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Ziel Holzminden - das Desaster Nahverkehr

Der Nahverkehr ist für die Provinz immens wichtig. Doch wo immer weniger Menschen wohnen, gibt es auch immer weniger Fahrgäste. Das Netz verödet. stern.de begab sich auf Expeditionstour: 120 Kilometer Distanz, fünfeinhalb Stunden Fahrt. Ein Erfahrungsbericht.

Von Sebastian Christ

Und ich sagte mir: Hey, was gibt es heute schon noch für Abenteuer? Alle großen Berge sind bestiegen, die Welt wurde mit dem Ballon umrundet und der Atlantik von Männern und Frauen durchschwommen. Dann merkte ich, dass die wahren Herausforderungen vor der Haustür liegen, und dass absurde Anstrengungen keinen weltläufigen Superlativ benötigen. Das öffentliche Nahverkehrsnetz in Nordhessen und den angrenzenden Regionen! Wo die Bevölkerung zurück geht, gibt es auch immer weniger Busse und Bahnen. Den Streckenschließungen sei Dank: Von Frankenberg nach Holzminden, Luftlinie 120 Kilometer, direkter Weg - fünfeinhalb Stunden mit fünf Umstiegen über insgesamt sieben Bahnhöfe. Verdammt. Mein Plan stand fest.

Es ist morgens um halb neun in Frankenberg an der Eder, Bahnhof, Sonnenschein, und die große Herausforderung fängt ganz klein an: Ich möchte die erste Teilstrecke nach Korbach fahren, doch der richtige Bus ist weit und breit nicht zu sehen. Irgendwo neben dem brüchigen Putz der alten Wartehalle steht ein roter Bahnbus, doch der brummt nicht. Von hinten kommt Momente später ein silberfarbener Schulbus mit viel zu engen Sitzreihen angefahren, neongelbe LED-Anzeige. Treffer.

Eine Bahnlinie? Gibt's seit 20 Jahren nicht mehr

Früher gab es einmal eine Bahnlinie nach Korbach, doch die wird seit über 20 Jahren nicht mehr bedient. Es folgte eine regelmäßige Buslinie, meist mit komfortablen Bahnbussen. Jetzt fährt morgens eine private Firma, die auch Schulbuslinien in der Region stellt. Der Fahrer scheint mental noch voll auf Kinderbetreuung gepolt zu sein. Er sitzt hinterm Lenkrad, schielt missmutig auf meine Bäckertüte. "Du kannst hier schon essen", sagt er. "Aber pass bloß auf, dass Du nicht so viel krümelst."

Zwei Fahrgäste sitzen im Bus, einer davon bin ich. An den Fenstern ziehen die Ederauen mit ihren krummen und knorrigen Bäumen vorbei, das Wasser des Flusses glitzert im Morgenlicht. Nach verschiedenen Schätzungen werden bis 2020 zwischen vier und zehn Prozent der Menschen Nordhessen verlassen. Auf den ersten zehn Kilometern sind die Bushäuschen leer, erst am Edersee steigen wieder Leute zu. Die Straßen sind wie sauber, gepflegt, als hätte sie einer gefegt und wäre dann gegangen.

In Korbach irren zwei Teenagermädchen durch die Bahnhofshalle. Sie wollen den nächsten Bus Richtung Volkmarsen und Kassel nehmen. Die Frau am Schalter sagt: "Der fährt nur am Wochenende. Da müssen sie sich noch ein wenig gedulden". Auch im Nordhessischen Verkehrsverbund wurden in den vergangenen Jahren wichtige Buslinien zusammengestrichen. Unter anderem auch der Linienverkehr zwischen Frankenberg und Kassel. Gäbe es tagsüber noch eine regelmäßigen Verbindung, meine Reise wäre mindestens eine Stunde kürzer ausgefallen. Die einzige Alternative zum Bus ist eine Zugverbindung über Marburg. 100 Kilometer Umweg, eine Stunde weniger Fahrtzeit, fast der doppelte Fahrpreis. No way. Aber das sagt sich so leicht.

5700 Kilometer Schienennetz gekappt

Die Rechnung ist einfach: Nahverkehr bringt nur dort Gewinne, wo es auch potenzielle Kunden gibt. Leidet eine Region unter Bevölkerungsschwund, sinkt auch das Profitpotenzial. Zwar ist die Bestellung des Nahverkehrs Ländersache und damit auch eine politische Frage, doch auch die Verkehrsgesellschaften müssen rentabel arbeiten. "Generell ist es so, dass es auf dem flachen Land fast nur noch Schulbusverkehr gibt", sagt Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn.

Das Bündnis "Deine Bahn", in dem sich unter anderem Sozialdemokraten und Grüne gegen eine Privatisierung des Personen- und Güterverkehrs engagieren, rechnete jüngst vor, dass von 1994 bis 2005 insgesamt 5700 Kilometer Schienenstrecke und 500 Bahnhöfe stillgelegt wurden. Die Befürchtung: Bei einem Börsengang der Deutschen Bahn könnte sich diese Zahl drastisch erhöhen. Mit erheblichen Konsequenzen für den Zugverkehr in der Fläche.

Ich steige in einen knutschroten, rundlichen Schienenbus um. Fast eine Viertelstunde lang führt die Strecke nur durch dichten Wald und über sattgrüne Wiesen. Keine Siedlung kreuzt den Weg. Kurz vor Usseln, am Rande des Sauerlandes, werden die Hügel zu kleinen Bergen, die Täler sind steiler, von unten schauen die Kühe von ihren Weiden neugierig den Hang herauf. Die Geräusche des Dieselmotors werden von den Nadelbaumreihen zurückgeworfen. Man kann Wummern der Kolbenhübe beim Anstieg im Bauch spüren.

In Brilon Wald fährt wieder nur ein Bus

Nächste Station: Brilon Wald. Und die heißt wirklich so. Von hier aus fahren Züge ins Ruhrgebiet. Zum Beispiel nach Hagen, ein urbaner Traum, der mehr als zwei Zugstunden entfernt liegt. Da die Bahnstrecke nach Marsberg gesperrt ist, nehme ich wieder einen Bus. Wieder ein privater Busunternehmer, wieder enge Sitze, die kaum belegt sind. Aus den Lautsprechern schallt das Vormittagsprogramm von HR4, das hier in Südwestfalen mit einigen wenigen atmosphärischen Störungen noch gut empfangbar ist.

Zweieinhalb Stunden auf Tour. Ich blicke ich aus dem Fenster und sehe die Wiesen im Morgentau, ich sehe Schäfer und ihre Schafherden, Bussarde, sogar ein Reh, genieße ich die Natur, und das besondere Licht, und die unbeschreiblich schöne Stille, weil ich genau weiß, dass es voran geht. Wenn auch sehr, sehr langsam.

Im Radio spielen sie jetzt Melina Mercouri:

Ein Schiff wird kommen/ Und meinen Traum erfüllen/ Und meine Sehnsucht stillen/ Die Sehnsucht mancher Nacht

Marsberg leidet besonders unter dem Wegzug von jungen Menschen, hat immerhin noch einen Bahnhofskiosk. Doch der Betreiber schaut lieber im Hinterzimmer die Übertragung der Olympischen Spiele aus Peking an. Hinter mir läuft der Busfahrer hinterher. "Haben sie mir eigentlich ihre Fahrkarte gezeigt?" Ich schaue ihn staunend an und hole das Papiertäschchen aus meinem Rucksack. Er ist der erste, der heute meinen Fahrschein kontrollieren will.

Sträucher auf dem Bahnhofsdach

Ohne Probleme geht es weiter bis nach Warburg. Mittlerweile ist es Mittag. Früher existierte eine Zuglinie von Frankenberg nach Warburg. Heute wachsen vom Dach des Bahnhofsgebäudes Grashalme, und auch einige Sträucher hängen herunter. Wie unvermeidbare Ornamente. Der Bahnhofsschalter ist nur noch durch den Hintereingang erreichbar, Renovierungsarbeiten, an den beigefarbenen Wänden hängen jahrealte Klebereste von Tesafilmstreifen.

Im Express nach Altenbeken gibt es nur ein Problem: Den Güterzug vor uns. Er fährt mit der Geschwindigkeit einer Schubkarrenkolonne durch die Mittelgebirgslandschaft, und so verpasse ich beinahe den Zug nach Holzminden, meiner Endstation. Sprint über die Bahnsteige, überall Güterschienen, Signale, Weichen. Hinter dem Bahnhofsgebäude fährt die Regionalbahn ein.

Nach fünf Stunden und zwanzig Minuten erreiche ich Holzminden, wo die Bahnangestellte Süßigkeiten verkauft, weil ein Kiosk sich nicht mehr lohnt, und die Taxifahrer in der Mittagssonne auf Fahrgäste warten, die Schlange der beigefarbenen Droschken am Taxistand besteht aus zwei Wagen.

Wann ist die deutsche Provinz am Ende? Wenn man nicht mehr aus ihr herauskommt. Und das Gras in dichten Büscheln über jene Schienen wuchert, die einst so etwas wie eine Lebensader waren.

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