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Kulturkampf um einen Angebeteten

Die Vorwürfe an Minister zu Guttenberg haben eine erregte Debatte ausgelöst - auch über die Geschäftsgrundlagen der Politik. Viele seiner Fürsprecher verlassen dabei den Boden der Vernunft

Eine Analyse von Florian Güßgen

Es war erstaunlich. Am Samstag haben wir auf unserer stern.de-Facebook-Seite eine simple Frage gepostet: Wie kann es sein, wollten wir wissen, dass Minister zu Guttenberg die Inhalte seiner Dissertation zusammenklaut, aber laut einer Emnid-Umfrage gleichzeitig 68 Prozent der Deutschen seinen Rücktritt ablehnen? Wie begründet sich die Loyalität zu dem CSU-Politiker? Was dann in Windeseile losbrach, war ein Sturm der Empörung. Über die Berichterstattung. Über die Bedeutung, die der Copy-&-Paste-Affäre des CSU-Politikers beigemessen wird? Guttenberg ist nicht allein, lautete die unmissverständliche Botschaft sicher nicht aller, aber vieler Leser.

"Im sogenannten Sumpf der Politiker", schreibt etwa ein User, "wird immer gesucht und natürlich gefunden. Hab' auch schon mal abgeschrieben und, wem hat es geschadet? Ausschlaggebend ist doch, dass der Mann fähig ist. […] Immer dann, wenn ein Politiker sympathisch ist, dann kommt einer daher und meint, er müsse ihm was anhängen." Ein anderer User schreibt: "Bei dieser Affäre geht es doch gar nicht um Plagiate; hier geht es um die Demontage eines beliebten Politikers." Ein weiterer User meint: "Alle die 'Dreckwerfer', die scheinbar nur auf Gelegenheiten warten, einen charismatischen und guten Politiker zu beschmutzen, sollten mal vor Ihrer eigenen Türe kehren". Ein vierter User schreibt: "Und wenn er sich einen Doktortitel erkauft hätte! Ist doch egal. Ist nur ein dämlicher Titel." Und ein fünfter: "Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein! Man kann ein Land auch zerpflücken, anstatt es positiv zu motivieren!" Dabei macht sich der Ärger über die Guttenberg-Kritik nicht nur bei uns Luft. Die Pro-Guttenberg-Bewegung hat sich längst auch an anderen Stellen im Netz formiert, etwa auf der Facebook-Seite Gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Seite verzeichnet einen enormen Zulauf, bis Montagnachmittag über 126.000 Fans.

Geschäftsgrundlage der deutschen Politik

Die Facebook-Debatte bei uns aber auch vielen anderen Seiten ist zwar nicht immer repräsentativ, scheint aber in diesem Fall doch den Charakter und die Argumente der Guttenberg-Debatte widerzuspiegeln. Fest steht: in Deutschland hat sich an der Person des Franken ein leidenschaftlich geführter Kulturkampf um Werte, Verantwortung, aber auch um die Geschäftsgrundlage der deutschen Politik entzündet, dessen Bedeutung weit über die Berliner Alltagsstreitereien hinausgeht. Auf der einen Seite stehen dabei jene, für die Guttenberg mit seinen akademischen Verfehlungen Wertegrenzen überschritten hat - und die deshalb Konsequenzen einfordern, wenn auch nicht immer einen Rücktritt. Auf der anderen Seite stehen jene, die sich auf Gedeih und Verderb hinter dem CSU-Politiker versammeln. Die Frontlinie dieser Auseinandersetzung zieht sich durch Printmedien, die einschlägigen TV-Talkformate und setzt sich im Netz fort, in den sozialen Medien, auf Twitter und eben auf Facebook.

Dabei sind die Argumente des Pro-Guttenberg-Lagers zumindest zum jetzigen Zeitpunkt überraschender als die Punkte der Kritiker. Grundsätzlich sehen viele Guttenberg-Fans eine politische Intrige am Werk, angestoßen von der Opposition, vorangetrieben von den Medien, in der es darum geht, einen beliebten, erfolgreichen Politiker mit einer hinterhältigen Kampagne aus dem Weg zu räumen. Gibt es nichts Wichtigeres in der Welt, wird geschimpft, gerade angesichts von toten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan? Die Guttenberg-Anwälte geißeln eine Vermischung scheinbar voneinander losgelöster Sphären. Verfehlungen bei einer akademischen Arbeit sollten doch - bitte, bitte - nicht zu Rückschlüssen über die politische Leistung oder gar den Charakter des Ministers führen. Das habe nichts miteinander zu tun. Nach dieser Lesart, die am Sonntagabend bei Anne Will in einer bemerkenswerten Sendung formvollendet von der CSU-Europaabgeordneten Monika Hohlmeier vertreten wurde, machen akademischen Fehler Guttenberg sogar ein Stück menschlicher, nahbarer. Motto: der Guttenberg ist einer von uns. Wir sind alle ein bisschen Guttenberg. Dazu passt, dass der CSU-Politiker in dieser Weltsicht nun ein "Stahlgewitter" überstehen muss, bevor es dann, so die unausgesprochene Schlussfolgerung, immer weiter und immer höher geht. Mit ihm. Mit uns. Es war die Rhetorik einer Schicksalsgemeinschaft, die die Guttenberg-Apologetin Hohlmeier in der Talk-Sendung bemühte.

Wir geben ihn nicht her!

An der Leidenschaft der Pro-Guttenberg-Bewegung sind mehrere Aspekte faszinierend. Etwa die offenbar tief verwurzelte Sehnsucht in weiten Teilen der Bevölkerung nach einer perfekten Führungsfigur, mit einer lupenreinen Aufstiegsstory, einem lupenreinen Narrativ. Das hat der "Spiegel" im vergangenen Jahr mit seinem Titel von den "fabelhaften Guttenbergs" schon sehr treffend erfasst. Guttenberg befriedigt die Sehnsucht nach einer reinen, tugendhaften Lichtgestalt, die aber doch, was ja eigentlich widersprüchlich ist, nahbar, zugänglich, greifbar ist. Die Sehnsucht scheint unermesslich. Anders ist nicht zu erklären, dass Guttenbergs bislang größtes Pfund, seine Glaubwürdigkeit, von seinen Fans nicht in Zweifel gezogen wird, obgleich dieser Stützfeiler seines öffentlichen Bildes durch Copygate so sehr ins Wanken gerät. Viele Bürger wollen sich ihren Guttenberg offenbar um keinen Preis der Welt kaputt machen lassen - und sei es um den Preis der Vernunft. Deshalb bagatellisieren sie das akademische Vergehen zu einem Kavaliersdelikt, auf einer Ebene mit Falschparken und einer geringfügigen Geschwindigkeitsüberschreitung auf einer Landstraße. Was wollt Ihr denn? Die Verfehlung - Peanuts! - wird verniedlicht, die Person Guttenbergs gleichzeitig mit seinem Amt verschmolzen und überhöht: Der Mann trage für Leib und Leben der Soldaten in Afghanistan Verantwortung, heißt es. Wie könnt ihr nur, jetzt, da wieder Deutsche gefallen sind? Es ist ein Totschlagargument, das bewusst übersieht, dass es einer der Vorteile dieser Demokratie ist, dass Amt und Person durchaus getrennt voneinander betrachtet werden können. Kritik an Guttenberg ist eben kein Verrat an Bundeswehrsoldaten im Einsatz.

Gleichzeitig, und auch das ist bemerkenswert, befeuert der Fall Guttenberg offenbar ein tief sitzendes Ressentiment gegenüber der akademischen Welt und ihrem vermeintlichen Gehabe, sei es aus Unkenntnis oder Sozialneid. Was ist schon ein Doktortitel? Den klauen doch alle! Wenn sich jetzt ein paar dahergelaufene, linke Akademiker beschweren, dann nur, um ihrer jämmerlichen Elfenbeinturm-Existenz ein wenig zerstörerische Bedeutung zu verleihen. Die Haltung ist durchsetzt von krassen Widersprüchen. Etwa von dem, dass Guttenberg selbst offenbar mit einer akademischen Leistung glänzen wollte, deren sozialen Wert ausgerechnet seine Verteidiger jetzt systematisch kleinreden.

Die Pauschalkritik zersetzt gesellschaftlichen Kitt

Es ist sicher noch nicht klar, wie sich der Fall Guttenberg in den kommenden Tagen entwickelt. Gab es einen oder mehrere Ghostwriter für die Dissertation? Erkennt die Universität Bayreuth ihm seinen Titel ab? Kippt auch die öffentliche Stimmung? Unabhängig von dieser Entwicklung mutet der Ton der Auseinandersetzung schon jetzt verstörend an, vielleicht sogar ein wenig besorgniserregend. Was nämlich die Argumente der Guttenberg-Anwälte gemein haben, ist eine Abkehr von jedwedem Rationalismus. Es sind die Anti-Aufklärer, die hier am Werke sind. Sie fordern ein, dass für Guttenberg nicht die normalen Regeln des akademischen Betriebs gelten, nicht einmal die der Demokratie, in der es durchaus zulässig ist, die Eignung eines Politikers immer wieder in Frage zu stellen. Gleichzeitig stellen sie alles und jeden unter den Pauschalverdacht des Betrugs und der Doppelzüngigkeit. Akademiker, Politiker, Journalisten. Beides, die Pauschalkritik und die Forderung nach einer "Lex Guttenberg" haben ihrerseits das Zeug, das Vertrauen in wichtige Institution zu zersetzen, den Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält: Wie soll man denn jemals, und das hat der Professor und SPD-Politiker Karl Lauterbach bei Anne Will, treffend formuliert, Studenten fürs Abschreiben bestrafen können, wenn der Verteidigungsminister mit einem Plagiat davonkommt? Das ganze System würde zusammenbrechen.

Und so ist es zwar noch lange nicht ausgemacht, was aus Guttenbergs politischer Karriere wird. Die politische Macht seiner Anhänger, die Macht der Umfragen, ist groß, das Urteil der Universität Bayreuth steht aus. Der Verteidigungsminister kann sein Dissertationsdesaster politisch auch tatsächlich überleben. Er kann sich durchwursteln, auch wenn ihm der Ruch, ein Blender zu sein, künftig bei jeder Veranstaltung begleiten wird. Aber selbst dieses Durchwursteln wird Guttenberg nur im Bund mit Argumenten und Kräften gelingen, die genau jene Vernunft verspotten, die diese Gesellschaft im Prinzip trägt - und auf die er sich in der Vergangenheit so oft berufen hat. Das kann auch Guttenberg nicht behagen.

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