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Ist da noch jemand?

Leere Häuser, stillgelegte Bahnhöfe: In einigen Regionen schlägt der Bevölkerungsschwund bereits voll durch. stern.de hat die Republik von West nach Ost durchquert. In Teil eins unserer Serie lesen Sie, was demografischer Wandel bedeutet - und warum die Sachsen früher reagiert haben als die Niedersachsen.

Von Sebastian Christ

Ein Problem, drei Szenen: zunächst eine Plattenbausiedlung im ostdeutschen Hoyerswerda. Auf dem Pflaster vor dem Eingang liegen Scherben, jemand hat die Scheiben im Parterre eingeschlagen. Hunderte Fenster sind bereits blank und leblos, nur noch zwei oder drei Leute schauen heraus auf die Straße. In einem Monat wird das Hochhaus abgerissen. Es ist hier genauso einsam wie vor dem Provinzbahnhof im Sauerland, wo viele Menschen umsteigen, aber kaum jemand mehr aussteigt. Gras wuchert über den Schienen. Aus dem Turm einer katholischen Kirche im Ruhrgebiet wächst sogar ein Baum. Das Gotteshaus verfällt seit sechs Jahren, weil es immer weniger Gläubige im Bistum Essen gibt. Fast 100 Kirchen müssen geschlossen werden, manche werden sogar abgerissen. Mit ihnen geht ein Stück deutsche Kulturgeschichte zugrunde.

Deutschland hat ein demografisches Problem. Selbst in den kinderreichsten Regionen des Landes gibt es statistisch gesehen zu wenig Nachwuchs. Die Geburtenrate liegt in Deutschland bei etwa 1,4 Kindern pro Frau. Um den Bevölkerungsstand ohne Einwanderung halten zu können, müssten 2,1 Kinder pro Frau geboren werden. Gleichzeitig wächst der Anteil der Alten an der Gesamtbevölkerung: Im Jahr 1960 waren 17,4 Prozent der Deutschen über 60, im Jahr 2020 werden es nach Schätzung des Statistischen Bundesamtes schon mehr als 30 Prozent sein. Deutschland trocknet in der Fläche aus. Mit zum Teil dramatischen Auswirkungen.

Demografie - die leise Revolution

Von Westen nach Osten zieht sich mittlerweile ein loses Band verlassener Regionen, ein Kalkgürtel, in dem die Republik älter und verwaister wird. Das Ruhrgebiet, Teile Nordhessens, Südniedersachsen, Nordfranken sind betroffen, hinzu kommen latente demografische Krisenherde wie das Saarland, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Im Osten sind die Zahlen durchgehend schlechter als im Westen, doch besonders entlang der früheren innerdeutschen Grenze nähern sie sich an. Es ist eine leise, schleichende Revolution. Man spürt sie nicht, wenn man in Hamburg-Sternschanze wohnt, oder in Berlin-Prenzlauer Berg, wo man an sonnigen Samstagen kaum über eine belebte Kreuzung gehen kann, ohne mit einem Kinderwagen zu kollidieren. Aber man spürt sie, wenn man die deutschen "Leerstellen" bereist. stern.de war vor Ort und stellt sie in einer Serie vor.

Im Ruhrgebiet ist diese Entwicklung schon seit den 70er Jahren fassbar, lange Zeit firmierte sie unter dem Label "Strukturwandel": Nach der großen Krise in der Kohle- und Schwerindustrie verließen immer mehr Menschen die frühere wirtschaftliche Herzkammer der Republik. Gelsenkirchen verlor seitdem mehr als 30 Prozent seiner Einwohner, Essen etwa 20 Prozent, Duisburg und Oberhausen 16 Prozent. Ein Problem, das heute Folgeprobleme erzeugt. Strukturell gesehen steht Gelsenkirchen zwar wieder einigermaßen gefestigt da, es gibt nach Angaben der Stadt seit zwei Jahren sogar etwas mehr Zu- als Abwanderer. Doch der hohe Überschuss an Sterbefällen dezimiert die Bevölkerung der Stadt weiterhin um etwa 1500 Einwohner jährlich - weil es dort nach Jahren des Exodus nur noch relativ wenig junge Menschen gibt, die eine Familie gründen könnten.

"Politiker drücken sich"

Mit den Prozessen, die sich im Ruhrgebiet vollziehen, werden bald viele Regionen zu kämpfen haben. Bereits im Jahr 2020 wird die Hälfte aller deutschen Landkreise ein Bevölkerungsminus verzeichnen. "Die Menschen drängt es vor allem in das Umland großer Städte. Entlegene, ländliche Regionen verlieren in Ost wie West einen erheblichen Teil ihrer Einwohner. Die Schwundzonen überaltern rasch und werden künftig durch Sterbefallüberschüsse rasch Bevölkerung verlieren", heißt es in einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung aus dem Jahr 2006.

Lange Zeit war das Wort vom "demografischen Wandel" ein Tabu, besonders lang in Westdeutschland. Dort profitierten viele Landkreise in den ersten Jahren nach der Wende noch vom Zuzug junger Ostdeutscher und Spätaussiedler. Danach wollten viele Politiker erst einmal nicht wahrhaben, was ihnen Wissenschaftler erzählten. Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut erinnert sich: "Ich habe vor Jahren in Nordhessen einen Vortrag gehalten. Mit den Prognosen für die kommenden Jahre. Damals sagte mir ein Landrat offen: 'Das glaube ich ihnen nicht'". Auch im Ruhrgebiet habe es früher eine gewisse "Peinlichkeit" im Umgang mit den schlechten Bevölkerungsprognosen gegeben. "Mein Eindruck war: Die Menschen merken es, aber viele Politiker drücken das Problem von sich weg."

Vorteil für die großen Zentren

Im Osten dagegen habe der größere Problemdruck schon früher dazu geführt, dass sich Politiker und Bevölkerung mit den sinkenden Einwohnerzahlen beschäftigen mussten. "Wenn zum Beispiel eine Abwasseranlage versackt, weil der Fließdruck immer niedriger wird. Dann kann man nicht alles aufschieben, man muss etwas tun", sagt Kröhnert. Einige Kommunen haben bereits drastische Konsequenzen gezogen. Im sächsischen Hoyerswerda etwa gibt es einen Abrissplan für knapp ein Viertel des gesamten Stadtgebietes. Danach, so hofft die Stadtverwaltung, habe sich die Kommune "gesundgeschrumpft". Das einstige Industriezentrum im Osten hat seit der Wende etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. "Es wurde immer gelehrt: Mehr Verkehr, mehr Wohnraum, die Städte müssen wachsen", sagt etwa Dietmar Wolf, Dezernent bei der Stadt Hoyerswerda. "Der Rückbau ist eine neue Disziplin, die erst vor zehn Jahren entstand."

Perspektive haben derzeit vor allem die großen regionalen und überregionalen Zentren. Köln etwa, als größte Stadt Nordrhein-Westfalens, wird in den kommenden Jahren kaum Einwohner verlieren - obwohl auch hier die Bevölkerung immer älter wird. Die Region Leipzig wächst seit der Jahrtausendwende sogar wieder, und das Rhein-Main-Gebiet zieht Menschen aus ganz Hessen an. Auch im Kleinen lässt sich diese Entwicklung beobachten: Laut Studie der NBank gab es unter den 49 südniedersächsischen Gemeinden nur neun, die ihre Bevölkerung halten oder vergrößern konnten. Alle lagen rings um Göttingen, dem wirtschaftlichen Zentrum der Region.

Gesucht: der Masterplan

Der demografische Strukturwandel verteilt sich unfair, und er hat jetzt auch jene erreicht, die ihn in den 70er Jahren noch für ein rein ruhrdeutsches Phänomen gehalten haben. Leugnen hilft nicht mehr, die ersten Krankheitssymptome sind schon sichtbar. Jede Stadt in den Schrumpfregionen braucht jetzt einen Masterplan, um dem Bevölkerungsschwund entgegen zu wirken. Alles andere wäre mehr als fahrlässig. Es wird Überraschungsgewinner in dieser Entwicklung geben. Und Städte, deren Vergangenheit weit größer ist als die Zukunft - weil ihre Verwaltungen den Anschluss an die demografische Moderne verpasst haben. Wer dort in 30 oder 40 Jahren noch lebt, war entweder zu alt, zu dumm oder zu sentimental, um wegzuziehen.

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