oberbürgermeister Jörg Schulz, SPD, sitzt mit seiner Stadtverwaltung in einer uralten Bremerhavener Kaserne und hört sich an, als würde er gern mit Pfarrer Führer tauschen. "Wenn Kollegen von mir Tagungen im Osten besuchen, dann staunen sie oft beim Gang auf das Örtchen: Toll, was die hier für Supertoiletten haben! Sie haben ihre Rathäuser wunderschön renoviert, Superstraßen mit Superbeleuchtungen, wunderschöne Sportstätten." Schulz atmet tief durch, als ob er etwas sagen will, was man eigentlich nicht sagt. Dann sagt er es doch. "Aber wozu? Klar müssen die Städte im Osten das Geld investieren. Aber man muss das fördern, was wirklich förderungswürdig ist. Und zwar nicht nur im Osten, sondern auch im Westen." Damit meint Schulz, nur so zum Beispiel, Bremerhaven. Bremerhaven mit einer Arbeitslosigkeit von 18 Prozent und einer Sozialhilfequote von elf Prozent. "Unsere Schulgebäude sind sanierungsreif, auch wir müssen Straßen instand halten. Man darf nicht so tun, als ob es bei uns im Westen keine Problemgebiete gäbe. Dann überfordert man die Bevölkerung, dann gibt es Reflexe. Das merkt man nicht nur in Bremerhaven."
Man merkt es auch in Kamen. Ein paar Männer stehen auf dem Bürgersteig, halb im Kiosk in der ehemaligen Bergbausiedlung, halb draußen. Es ist mittags, die ersten Biere sind schon leer, sie alle haben keinen Job, und die Stimmung ist nicht gut. "Die im Osten, die sollen erst mal arbeiten gehen", wettert Bernd Köhler und lässt sein Herz-Tattoo auf dem Arm wackeln, "es gibt hier viele, die sagen: Die Mauer muss wieder hoch!" Bernd Köhler selbst ist 61 und glaubt nicht, dass er noch mal einen Job bekommt. Schuld seien die Ossis - zumindest zum Teil. Kumpel Michael Barz assistiert: "Eine Regierung - das passt nicht. Das hätten getrennte Länder bleiben müssen."
Das Land hat schlechte Laune. In West und in Ost. Bei Politikerbesuchen vor Ort werden statt Hände Fäuste geschüttelt, statt Luftballons fliegen Eier, und die Politiker rennen aufgescheucht durcheinander wie der dazugehörige Hühnerhaufen. Keiner will es gewesen sein. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, laut Wahlplakat "Einer von uns", aber trotzdem SPD, nennt Hartz IV ein Westgesetz. Jörg Schönbohm, keiner von uns, aber trotzdem CDU, runzelt die Augenbrauen und "warnt vor Spaltung". Sein Parteifreund Peter Müller im Saarland fordert "Nachbesserungen" bei Hartz IV, obwohl die Union eigentlich für Verschärfungen war oder es noch ist, so genau weiß das im Moment keiner.
Die NPD und die PDS drucken im Wahlkampf fast wortgleiche Parolen und pflastern damit die Alleen zu - eine Art national-sozialistische Koalition der Hartz-IV-Gegner. Ostdeutsche Ministerpräsidenten verweisen darauf, dass sie im Bundesrat geschlossen gegen die Arbeitsmarktreformen gestimmt hätten, was glatt gelogen ist. Für die Hartz-IV-Reformen waren fast alle - nur mit dem Ausführungsgesetz hatte man Probleme. Die Union barmt um höhere Zuverdienstgrenzen, als ob es nicht ihre Leute höchstselbst gewesen wären, die die niedrigen Grenzen als Kompromiss erzwungen haben. Und der Hahn kräht vom Mist: "Alles bleibt, wie es ist."
Im "Parkbad" von Gütersloh will sich die SPD an diesem Abend Mut zusprechen. "After-Work-Biergarten" heißt die Veranstaltung, auch wenn es nichts anderes ist als ein typischer Wahlkampfauftritt mit Podium, Pils und Parolen: "Von 700 Millionen Euro Schulden, die zum Beispiel Duisburg hat, sind zwei Drittel Solidarbeitrag", bollert der Stimmen sammelnde NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück los, "dabei hat Duisburg soziale Brennpunkte, die sind genauso heftig wie in Leipzig. Da fährt die Oberbürgermeisterin dann rüber und sieht die neuen Straßen und die Glasfaserverbindungen und denkt sich: 'Das hätte ich auch gerne.'"