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25. August 2004, 12:32 Uhr

"Hartz IV ist Abbruch"

Es sind harte Zeiten für den Arbeiterführer. Seine SPD Obergenossen lassen ihn im Stich, setzen Reformen durch, die er verachtet. DGB-Chef Michael Sommer sieht sich im heftigen Kampf um "die Würde der Menschen".

Für manche im Land sind die Gewerkschaften zu mächtig, werfen zu lange Schatten. DGB-Chef Michael Sommer, 52, hingegen meint, dass es in Deutschland eine ganz große Koalition für den Sozialabbau gibt© Volker Hinz

Herr Sommer, immer, wenn man Sie im Fernsehen sieht, haben Sie diesen Blick eines traurigen Dackels.

Ja? Die Zeiten sind ernst, wir Gewerkschafter haben wenig zu lachen. Neulich sagte der Kabarettist Bruno Jonas im Fernsehen, es war im "Scheibenwischer": "Mensch, der Michael Sommer kann lachen!" Alle im Saal lachten - über mich.

Ich sag's doch: Sie sind ein armer Hund.

Ich sehe mich nicht so, nicht als eine traurige, faltige Gestalt; ich mach auch ganz gern mal hinterfotzige Anmerkungen...

Ja?

Ja! Ich bin doch Berliner!

Sie sind der DGB-Vorsitzende.

Ich muss in diesem Amt eigentlich jedes Wort auf die Goldwaage legen. Aber genau das will ich nicht. Ich will echt und authentisch sein, ich will...

Sie mögen wollen, aber Sie können doch nie sagen, was Sie wirklich denken: Sie müssen Rücksicht nehmen auf die mächtigen Chefs der Einzelgewerkschaften: Bsirske, Peters, Schmoldt.

Ich muss vermitteln können, das stimmt, aufpassen, dass nicht der Spaltpilz in der Gewerkschaft hochkommt. Die Zeiten sind ernst, die Gewerkschaften, alles Soziale ist unter Attacke.

Neulich hat Kanzler Schröder Sie und den IG-Metall-Chef Peters regelrecht zusammengestaucht: "Wer vertritt die Arbeitnehmerinteressen?", brüllte er: "Ich!" Und ist aus der Sitzung einfach rausgerannt!

Ganz so war es nicht! Aber ja, so ist er halt. Er versucht, mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, Gunst und Ehre zu verteilen, Menschen unter Druck zu setzen. Aber ich kann mit ihm schon sehr persönliche Gespräche führen.

Ja? Aber er kann auch ganz schön zynisch sein. Neulich, als Sie ihn auf einem Staatsbesuch nach Afrika begleiteten, wollte er Sie dort zurücklassen.

Das war so eine Schröder-Nummer auf dem Flughafen in Ghana. Das war kein Frotzeln. Er wollte den anderen zeigen: Den schneiden wir jetzt! Das ist verletzend. Aber allen Angriffen zum Trotz denke ich: Ich habe das schönste Amt, das Gewerkschaften zu vergeben haben!

Vielleicht gehen Sie ja als der Gewerkschaftsführer in die Geschichte ein, der die Arbeiterbewegung in die Bedeutungslosigkeit geführt hat - Seit' an Seit' mit der SPD. Mitglieder rennen Ihnen weg, und...

Lassen Sie doch bitte die SPD weg, die muss ihre Probleme selber lösen. Man sollte erst kurz vor seinem Tod drüber nachdenken, womit man in die Geschichte eingeht. Ich habe noch nicht die Absicht, zu sterben. Ich bin SPD-Mitglied, aber ich bin zuallererst Gewerkschafter, und ich will diesen Laden zusammenhalten.

Da haben Sie viel zu tun. Ihre Mitglieder bekämpfen einander lustvoll: Für IG-Chemie-Chef Hubertus Schmoldt sind die Arbeitsmarktreformen "notwendig". Steffen Lemme, DGB-Chef von Erfurt, nennt sie "soziale Schweinereien", gegen die man auf die Straße, zu den Montagsdemos, muss.

Unsere Leute vor Ort wissen schon, wie wichtig diese Demos sind. Und genauso normal ist es, dass wir über Inhalte, also auch über diese Demos, diskutieren. Manchmal knirscht es dann, na und? Ich verteidige die Einheitsgewerkschaft, aber es stimmt schon: Es ist viel, viel schwieriger, als ich es bei meinem Amtsantritt vor zwei Jahren gedacht habe.

Damals sagten Sie: "Die deutschen Gewerkschaften sind stark. Wir haben eine erfolgreiche Zukunft!"

Ja, das glaube ich noch immer! Wir müssen attraktiv sein, starke Gewerkschaften sind wichtig für das Land - gerade jetzt! Wer, wenn nicht wir, schützt die Arbeitnehmer vor Willkür und Lohndumping?

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