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Die dreisten Samariter

Mit Lügen, Tricks und dubiosen Drücker-Methoden werben große Hilfsorganisationen um neue Mitglieder. Von dem Geld, das den oft armen Menschen an der Haustür für einen guten Zweck abgeschwatzt wird, geht ein großer Teil für die »Hausierer« und deren Hintermänner drauf. Aus stern Nr. 24/2001.

Mit Lügen, Tricks und dubiosen Drücker-Methoden werben große Hilfsorganisationen um neue Mitglieder. Von dem Geld, das den oft armen Menschen an der Haustür für einen guten Zweck abgeschwatzt wird, geht ein großer Teil für die »Hausierer« und deren Hintermänner drauf.

Ja, nein, doch: Meine erste Klingel. Gleich werden sie die Polizei holen oder »Wir kaufen nichts!« durch die Tür brüllen. Vielleicht lauert dahinter auch ein großer Hund oder ein Schläger, der seinen Rausch ausschlafen wollte. Feuchte Finger, Luft anhalten, lauschen. Bestenfalls macht ja auch nur eine harmlose Oma auf, die sich freut, dass überhaupt mal jemand kommt, und der ich gleich einen Teil ihrer Rente abschwatzen werde. Egal: Der erste Gong fühlt sich schon genau so jämmerlich und verlogen an, wie es diese ganze Geschichte ist.

Es passiert gar nichts. Niemand da. Nächste Klingel. »Ja bitte?« Mein Ausbilder Markus reagiert sofort: »Rettungsdienst, schnell mal aufmachen!« Das wirkt immer. Die Tür summt. Wir sind schon mal im Haus, ein abgewohnter Elfgeschosser in Frankfurt an der Oder. Auf der nackten Betonplatte schimmern Tapetenreste aus den siebziger Jahren. Ein Lift voller Hakenkreuze quält sich ächzend nach oben. Hier ist bestimmt nicht viel zu holen. »Falsch«, sagt Markus, »in solchen Assi-Bunkern wohnen unsere besten Kunden.« Er schwärmt von »Goldstaub«-Omas, alleinerziehenden Müttern und Arbeitslosen. Diese Leute seien erstens die meiste Zeit zu Hause und zweitens oft zu blöd, um gleich wieder auszutreten. Merksatz: »Hängt die Wäsche auf der Leine, schreibt der Werber viele Scheine.« Vor allem aber – er nennt es »Menschenkenntnis« – hätten gerade Leute, die eigentlich nichts haben, für eine gute Sache immer noch was übrig.

Die gute Sache sind wir, der Arbeiter-Samariter-Bund. Jedenfalls tun wir so als ob: Wir tragen weiße ASB-Hemden und blaue ASB-Jacken, einen ASB-Ausweis mit Lichtbild und unterm Arm eine Mappe mit bunten Werbebroschüren und Beitritts-erklärungen. Außerdem lächeln wir so freundlich in den Türspion, als würden wir auch sonst alten Leuten über die Straße helfen, Rettungswagen fahren oder hauptberuflich Erste-Hilfe-Kurse geben. Zwei freundliche junge Männer von den barmherzigen Samaritern, die sich in ihrer Freizeit auch noch ehrenamtlich um neue Mitglieder kümmern. So soll es aussehen. So sieht es aus. Und selbstverständlich behaupten wir das auch.

»Einen wunderschönen guten Tag, Frau Müller, der Arbeiter-Samariter-Bund, kennen Sie doch – die Rettungssanitäter. Schauen Sie nicht so grimmig, wir wollen nichts verkaufen.« So prasselt es auf die erste Oma nieder. Immerhin ihr Name stimmt, den hat Markus an der Klingel gelesen. Alles andere ist gelogen: »Die Sonderaktion«, die angeblich in der Zeitung angekündigt war; die Nachbarn, »die uns auch schon alle unterstützen«; erst recht der »einmalige freiwillige Beitrag«, der in Wahrheit monatlich fällig und bei Verzug vom ASB auch eindringlich angemahnt wird. »Aber schließlich wollen Sie doch auch mal gerettet werden, Frau Müller, wenn – Gott bewahre, aber der Teufel schläft ja nie«

Frau Müller ist mindestens 70 Jahre alt und kneift die Augen zusammen. »Helfen ist unsere Aufgabe«, liest sie auf unserer Mappe. Tatsächlich wollen wir nur eine Einzugsermächtigung und ihre Unterschrift unter einem möglichst hohen Monatsbeitrag – für die Provision. Das darf »Oma Goldstaub« natürlich nicht merken: »Sag nie Beitrag oder Mitgliedschaft«, hat mir Markus vorher eingeschärft, »alles muss irgendwie einmalig, freiwillig, unverbindlich klingen, sonst kriegst du heutzutage keinen mehr auf den Block.«

Markus N., 31, kennt sich aus. Seit mehr als drei Jahren arbeitet er »in der Werbung«, wie wir Drücker das nennen. Wir sagen auch nicht Kolonne, sondern »Team«, wohnen in schäbigen Pensionen mit Klo auf dem Flur und klappern jeden Tag »Assi-Bunker« ab, um »Scheine zu machen«. Weil er selbst aussteigen will, hat mich Markus eingeschleust. Als Verräter gibt es wenigstens kein Zurück für ihn. Angeblich quält ihn auch ein schlechtes Gewissen »wegen der armen Omas«. Tatsächlich hat er aber endlich kapiert, dass er selbst auch nur ausgebeutet und eingeschüchtert wird. Angst hat er trotzdem: Zu viele blaue Augen musste er sehen, zu viele jähzornige Kolonnenführer erleben, zu viele Drohungen hören.

Drücker zu werden ist dagegen ganz einfach: Die »Werbeagentur Weinhandl« nimmt jeden, der einen Kuli halten kann. »Bei Vorstrafen trägst du besser nichts ein«, hat Markus gesagt. Alles andere im Personalbogen ist egal: Ob der Name stimmt oder die Adresse, ob man außerdem Sozialhilfeempfänger, Alkoholiker oder arbeitslos ist wie die meisten Kollegen, interessiert kein Schwein. Weder den ASB-Bundesverband, der aus Köln prompt einen »Helfer-Ausweis« schickt, noch den Regionalverband Ost-Brandenburg, der nach zwei Minuten eine Werbevollmacht abstempelt, und erst recht nicht die Drücker-Firmen und ihre gierigen Unteroffiziere.

In den ersten Tagen genießen Anfänger noch »Welpenschutz«. Alle anderen haben abends mindestens drei Scheine abzuliefern. Wer weniger bringt, muss sich vor der ganzen Gruppe herunterputzen lassen oder mit auf das Zimmer des »Teamleiters«. Dort gibt es dann »was aufs Maul«, bei Widerspruch noch einen »Nachtisch« – auf jeden Fall kein Abendbrot, sondern »Schulung« bis Mitternacht, wenn die Sprüche immer noch nicht sitzen. Markus könnte seine im Koma aufsagen.

»Spaß beiseite, Frau Müller: Wir fragen jeden über 18 Jahre. Sind Sie doch schon, oder? Haha, kleiner Scherz! Muss auch mal sein« Oma Müller lacht nicht mit, nutzt aber die kurze Pause, um zaghaft »kein Interesse« zu bekunden. »Aber Frau Müller«, kontert Markus, »wir wollen doch keine Interessengemeinschaft gründen.« Bevor er ihr auch noch die Ehe verspricht, fällt Frau Müller ein, dass sie erst vor zwei Monaten bei den Johannitern unterschrieben hat. Kein schlechter Versuch – aber auch egal.

Ob Malteser oder Johanniter, Arbeiter-Samariter oder das Deutsche Rote Kreuz – alle namhaften Hilfsorganisationen nehmen für neue Mitglieder die gleichen schmutzigen Haustürtricks von Profi-Werbern in Kauf. Sie staffieren Drücker-Kolonnen mit Uniformen aus, fördern mit hohen Provisionen mafiöse Strukturen und treiben junge Leute im Namen der Wohltätigkeit in ein Sklavenmilieu aus Schulden, totalitärer Kontrolle und Gewalt.

Besonders brutal geht es in DRK-Kolonnen zu. Eine Hamburger Firma zahlt 500 Mark Kopfgeld für Jugendliche, die meist auf Bahnhöfen rekrutiert werden. »Schläge sind normal, wer gar nichts bringt oder flüchtet, wird verfolgt, verprügelt und nackt irgendwo liegen gelassen«, sagt ein Aussteiger, der monatelang in weißer Uniform und unter dem DRK-Slogan »Abenteuer Menschlichkeit« unterwegs war. Sein Kolonnenchef droht ihm seitdem mit »Tod« oder »Russenmafia«.

»An Psychoterror, Druck oder Dresche gewöhnt man sich«, sagt Markus, das Schlimmste aber seien die Schulden. Markus fiel auf eine der üblichen Anzeigen herein: »Junge unabhängige Leute für Reisetätigkeit gesucht.« Mit »Fixum und Provision« hat ihn die Firma Weinhandl von Österreich nach Deutschland gelockt. Erst als er einmal mit Fieber zum Arzt musste, kam heraus, dass er nicht einmal krankenversichert ist. Drei Jahre war er nicht zu Hause, weil das Geld nie für eine Fahrkarte reichte. Dabei ist er eigentlich ein »guter Schreiber« und stolz darauf: »Ich würde mindestens 1000 Mark kosten, wenn mich mein Teamleiter an einen anderen verkaufen würde.« Trotzdem – und nach über 2000 Scheinen für den ASB – klingelte er immer nur ums blanke Überleben, blieben ihm selten mehr als 200 Mark pro Woche übrig.

Jeden Freitag werden die Scheine nach Wiesbaden geschickt. Dort hat die Firma zwar nur eine Postfachadresse, aber Karl Weinhandl, 48, lebt seit 20 Jahren bestens von den Haustürgeschäften für den ASB. Alle paar Monate besucht der ehemalige Jurastudent seine Kolonnen, gibt ein warmes Essen aus und jammert: »Der ASB zahlt schlechter als alle anderen.« Eine Mitarbeiterin prüft stichprobenweise, ob es die neuen ASB-Mitglieder überhaupt gibt, besorgt Jacken und Ausweise vom Bundesvorstand und führt Konto über Provisionen, Unterprovisionen und Unterunterprovisionen.

»Die Firma kriegt vom ASB-Bundesverband einen kompletten ersten Jahresbeitrag im Voraus«, sagt Markus. Wenn wir also Oma Müller einen Beitrag von 10 Mark im Monat abnötigen, sind das erst mal 120 Mark, die nie dem heruntergekommenen ASB-Pflegeheim in Frankfurt zugute kommen, mit dem wir ihr ein schlechtes Gewissen machen. Beim DRK kassieren manche Bosse als »Handelsvertreter« oder »Werbeberater« sogar noch im zweiten Jahr fette Folgeprovisionen. Den größten Teil der Beute teilen sich Kolonnenführer und »Werbeagentur«. Bei durchschnittlich drei, vier Scheinen am Tag könnten fleißige Drücker von ihrem Anteil trotzdem einigermaßen leben. Immerhin ist es schwarzes Geld: Niemand zahlt Steuern, keiner Sozialversicherung und die meisten nicht mal in eine Krankenkasse. Der Haken ist nur: Sie müssen Vorschuss, Essen, Übernachtung und Benzingeld zurückzahlen, außerdem zehn Prozent »Stornorücklage«. Und am Ende bleibt den armen Würstchen an der Klingel genauso wenig übrig wie dem ASB.

Spätestens nach zwei Monaten ist jeder hoffnungslos verschuldet. Dann macht nämlich der ASB die Schublade auf und lässt sich die »schlechten Scheine« zurückzahlen. In der Regel tritt mehr als jedes zweite neue Mitglied gleich wieder aus, widerruft oder hat einfach nichts auf dem Konto. Diese Stornierungen werden bis ganz nach unten durchgereicht. »So stehst du ganz schnell mal mit 4000 Mark bei deinem Chef im Minus, bist abhängig, ein Teufelskreis«, sagt Markus.

Also nächste Tür, nächste Etage, nächstes Haus. Immer von oben nach unten – wegen der Akustik: »Andersrum macht dir keiner auf, weil alles nach oben schallt.« Die Kolonnen hetzen von Stadt zu Stadt, haken Planquadrat für Planquadrat auf den Stadtplänen ab. Hamburg, Essen, Leipzig. Unerträgliche Melodie-Gongs, kaputte Fahrstühle, »Haxn abkratzen«. Im Osten gibt es mehr Scheine, im Westen höhere Beiträge – und irgendwann kaum noch andere soziale Kontakte als die Truppe. Abends in der Pension bügeln wir unsere weißen Westen, zählen die Scheine, und wenn wir uns davon ein kleines Bier leisten können, wird Drücker-Latein gesponnen: Die alten Hasen erzählen von früher, »als die Teamleiter noch viel brutaler waren« und von »Bettscheinen«, was so viel heißt wie Sex mit einer einsamen Hausfrau – nach Unterschrift.

Beschiss ist ein beschissenes Geschäft und nirgendwo mühsamer als in Berlin und Brandenburg. Wer hier tagsüber zu Hause ist, bekommt fast täglich ungebetenen Besuch. An jeder Tür haben schon andere Drücker ihre Zeichen hinterlassen: Kreuze, Kreise, Dreiecke – Gaunerzinken. Meist bedeutet das: Angetroffen oder nicht, gefährlich oder spendabel. »Nur leider hat jeder seine eigenen Symbole«, sagt Markus. Nach den ersten beiden Plattenbauten in Frankfurt wissen wir, dass Frau Müller nicht lügt. Vor kurzem war eine Johanniter-Kolonne hier: »Verbrannte Erde.«

Eigentlich sei sie auch schon ewig im DRK und müsse gleich ihre Enkeltochter von der Musikschule abholen. Aber naja, die zwei Minuten. »Haben Sie mal ?ne Ecke Platz für die Mappe?« So kommt man in die Bude. »Schön haben Sie es.« Und schon füllt Markus das Formular aus: Name, Adresse, Konto? »Aber eigentlich« Keine Sorge: »Wir schreiben Sie einfach mal mit auf, alles freiwillig.« Das beruhigt. Überhaupt kommt Markus bei alten Damen besonders gut an. Sie mögen seinen Akzent, der in ihren Ohren irgendwie nach alten Hans-Moser-Filmen klingt. So höflich, adrett und in Uniform – kaum eine alte Dame beschwert sich über ihn.

Andere schon. Die großen Hilfsorganisationen kennen diese »unerfreulichen Dinge« genau. Sie verweisen überrumpelte Neumitglieder einfach auf das Klein- und Dünngedruckte auf der Rückseite der Beitrittserklärung (ASB), tragen sich seit Jahren mit »internen Überlegungen, diese Form der Mitgliederwerbung ganz abzuschaffen« (Johanniter) oder schieben die Verantwortung auf die »eigenverantwortlichen Kreisverbände« (DRK). Von »schwarzen Schafen« ist die Rede, von »Einzelfällen«, denen sofort nachgegangen werde. Außerdem hätten die Mitglieder ja auch was davon, zum Beispiel den »weltweiten Rückholdienst«.

Oma Müller sieht nicht so aus, als könne sie sich auf ihre alten Tage noch eine Weltreise leisten. »Schon gesundheitlich nicht«, sagt sie. Noch weniger finanziell, wenn sie weiter jeden Mist unterschreibt. Aber weil sie immer gleich mit zehn Mark im Monat dabei ist, bekommt sie nun zum Rückholdienst der Johanniter und des DRK auch noch den »weltweiten Rückholdienst« vom ASB dazu. »Als kleines Dankeschön«, sagt Markus. »Da fällt die Hilfe doch leicht, Frau Müller, oder?« Sie lächelt beschämt und hängt die Kette wieder vor die Tür.

Holger Witzel

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