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Wutbürger, die nicht reden wollen

Lutz Bachmann lockt mit seinen Pegida-Protesten Tausende auf die Straße. Dennoch, Interviews gibt er kaum. Auch andere Initiatoren halten sich bedeckt. Ihre Biografien sprechen hingegen für sich.

Von Uli Hauser

  Seit Wochen werden die Pegida-Proteste vor allem in Dresden immer größer

Seit Wochen werden die Pegida-Proteste vor allem in Dresden immer größer

Was herrscht, ist Sprachlosigkeit. Die Unfähigkeit, miteinander zu reden, obwohl viele Worte gemacht werden. Ein sich nicht verstehen können. Oder wollen. Und so gehen seit nunmehr neun Wochen jeden Montag Tausende Menschen in Dresden auf die Straße, um ihren Gefühlen einen Ausdruck zu geben. Dass zu viele Flüchtlinge in die Republik kommen, viele Asylbewerber kriminell seien, es deutschen Rentnern an Unterstützung mangele, aber nicht den Zugereisten. "Wir müssen uns alle fragen", sagt jetzt Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), "ob wir beim Thema Asylpolitik die vergangenen Jahre nicht versagt haben." Man habe nach den Ausschreitungen von Hoyerswerda "nicht ausreichend den Dialog gesucht".

Orosz erklärte dies am vergangenen Donnerstag, bevor der Dresdner Stadtrat mit sehr knapper Mehrheit die Schaffung von zwölf neuen Asylheimen in den nächsten zwei Jahren beschloss. Dies geschah in einer öffentlichen Sitzung, mit der Möglichkeit, als Bürger das Wort zu ergreifen. Der Gelegenheit vielleicht zu einer Auseinandersetzung. Nur war von den zehntausend Demonstranten, die sich noch vier Tage zuvor lautstark zuvor über "die" Politik beschwert hatten, kaum jemand da.

Denn bisher schlug das nach eigenen Angaben zwölfköpfige "Orga Team" der sogenannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) jede Einladung zu einem öffentlichen Dialog aus. Weder im Fernsehen noch bei der Landeszentrale für politischer Bildung. Fragen sind schriftlich einzureichen, und mit Journalisten jenseits von "Bild" und "Junge Freiheit", in dem sich Pegida-Gründer Lutz Bachmann als "klassischen CDU-Wähler" bezeichnet, reden sie schon gar nicht. "Wir sprechen nicht mit der Mainstream-Presse", meint Bachmann.

Aber der Dresdner Werbefachmann hat geschafft, was viele Beobachter seitdem ratlos macht: Er mobilisiert Menschen. Nicht über Präsenz in der Öffentlichkeit; eher über "Facebook". Zur ersten als "Spaziergang" deklarierten Demonstration lud er Freunde und deren Freunde am 20. Oktober um 18.00 Uhr vor die Dresdner Frauenkirche. 162 Teilnehmer meldeten sich, 32 Frauen und 129 Männer. Die Peggy. Der Harry. Der Christian. Friseure, Arbeitslose, Altenpfleger. Mit jeder Woche wurden sie mehr, und vergangenen Montag versammelte man sich zum achten Mal in Folge, wiederum aus der Ferne beobachtet und kommentiert von Soziologen und Politikern. Bundesjustizminister Heiko Maas fordert ein "All-Parteien-Bündnis" gegen Pegida, und die Innenminister von Bund und Ländern warnen vor zunehmender ausländerfeindlicher Hetze.

Sprachrohr Facebook

Wer sind die Anhänger, die Bundespräsident Joachim Gauck als "Chaoten" bezeichnet? Man muss sich schon ein wenig Mühe machen, mehr zu erfahren über diese Menschen, die sich Gesprächen verweigern. Aber sich vor allem im Internet auszudrücken versuchen. Zwar werden auf der Pegida-Webseite viele Kommentare sofort aus dem Netz genommen, aber es finden sich im Internet, das nicht vergisst, noch genug Zugangsdaten der Pegida-Erstunterstützer, die einen kleinen Einblick geben in Denken und Leben der Pegida-Leute.

Da ist zum Beispiel Anja, die sich als "Vollzeitmama" bezeichnet. Und schreibt, die "Merkel" gehe wohl davon aus, "dass die Deutschen in Zukunft sich in den Islam integrieren". Ein Dirk schlägt vor, "den Politikern Mindestlohn" zu geben, um dann zu schauen, "wie schnell sich die Dinge ändern". Ronny aus Freiberg beschreibt die neue Bewegung als "Vielfalt ohne Ausgrenzung: Deshalb demonstrieren wir mit jedem. Mit vernünftig gewordenen Linken wie mit vernünftig gewordenen Rechten“. Und Daniela zitiert einen angeblichen Spruch des Dalai Lama: "Wenn es zu viele Zuwanderer gibt, muss man auch mal den Mut aufbringen zu sagen, dass es genug ist."

Mehr als 50.000 "Facebook"-Nutzer haben auf der Pegida-Seite mittlerweile den "gefällt mir"-Button gedrückt, und auch in anderen deutschen Städten gründen sich ähnliche Initiativen. Die Macher eint das Gefühl, als eine Art Bürgerwehr Probleme zu benennen, vor denen sich Politiker wegducken. Ihr Zorn speist sich aus der Angst, dass "auf deutschem Boden Stellvertreterkriege" geführt werden.

Lutz Bachmann: vom Einbrecher zum Anführer

Tatsächlich waren die mit Macheten und Messern geführten Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Salafisten Anfang Oktober in Hamburg und Celle Auslöser für die Gründung von Pegida. Als dann am zehnten Oktober auf der Prager Straße in Dresden Kurden gemeinsam mit Antifaschisten gegen den Krieg in Syrien und für Waffenhilfe demonstrierten, versammelte Lutz Bachmann später seine Freunde beim Griechen und überlegte, was man tun könne, "Islamisten und zunehmender Ausländergewalt" gegenüberzutreten.

Eine schwierige Frage, für Bachmann und seine politikunerfahrenen Freunde. Ihren Facebook-Botschaften ist zu entnehmen, interessierten sie sich bis dahin mehr für Fußball und Ü30-Feten, für Roland Kaiser und Helene Fischer. Posteten Bilder von reinrassigen Riesenschnauzern und Aufnahmen aus der Fankurve von Dynamo Dresden. Beschrieben sich als Fans der Eisbären Berlin oder des Radebeuler Football-Teams Suburbian Foxes.

Und Lutz Bachmann war bis zu diesem Zeitpunkt auch eher als Bratwurstverkäufer und "Bild"-Leserreporter aufgefallen; er meldete einen Autounfall und bemängelte mit Belegbild an Rechtschreibfehler beim Schriftzug "Thüringer Bratwurst" an einem Marktstand. Am meisten aber musste er sich mit der Justiz beschäftigen.

Erotikklubs und Zombie-Jäger

Der Sohn eines Fleischers stand bereits mehrmals vor Gericht; anfangs wegen Körperverletzung und mehrfachen Fahrens ohne Führerschein, später wegen versuchter Falschaussage, Kokain-Besitzes und mindestens 16 Einbrüchen in Büros. Er soll aus Tresoren 150.000 Mark mitgenommen und Computer, Fernseher, Kameras, Funktelefone und gar ein Plüschtier gestohlen haben. Nach einer Verurteilung zu drei Jahren und acht Monaten Haft gelang es ihm, sich nach Südafrika abzusetzen. Dort managte er, nach Angaben seines Freundes Tommy, der eine Zeitlang mit ihm im Knast einsaß, einen Nachtclub. Nach seiner Rückkehr büsste Lutz Bachmann von Februar 2001 bis Mai 2002 seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Dresden ab, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Und jetzt fordert Lutz Bachmann, vorbestraft und wegen nachfolgender kleiner Delikte noch unter Bewährung stehend, eine strengere Verfolgung straffällig gewordener Ausländer. Bürgerentscheide wie in der Schweiz und ein Asylverfahren nach dem holländischen Modell. In einem jetzt veröffentlichten "Pegida Positionspapier" aus 19 Forderungen wird unter anderem gegen einen Stellenabbau bei der Polizei gestritten und für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Und eine Zuwanderung nach dem Vorbild Kanadas oder Australiens verlangt.

Auf der Internet-Seite seiner Agentur "Hotpeppermix" bietet Bachmann Dienstleistungen vom "einfachen Passfoto über Hochzeitsfotografie und Sport-Event-Bildern bis hin zur allgemeinen Pressefotografie und dem künstlerischem Akt." Als Referenzen nennt er neben "enger Zusammenarbeit mit namhaften Medien in aller Welt" Spielautomaten-Hersteller, Table-Dance-Bars und Erotik-Clubs.

Es sind viele Menschen bei Pegida vertreten, die sich als selbstständige Unternehmer verstehen. Rene Jahn aus dem engeren "Orga Team" ist Hausmeister, Katrin Oertel im Gastgewerbe tätig. Siegfried Däberitz betreibt einen privaten Wachdienst. 2009 kandidierte er in Meißen als Stadtrat für die FDP. Wie auf seiner Webseite zu lesen ist, symphatisierte er mit dem "Zombie Eradication Response Team", einer im Oktober 2011 im amerikanischen Las Vegas gegründeten paramilitärisch anmutenden Selbstverteidigungs-Organisation. Sie bietet nach eigenen Angaben in einer "globalen Gemeinschaft von Menschen" Unterweisung unter anderem in Schießtraining und Überlebensstrategien, um "natürlichen" oder "von Menschen gemachten Katastrophen" zu begegnen.

Was wollen die Initatoren überhaupt erreichen

Als solche zählt für viele Pegida-Unterstützer "der unablässige Zustrom an Wirtschaftsflüchtlingen, die nicht asylberechtigt sind". Aber auch die schlechte Unterbringung von Kriegsflüchtlingen in Massenunterkünften ohne "Integrationshelfer". "Diese Forderung", sagt Lutz Bachmann bei einem der vielen Versuche, ihn am Mobiltelefon zu einem Gespräch über zwei Minuten Länge zu bewegen, "teilen wir mit den Linken. So wie bei uns eben auch Muslime mitmachen". "Aber", sagt Bachmann, "wir haben noch nichts erreicht."

Das kann man so nicht sagen. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig will in den Polizeidirektionen Arbeitsgruppen für mehrfach intensiv straffällige Asylbewerber, darunter viele aus Tunesien, in den Polizeidirektionen einrichten. Die Stadt Dresden will ein Bürgertelefon frei schalten. Aktivisten aus der Dresdner Antifa-Szene drohen Teilnehmern der Pegida-Demonstrationen mit "Besuchen". Gegendemonstranten werden telefonisch eingeschüchtert. Ein spanischer Student wurde wegen seines Barts in einer Dresdner Gaststätte als Salafist beschimpft und verprügelt. Der angebliche Überfall eines "südländischen Typs" auf einen jungen Deutschen, in der Nähe einer Asyl-Notunterkunft im sächsischen Großröhrsdorf, auf der Pegida-Demo heftig beklagt, erwies sich hingegen als frei erfunden.

Was also ist wahr, was Demagogie? Was möchten die Initiatoren von Pegida erreichen, die Botschaften haben, aber nicht mit jedem reden wollen? Wie eben auch in Sachsen der Innenminister, der Ministerpräsident und die Dresdner Oberbürgermeisterin derzeit ein Gespräch mit den Pegida-Machern ablehnen?

Wie sagte der in Ungarn geborene Flüchtlingsberater Viktor Vincze, Sprecher des Dresdner Ausländerbeirats, bei der Asylheim-Debatte im Dresdner Stadtrat? "Wir sollten eine ehrliche Diskussion führen. Wir müssen einen konstruktiven, emotionslosen Weg finden, wie wir mit Einzelfällen umgehen, die unsere Gastfreundschaft verspielt haben. Wir dürfen hier nicht länger tabuisieren beziehungsweise die Meinungsführerschaft rechtsextremen Gruppierungen überlassen." Das könnten Worte sein gegen die Sprachlosigkeit. Nur war von den Pegida-Leuten niemand im Saal.

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