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Die neue Klassengesellschaft

Nichts wie weg. Die Mittelschicht flieht aus den Problemvierteln. Schuld ist nicht die Armut. Die intakten Familien halten Drogen, Dreck, Gewalt - und vor allem die schlechten Schulen nicht mehr aus. Eine Reportage aus der gespaltenen Stadt Berlin.

Von Walter Wüllenweber

  • Walter Wüllenweber

Der Gartenzaun ist kaum hüfthoch. Auf beiden Seiten stehen Frauen. Sie lachen und prosten sich mit Prosecco zu. Ihre Männer heizen den Grill an. Jungs in Badehosen jagen sich mit Wasserpistolen durch die kleine Reihenhaussiedlung. Vor dem Carport spielt ein Ehepaar Federball. Auf der Terrasse am Eckhaus schrauben drei Männer aus der Nachbarschaft eine Markise fest, die sich beim letzten Gewitter gelöst hatte. Klaviergeklimper von einem übenden Kind dringt aus dem Haus gegenüber. Dies ist nicht Bullerbü oder Waltons Mountain. Es ist so etwas wie ein Flüchtlingslager in Berlin. Hierher fliehen Mittelschichtsfamilien, die es in den Berliner Problemvierteln Neukölln, Kreuzberg oder Wedding nicht mehr ausgehalten haben. "Wir hatten eine tolle Wohnung in Kreuzberg. Aber jede Nacht der Lärm und Hupkonzerte. Klar, die Typen stehen ja alle erst am Nachmittag auf ", sagt Mehmet Gündüz. "Der ganze Dreck dort. Nee, da soll mein Sohn nicht aufwachsen, nicht unter diesen Leuten", sagt Serkan Özdal.

Die Gärtchen des Reihenhausidylls grenzen an einen Teich. Nach ihm wird die ganze Gegend im Süden Berlins benannt. Der Tümpel heißt Türkenpfuhl. Offiziell. Zuerst war der Name, dann kamen die Türken. Rund die Hälfte der Eigenheime gehört Berlinern türkischer Herkunft. Aber auch Familien aus Thailand, China und Liberia wohnen hier. Und Deutsche. Die Bewohner des Türkenpfuhls kommen aus allen Teilen der Welt, doch ihr Lebensstil passt zusammen, als wären sie gemeinsam aufgewachsen. Man spricht deutsch. Die Wege werden gefegt. Keiner trägt Kopftuch. Die Kinder grüßen. In allen Häusern ist Rauchen verboten, sodass die Raucher sich immer am Gartenzaun treffen. Da steht Tansel Özdal mit dem Prosecco in der einen und ein paar Löffeln in der anderen Hand. "Guck mal, Ute. Die Löffel hier hab ich schon seit ewig in der Schublade. Das sind aber nicht meine." Ein prüfender Blick der Nachbarin: "Die könnten Karl-Heinz von drüben gehören." Serkan Özdal ist stolz auf dieses Zusammenleben. "Wir vertrauen uns hier sogar unsere Kinder an. Die erlauben mir, ihre Kinder zu erziehen, und ich erlaube denen, mein Kind zu erziehen. Mehr geht nicht." Genau so hatte man sich die multikulturelle Gesellschaft immer vorgestellt. "Tja, hier funktioniert Multikulti", sagt Serkan Özdal. Aber nur in der Mittelschicht. Keine drei Kilometer stadteinwärts ist friedliches Zusammenleben eine naive Illusion. Da endet die Toleranz, wenn einer vom anderen glaubt: "Hey, guckst du?"

Heinz Buschkowky ist der Bürgermeister von Neukölln. Der SPD-Mann spricht ohne Filter, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit. "Die Bildungshungrigen, die Aufstiegswilligen, die was wollen und was können und deren Familien intakt sind -, die hauen ab, die verlassen solche Underdog- Quartiere. Das ist eine Abstimmung mit dem Möbelwagen."

Neukölln ist ein extremer Bezirk. Doch seine Probleme sind nicht untypisch für Deutschland. Hier geschieht alles nur etwas früher. Oft ist der Blick nach Neukölln der Blick in die Zukunft. Schon beobachten Sozialforscher mit Sorge in ganz Deutschland eine immer stärkere "Segregation" oder "Entmischung" der Gesellschaft. Die unterschiedlichen sozialen Schichten grenzen sich stärker voneinander ab. Der Graben wird breiter. Das ist die Spaltung der Gesellschaft. Wenn von dieser Spaltung die Rede ist, dann meist von denen ganz oben und denen ganz unten. Doch die lebten schon immer auf unterschiedlichen Planeten. Der Gesellschaftsgraben verläuft heute quer durch Neukölln. Er verläuft zwischen der Unterschicht und der Mittelschicht.

"Die Mitte grenzt sich massiv nach unten ab. Da gibt es inzwischen fast eine Kontaktsperre", sagt Carsten Wippermann vom Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus. Der Soziologieprofessor Hartmut Häußermann von der Berliner Humboldt- Universität spricht von "Statuspanik in der Mittelschicht". Die Stadtentwicklungsforscher registrieren in allen Ballungszentren eine Massenflucht aus den Problemvierteln.

In Städten wie Berlin zieht Jahr für Jahr jeder zehnte Haushalt um. Motor der Entwicklung ist die Sorge um die Kinder. Spätestens beim Nachwuchs hört die Toleranz auf. Die Menschen, die am häufigsten umziehen, sind darum Kinder unter sechs Jahren. Nichts wie weg, bevor das Kind in die Schule kommt. Mit den Kindern von "denen" soll mein Kind nicht aufwachsen. Annette Weber-Vinkeloe hat es länger in Neukölln ausgehalten als die meisten. "Wir hatten eine wirklich schöne, große, helle Altbauwohnung." Die Familie investierte Enthusiasmus und Engagement in das nachbarschaftliche Leben. Zusammen mit ihrem Mann gehörte sie zu den Gründern eines Kinderladens. "Aber nach und nach sind die anderen alle weggezogen." Der Supermarkt setzte einen Wachmann neben die Kasse. Die Nachbarn lärmten im Suff. Irgendwann musste der Buchladen aufgeben. Letzter Anlass war das blutig geschlagene Gesicht ihres Sohnes. "Es war das dritte Mal. Ich wollte nur noch weg."

Es ist eine ruhige Seitenstraße mit hohen Bäumen, in der Annette Weber- Vinkeloe nicht mehr leben wollte. Auf den Parkbänken sitzen Erwachsene und trinken Bier aus Plastikflaschen. Anwohner haben ihre kaputten Sofas und Kühlschränke auf dem Bürgersteig entsorgt. Daneben wachsen die blauen Berge aus Müllsäcken. Resigniert haben die Hauseigentümer das Erdgeschoss der gesamten Straße den Graffiti-Sprühern überlassen. Die Mauersockel der Häuser sind hüfthoch mit Urin vollgesogen. Aus Ekelerfahrung laufen die Fußgänger hier nur in gebückter Haltung, um die Hundehaufen rechtzeitig zu erkennen. In den Problemvierteln ist die Hundedichte stets am höchsten. Die Berliner Stadtreinigung versichert, in diesem Quartier häufiger zu kehren und den Müll abzuholen als im geleckten Türkenpfuhl. Doch gegen den Dreck in solchen Vierteln sei man einfach machtlos.

Am Fahrradständer vor dem Supermarkt parkt ein Dogo Argentino, der neueste Modehund in Deutschlands Underdog- Bezirken. Er ist weiß und ponygroß. In seiner Heimat Argentinien dient das Tier zur Jagd auf Pumas. Allgemein wird der Hund als "sehr durchsetzungsstark" beschrieben, einer, der einen ausgesprochen charakterfesten Halter benötigt. Sonst wird es gefährlich.

Der wichtigste Grund für den Auszug der Mittelschicht - nach der Sorge um die Kinder - ist das, was Sozialforscher die "Kultur im öffentlichen Raum" nennen. Wie sieht es auf der Straße aus, auf den Plätzen? Muss ich aus Furcht immer mal die Straßenseite wechseln? Wenn die Klingelschilder regelmäßig vollgeschmiert werden, wenn der Müll stinkt, wenn der Supermarkt um die Ecke zwei Regale Tiernahrung und zwei Regale Alkoholika anbietet, die Frischeabteilung aber aus einem Eimer fauligem Wasser besteht, in dem ein paar glitschige Bunde Petersilie dümpeln, dann nur noch eins: den Möbelwagen. Die Sorgen um die Schulbildung der Kinder und die Kultur der Nachbarschaft führen also zu einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Üblich sind jedoch völlig andere Erklärungen:

Erstens: Zu viele Migranten stören das Gleichgewicht. Widerspruch. Im Türkenpfuhl ist das Miteinander vorbildlich, obwohl die Hälfte der Bewohner nicht deutscher Herkunft ist. Sie fühlen sich ihren Nachbarn näher als ihren jeweiligen Landsleuten in den Unterschichtsghettos. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht ist also viel prägender als die Herkunft aus einem Land.

Zweitens: Die Einkommensunterschiede sind der Spaltpilz der Gesellschaft. Widerspruch. Annette Weber-Vinkeloe ist nicht umgezogen, weil ihre Nachbarn wenig Geld haben. Anstand ist nicht abhängig vom Kontostand. Viele Menschen mit schmalem Portemonnaie haben keine Probleme mit der Müllentsorgung und erziehen ihre Kinder verantwortungsvoll. Doch Einkommensunterschiede sind die bequeme Universalerklärung für alle Probleme der Gesellschaft, insbesondere für deren Spaltung. "Ich glaube aber, dass sich die Gesellschaft stärker nach kulturellen Kriterien gruppiert als nach ökonomischen", sagt der Soziologe Häußermann.

Die Klassenfrage ist heute keine Geldfrage mehr. Es ist eine kulturelle Angelegenheit. Oberschicht, Mittelschicht, Unterschicht, Klassenfrage - das klingt nach angegammelter Gewerkschaftsrhetorik einerseits und gleichzeitig nach Dünkel und Hochnäsigkeit. Hatten wir in Deutschland nicht das Denken in diesen Kategorien überwunden? In Frankreich, England oder in den USA ist das Bewusstsein für Klassenunterschiede ein alltäglicher Begleiter der Menschen. Bei uns nicht. Warum?

Bis zum Faschismus war Deutschland eine Klassengesellschaft wie die anderen in Europa. Dann brachten die Nazis einen Teil der Eliten um oder vertrieben sie. Außerdem etablierten sie durch die Partei völlig neue Aufstiegsmechanismen. Nach dem Faschismus waren die übrig gebliebenen Eliten diskreditiert. Die DDR versuchte sich an der klassenlosen Gesellschaft. Im Westen entwickelte sich das, was der Soziologe Helmut Schelsky die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nannte. In der Utopie der DDR waren alle Arbeiter und Bauern. Die Utopie der Bundesrepublik kannte nur die Mittelschicht. Die meisten Deutschen sind also mit nur einem geringen Bewusstsein für Standesunterschiede aufgewachsen. Seit einigen Jahren ändert sich das. Die Unterschiede werden stärker wahrgenommen. Womöglich ist Deutschland auf dem Weg zurück zur europäischen Klassengesellschaft.

Das Merkmal, nach dem sortiert wird, heißt jedoch nicht: Du bist, was du hast. Es sind die alten Klassensignale: Du bist, was du isst: In der Mittelschicht wird gesunde Ernährung zur Statusfrage. In den Aufsteigervierteln eröffnet ein Biomarkt nach dem anderen. Fastfood dagegen entwickelt sich zur Hauptnahrung der Unterschicht. Du bist, was du anziehst: Kleidung, Marken, Farben, aber auch Frisuren, Tattoos oder Piercings haben eine enorme Signalwirkung. Generell gilt: Die Mittelschicht mag es unauffälliger. Die Unterschicht steht auf "starke Reize".

Du bist, wie du sprichst: In England ist der Akzent eines der stärksten Klassenmerkmale. Auch in Deutschland gilt: Wer kein korrektes Hochdeutsch spricht, egal, ob Migrant oder Einheimischer, für den bleibt der Weg nach oben versperrt. Du bist, was du glotzt: Die Gesellschaft sortiert sich immer stärker nach den Medienwelten, in denen man lebt. In vielen "bildungsfernen" Haushalten sind auf der Fernbedienung im einstelligen Bereich keine öffentlich-rechtlichen Sender gespeichert. Die besser Gebildeten schauen nicht nur andere Sender, sie lesen auch. Du bist, was du weißt: Das wichtigste Merkmal ist die Bildung. Die Wissensgesellschaft teilt die Menschen zuallererst danach ein, was sie gelernt haben.

Einer der schärfsten Spiegel der Gesellschaft ist der Sport. Über Generationen waren Sportvereine Orte, an denen sich Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft begegneten. Doch Wissenschaftler beobachten, wie sich die Unterschicht von den Sportplätzen zurückzieht. Aufs heimische Sofa. Der Soziologe Markus Friederici, der an der Universität Hamburg über Sportvereine forscht, sagt: "Insbesondere im Fußball beobachten wir, dass die Lust abnimmt, mit oder auch gegen Leute zu spielen, die aus einem anderen sozialen oder kulturellen Milieu stammen."

Die Jungs aus den Vereinen der besseren Viertel beschweren sich, dass die Rabauken aus den Ghetto-Klubs brutal einsteigen oder nie zugeben, wenn sie den Ball zur Ecke berührt haben. Auf Fußballplätzen gibt es jedes Wochenende Hauereien. In der Mittelschicht wird darum Hockey immer beliebter. Es gibt Sportarten für jedes Milieu: Wenn die Unterschicht sich überhaupt bewegt, dann spielt sie Fußball, boxt oder ringt. In der Leichtathletik, beim Turnen, im Volleyball oder beim Schwimmen bleiben Gymnasiasten oder Erwachsene mit Abitur unter sich.

"Los, Jungs, nicht nachlassen, jetzt noch mal beißen!" Mitten in Neukölln, auf dem Teltowkanal, tuckert ein kleines Motorboot. Der Mann am Steuer ist ein Trainer der Rudergesellschaft Wiking. Er hält sich das Mikro eines Megafones vor den Mund. Seine Anweisungen brüllt er Kerlen in einem Vierer ohne Steuermann zu. Gnadenlos brennt die Sonne. Männerschweiß rinnt ins Boot. Seit über einer Stunde pullen die vier 18-Jährigen im Grenzbereich. In ihren Ohren rauscht das Blut. Ihre Oberschenkel fühlen sich an, als würden sie gleich platzen. "Jetzt noch mal volle Konzentration!", scheppert es aus dem Lautsprecher. "Und eins, zwei, drei …" Dies ist bereits die zweite Trainingseinheit des Tages. Die erste, am frühen Morgen, war noch länger und noch härter. Ein ganz normaler Samstag.

Seit mehr als 100 Jahren

entdeckt der Traditionsverein Wiking Talente und führt sie zu Meistertiteln. Der Vierer quält sich für die deutschen Jugendmeisterschaften. An zweiter Position rudert Patrick Strankowski. Der Modell-Athlet ist für den Verein etwas ganz Besonderes. Denn Patrick kommt aus der Nachbarschaft, aus einer der elenderen Straßen Neuköllns. Und er ist ein Berliner mit "Migrationshintergrund". Seine Eltern sind aus Polen eingewandert. Damit ist Patrick seit vielen Jahren der erste Junge aus den Unterschichtsquartieren und der einzige Junge nicht deutscher Herkunft im Klub, aus dem ein richtiger Ruderer geworden ist. "Als ich angefangen habe, war ich 13. In der Schule lief es nicht so gut, und ich war, na ja, ziemlich moppelig", erzählt Patrick.

Aus allen Teilen Berlins kommen Jungen zum Rudern an den Teltowkanal. Nur nicht aus Neukölln. "Wir versuchen wirklich alles, um es zu verhindern, aber wir entwickeln uns zu einem rein bürgerlichen Verein", sagt Matthias Herrmann, der Vereinsvorsitzende. Regelmäßig gehen "Wikinger" auf Werbetour durch Neuköllner Schulen, und regelmäßig kommt danach ein gutes Dutzend Jungen zum Probetraining. Eine Handvoll hält ein, zwei Monate durch. Dann sind alle wieder weg. Bis auf Patrick. "Der ist die absolute Ausnahme. Generell sind unsere Erfahrungen mit den Jungen von hier sehr schlecht, manche müssen wir sogar nach Hause schicken", klagt der Vorsitzende. Grund ist nicht der Mitgliedsbeitrag, der wird bei Bedarf erlassen. "Ich komme immer mehr zu der Überzeugung: Die heutige Unterschicht kann nicht mehr rudern", sagt Herrmann.

Die überraschende Diagnose des Vereinsvorsitzenden

erklärt mehr über die Spaltung der Gesellschaft als so manche soziologische Studie: Beim Rudern darf niemand aus der Reihe tanzen. Wenn nur einer im Achter den Rhythmus der Gemeinschaft stört, fallen alle acht ins Wasser. Und wenn einer nicht zum Training erscheint, kann keiner rudern. Beim Rudern müssen sich alle unterordnen, zu hundert Prozent. Wer das nicht kann, dem nützen Kraft und Geschicklichkeit wenig. Der kann nicht rudern. Disziplin, Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Pflichtbewusstsein - die viel geschmähten Sekundärtugenden entscheiden jedoch nicht nur, ob jemand ein guter Sportler ist. Sie bestimmen den Lebensweg eines Menschen maßgeblich mit. Oft teilen sie ein, wer auf welcher Seite des großen Grabens lebt, wer oben und wer unten ist. Wer rudern kann, gehört nicht zur Unterschicht.

Patrick kann rudern. Bald wird er sein Abitur machen. "Was ich studiere, weiß ich auch schon. Ich habe mir meine Ziele gesteckt, wie beim Rudern." Vor Kurzem ist die Familie Strankowski umgezogen. "Wenn man was für seine Kinder tun will, muss man von da weg", sagt Oktay Urkal. Er ist einer der berühmtesten Berliner Türken, ein Profiboxer, der mehrfach um die Weltmeisterschaft gekämpft hat. Der "Ali von Kreuzberg" wohnt heute in Lichtenrade, mit dem Auto eine halbe Stunde von Kreuzberg entfernt. "Wegen der Kinder. Die sollen in gute Schulen gehen und deutsch sprechen." Urkal ist kein Bildungsbürger. Sowohl Türkisch als auch Deutsch beherrscht er nicht fehlerfrei. Er ist als fünftes von sechs Kindern aufgewachsen. "Meine Eltern haben mich nicht wirklich erzogen. Die hatten anderes zu tun." Die Schule machte Probleme. Irgendwann entdeckte er das Boxen. "Da waren viele, die talentierter waren als ich. Aber die haben es nicht durchgehalten. Keine Disziplin. Manche leben heute von Hartz IV. So sind die Regeln."

Nervös tigert der Boxer durch den Flur seines Einfamilienhauses. "Los, Enis, mach schon!" Urkal bringt seinen siebenjährigen Sohn zum Fußballtraining beim SV Adler Lichtenrade. Drei Minuten nach Trainingsbeginn schleicht Enis sich auf den Platz. Der Trainer entdeckt ihn, baut sich vor ihm auf und tippt mit dem Zeigefinger auf die Uhr. Bis zum Spielfeldrand kann man ihn toben hören. Auf der Tribüne sitzt der berühmte Vater neben ein paar Müttern und strahlt. "Jetzt lernt er was."

Das genaue Gegenteil erlebt Urkal am Abend in einem türkischen Boxstudio. Alle paar Wochen geht er dorthin, um ein wenig zu trainieren und ein paar Kumpel zu treffen. Offizieller Trainingsbeginn ist halb acht, doch um acht kommen noch immer neue Sportler dazu. Da verdrücken sich die ersten schon an die Bar. Ein dicker Junge strahlt, als er den berühmten Boxer sieht, und grüßt ihn überschwänglich. Oktay Urkal tippt ihm mit den Fäusten auf die schwabbeligen Hüften: "Was ist das hier? Und zu spät kommst du auch. Nennst du so was Training?" Später erzählt Urkal den Freunden von dem strengen Trainer seines Sohnes. "Das wäre hier unmöglich", sagt Mutlu Taser, der Besitzer des Gyms. "Ein falsches Wort, und die Jungs sind weg. Wir sind ja schon froh, wenn überhaupt mal einer länger als ein paar Wochen durchhält."

Oktay Urkal kennt das. "Die Fliegen kommen nur, solange die Kacke frisch ist." Die Arbeitersportbewegung wurde einst in Neukölln geboren. Im Jahnpark steht dort ein Denkmal für Turnvater Jahn. Heute ist der Park fest in der Hand afrikanischer Dealer, und die Unterschicht treibt keinen Sport. Zu Zeiten des Turnvaters waren die Arbeiter stolz. Sie blickten runter auf das "Lumpenproletariat", auf Bettler, Gauner, Lumpensammler, auf Menschen, die sich gehen ließen, denen das Zeug zum richtigen Arbeiter fehlte. Die Arbeiterklasse war nicht nur eine Produktions gemeinschaft, sondern auch eine Wertegemeinschaft, orientiert an Tugenden wie Fleiß, Verlässlichkeit und Gemeinschaftssinn. Vor allem aber wollten die Arbeiter aufsteigen. Vermutlich hatte die Arbeiterklasse von damals viel mehr mit der heutigen Mittelschicht gemein als mit der heutigen Unterschicht.

Die Absetzbewegung von der Unterschicht hat inzwischen auch das linksalternative Milieu erreicht. Nirgendwo gibt sich Deutschland so alternativ wie am Paul- Lincke-Ufer in Berlin Kreuzberg. Genau dort ist Jörg Machel Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Emmaus-Ölberg. "Wir taufen hier noch kräftig, aber wir haben kaum noch Konfirmationen", sagt er. "Wenn die Kinder konfirmiert werden, sind die Familien längst weggezogen." Manfred Gottert wohnt in Kreuzberg. Nächstes Jahr wird sein Sohn eingeschult. Darum schaut er sich am Wochenende Wohnungen an. In Wilmersdorf, einem typischen Mittelschichtsbezirk. "Ganz oft treffe ich da Eltern aus der Kita meines Sohnes", berichtet der Vater. Gottert würde gern bleiben. Ihm gefällt diese weltweit einzigartige Mischung. "Aber die Schulen hier sind einfach zu schlecht. Der allergrößte Teil der Kinder spricht kaum Deutsch, auch viele deutsche Kinder. Wie soll mein Sohn da was lernen?"

Um Bleiben zu können,

haben sich viele Eltern zusammengetan. Sie wollen eine Privatschule gründen, zusammen mit der evangelischen Kirche, mitten in Kreuzberg. Privatschulen boomen in Deutschland. Zwischen 1992 und 2005 ist die Zahl der Privatschüler um 43 Prozent gestiegen. Die Nachfrage ist noch höher, doch die Behörden sind zurückhaltend bei den Genehmigungen. Besonders in Kreuzberg. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sind die Grünen die stärkste Partei. Sie stellen die für Schulpolitik zuständige Stadträtin: Monika Herrmann ist in der Zwickmühle. Einerseits finden Grüne Initiativen von unten klasse. Das sind ihre Wurzeln. Andererseits: Die staatlichen Schulen brauchen dringend engagierte Eltern und Deutsch sprechende Kinder aus intakten Familien. Wenn die sich in Privatschulen verkrümeln, bleibt die Unterschicht in den Ghetto-Schulen völlig unter sich. "Ich verstehe die Eltern, aber aus gesellschaftspolitischen Gründen kann ich das nicht unterstützen", sagt die Stadträtin.

"Wir sitzen auf gepackten Koffern", sagt Dominik Wollenweber. "Entweder die Schule kommt, oder wir gehen." Wollenweber spielt Englischhorn und Oboe bei den Berliner Philharmonikern. Seine Frau Szilvia Pápai ist Oboistin am Konzerthaus-Orchester. Zusammen haben sie drei Kinder. Das vierte ist unterwegs. "Eine ganz normale Schule für unsere Kinder, mehr verlangen wir gar nicht", sagt Wollenweber. Die beiden Musiker wünschen sich natürlich, dass ihre Kinder ein Instrument lernen. "Nicht um Musiker zu werden. Sie sollen was machen, wofür sie einen langen Atem brauchen." Um in einem Orchester spielen zu können, braucht man ziemlich exakt dieselben Tugenden wie zum Rudern. Kein Wunder, dass Sport und Musik bei Mittelschichtseltern so hoch im Kurs stehen. Nicht so in der Unterschicht. "Musik machen fast ausschließlich Kinder aus intakten, bürgerlichen Familien", sagt Volkmar Bussewitz, der Leiter der Musikschule in Neukölln. "An die bildungsabgewandten Familien kommen wir nicht ran."

In Neukölln, berichtet Bussewitz, gibt es Schulen, an denen kein einziges Kind ein Instrument lernt. Die evangelische Privatschule in Kreuzberg soll natürlich einen musischen Schwerpunkt bekommen. Privatschule, das hört sich nach Kindern an, die morgens vom Chauffeur gebracht werden. "Wir wollen auf keinen Fall eine Schule für Reiche oder eine Art Eliteschule", sagt Annerose Steinke, die stellvertretende Vorsitzende der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Das Schulgeld richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. Etwa zehn Prozent sind von den Gebühren ganz befreit.

Dieanderen zahlen im Schnitt 65 Euro im Monat. Jeden Tag eine Schachtel Zigaretten zu rauchen ist fast doppelt so teuer. Das Schulgeld ist also nicht entscheidend. "Uns ist das Einkommen der Eltern egal. Wir wollen vor allem Eltern, die sich für die Schule engagieren", sagt Annerose Steinke. Engagierte Eltern. Genau das ist die Bruchkante der Gesellschaft. Auf der einen Seite sind die aktiven Eltern, die sich kümmern, ihre Kinder bewusst erziehen und nach Kräften fördern. Ihnen gegenüber sind die passiven, überforderten Eltern, die ihre Kinder einfach groß füttern, ihre Entwicklung laufen lassen und zufrieden sind, wenn die Kinder nicht kriminell oder schwanger werden. Engagement, das hört sich freundlich an. In Wahrheit ist Engagement das zuverlässigste Ausschlusskriterium, der sichere Schutzwall der Mittelschicht. Damit bleibt die Unterschicht draußen.

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