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Denn sie wissen nicht, was sie tun

Die Bundestags-Debatte hat gezeigt: Die Union hat sich auf Gedeih und Verderb an die abstruse Wirklichkeit des Ministers Guttenberg gekettet. Der politische Flurschaden ist gewaltig.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Das Guttenberg-Virus hat fatale Folgen. Es verfälscht die Wahrnehmung, lähmt analytische Fähigkeiten, lässt die Grenzen zwischen richtig und falsch verschwimmen, zwischen Schein und Sein, zwischen Dichtung und Wahrheit. Das Virus hat nicht nur den Verteidigungsminister infiziert, sondern wurde von der Kanzlerin auch der Union verordnet, als Anti-Körper zur Immunisierung gegen schmerzhafte Wahrheiten. Wie das Guttenberg-Virus wirkt, konnte am Mittwoch im Bundestag gut am Auftritt des Verteidigungsministers, vor allem aber an den Argumenten der schwarz-gelben Regierungsparteien abgelesen werden.

Trittin vergleicht Guttenberg mit Felix Krull

Die Opposition - allen voran der rhetorisch brillante Grüne Jürgen Trittin, aber auch der gekonnt argumentierende SPD-Mann Thomas Oppermann - entlarvte Guttenbergs Verteidigungsstrategie als das, was sie ist: Der Versuch eines gefallenen Politstars, sich aus der Verantwortung zu stehlen, sich mit billigen Behelfsargumenten und einer populistischen Buß-Inszenierung an der Macht zu halten, getragen von anhaltend guten Umfragewerten. Sie entlarvte auch Guttenbergs Salamitaktik, nur Stück für Stück die Fehler in seiner Dissertation einzugestehen ebenso wie die Absurdität der Behauptung, er habe nicht bewusst oder absichtlich getäuscht. "Das ist eine Schutzbehauptung", die wir nicht akzeptieren können, schimpfte Trittin. "Die Bundeswehr darf nicht mehr von einem Felix Krull kommandiert werden", sagte der Grüne - und forderte die Kanzlerin auf, Guttenberg zu entlassen. Würde sich Guttenberg noch für eine sachlich-argumentative Auseinandersetzung, für die Verankerung seiner Person in einem bürgerlich-konservativen Wertekanon interessieren, müsste er nach dieser Schelte im Bundestag eigentlich zurücktreten.

Die Kanzlerin lässt sich nicht blicken

Aber all das wird, wenn nicht noch etwas Gravierendes geschieht, genau nicht passieren. Die Kanzlerin wird Guttenberg nicht entlassen, und freiwillig gehen wird er auch nicht. Stattdessen wirkt das Virus. Guttenberg inszenierte sich als Büßer, der Fehler begangen habe, als allzu menschlichen Helden, der sich im Bundestag mutig dem Stahlgewitter seiner Kritiker stellte - und dafür sogar Beifall heischt. Ja, er habe Fehler gemacht, aber er sei kein Plagiator, denn das bedinge Vorsatz, so der Minister. Das Motto lautet: Ich wusste nicht, was ich tat. Die Seinen stützten Guttenberg in seiner Weltsicht. Ist doch toll, dass wir hier einen fehlbaren Menschen unter uns haben! Gibt's nichts Wichtigeres auf der Welt? Der Mann macht doch einen guten Job. Das waren die mittlerweile klassischen Argumente der Guttenberg-Fans. Die Wagenburg der Union hat sich geschlossen, auch die windelweichen FDP-Redner verstecken sich darin. Der CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich war sich nicht einmal zu schade, zur Selbstvergewisserung noch einmal ein wenig die Vaterlandsverräter-Keule gegen Trittin in Anschlag zu bringen: Der habe ja seinerzeit Abgeordnete als Skinheads bezeichnet, weil sie sich fürs Vaterland einsetzten. Die Nibelungentreue der Union ist frappierend, denn die rationale Kanzlerin, die sich an diesem Nachmittag nicht auf der Regierungsbank blicken ließ, hat ihre Partei nun auf Gedeih und Verderb an die irrationalen Image-Kapriolen ihres Ministers gekettet. Das Risiko, das sie damit eingeht, ist gewaltig.

Das Virus kann jetzt seine Wirkung entfalten

Und so wird das Guttenberg-Virus in den nächsten Tagen und Wochen seine gefährlichste Wirkung voll entfalten können: Es wird weiter spalten, trennen, die Republik und das Parlament, die Bürger - in jene, die dem Guttenberg-Glauben trotz aller sachlichen und moralischen Gegenargumente weiter anhängen wollen, und jene, die angesichts dieser Verlotterung des scheinbaren Anstands nur ungläubig den Kopf schütteln können. Dabei ist es fatal, dass die Kanzlerin diese Entwicklung mit vorangetrieben hat. Auch sie scheint nicht zu wissen, was sie tut. Konnte man in der vergangenen Woche noch über die Begriffe Copy-Gate, die Copy-und-Paste-Affäre, oder die Witze im Netz lachen, ist der Fall längst nicht mehr witzig. Auch die Bundestagsdebatte hat gezeigt: Die Guttenberg-Affäre hat sich zu einem handfesten Skandal ausgeweitet, der die Glaubwürdigkeit dieser Republik im Kern in Frage stellt. Der Skandal verändert die politische Kultur in Deutschland. Und das nicht zum Guten.

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