6. Mai 2009, 16:38 Uhr

"Ein Autokauf hat etwas Erotisches"

Deutschland wrackt ab - die Umweltprämie wird zu einem massenpsychologischen Phänomen. Der Psychologe Stephan Grünewald erklärt im stern.de-Interview, warum die Prämie bei den Deutschen so beliebt ist, was es bedeutet, ein bestimmtes Auto zu kaufen und was das alles mit Sex zu tun hat.

Abwrackprämie, Stephan Grünewald, Interview

Autohäuser locken mit der Prämie. Dabei ist das Abwracken vor allem ein psychologisches Phänomen©

Herr Grünewald, warum laufen so viele der Prämie nach?

Aus unseren Studien wissen wir, dass Autobesitzer immer in einer seelischen Pattsituation stecken. Einerseits treibt sie die Sehnsucht nach einem neueren, schöneren, moderneren Auto. Andererseits sind sie in Treue zum alten Wagen erstarrt. Das Abstoßen des Altfahrzeugs empfinden sie unterschwellig als Verrat. Viele Deutsche benötigen daher zweijährige Entscheidungsphasen, bis sie ein neues Auto kaufen. Die Abwrackprämie, die in Autohäusern oft Umweltprämie heißt, bringt in Zugzwang und verstärkt die Sehnsucht nach einem Neukauf. Der Verrat am alten Auto tritt zudem in den Hintergrund, man darf sich als Retter der Natur fühlen.

Warum verschrotten manche ihr Auto für 2500 Euro, obwohl Gebrauchtwagenkäufer viel mehr dafür bezahlen würden?

Viele Autobesitzer fühlen sich besser, wenn ihr treues Gefährt in der Schrottpresse landet als wenn es in fremde Hände gerät. Da gibt es durchaus Parallelen zu einer Scheidung, wo ja jeder der ehemaligen Partner leidet, wenn der andere einen neuen Lebensgefährten gefunden hat.

Die 2500 Euro "Rabatt" bekam man früher durch Verhandeln auch. Heute verlangen Händler oft den Listenpreis und sagen: Der Rabatt ist die Abwrackprämie.

Kleinwagenkäufer sind in der Regel nicht versierte Preisdrücker, sondern verhalten sich eher scheu. Mit der Abwrackprämie existiert für sie eine Art Abverkaufsgleichbehandlung, das macht es ihnen leichter.

Ist man kaufgeneigter, weil es ja Geld vom Staat ist?

Ja. Man findet seinen inneren Frieden, hat das Gefühl, ökonomisch und ökologisch alles richtig zu machen.

Warum werden es immer mehr Antragsteller, obwohl man schon vor einem Vierteljahr eine Prämie bekommen konnte?

Mittlerweile handelt es sich um ein massenpsychologisches Phänomen. Autokauf hat immer mit Konkurrenz zu tun. Wenn man mitbekommt, dass Freunde und Bekannte einen neuen Kleinwagen vor der Tür haben, erhöht sich der Kaufdruck deutlich.

Was bedeutet es für die Persönlichkeit, sich ein neues Auto zuzulegen?

Unsere Studien zeigen: Das Auto ist für die Deutschen ein Persönlichkeitsmarkierer. Man dokumentiert mit der Marke eine Lebenshaltung. Wer mit der Abwrackprämie auf ein französisches Auto umsteigt, will vielleicht zeigen, dass er zu einer neuen Gelassenheit gefunden hat. Wer zu BMW wechselt, will klarmachen, dass er auf der sportiven Überholspur ist.

Ist es ein besonderes Gefühl, in einem Autohaus zu sein?

Das Autohaus ist das glorreiche Ende eines mehrstufigen Prozesses. Wer sich für ein Auto interessiert, achtet zunächst auf Werbung, kauft sich dann Autozeitungen, konfiguriert schließlich sein Traumauto im Internet. Erst dann betritt er in der Regel mit leichtem Magengrummeln das Autohaus, und zwar meist am Wochenende, um möglichst viel Zeit zu haben.

Viele Abwrackprämiennutzer waren bislang nur auf den Kiesplätzen von Gebrauchtwagenhändlern. Wie erleben sie die Option auf ein nagelneues Auto?

Die erste Begegnung mit dem neuen Traumfahrzeug im Ausstellungsraum des Händlers hat etwas Erotisches. Viele Kunden wollen zunächst ungestört mit dem Objekt ihrer Begierde sein, es betasten, beschnuppern, besteigen, seinen Duft einsaugen. Der Vorgang hat durchaus Analogien zur Sexualität. In dieser Phase ist es ganz wichtig, dass der Verkäufer die traute Zweisamkeit nicht stört. Die erste Verliebtheit hält ein paar Wochen an, bevor sich wieder Monotonie einstellt.

Wer sollte zuschlagen bei der Prämie, wer nicht?

Jeder sollte zunächst überprüfen, ob sein Entscheidungsprozess zum Autokauf ausreichend gediehen ist. Also ob er schon intensiv in Werbung, Zeitschriften und im Internet gestöbert hat. Falls nicht, lieber Finger weg!

Zur Person

Zur Person Stephan Grünewald, geboren 1960, ist Mitbegründer des Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung in Köln. Der Diplom-Psychologe stützt sich bei seinen Analysen auf viele tausend Tiefeninterviews, die Rheingold für Auftraggeber aus Industrie und Medien in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchgeführt hat. Das Besondere an der Methode: Jede Befragung dauert mindestens zwei Stunden. Vergleichbar einer Sitzung beim Therapeuten, wird dabei das Alltags- und Seelenleben des jeweils Befragten durchleuchtet.

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Lesen Sie mehr... ...über den Abrackwahn in Deutschland im neuen stern.

Interview: Rolf-Herbert Peters
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
metoo (07.05.2009, 17:45 Uhr)
entschuldigung
Oha, entschuldigt bitte meine abartig schlechte Rechtschreibung in meinem letzten Beitrag....
metoo (07.05.2009, 17:42 Uhr)
genau das meine ich ja auch
Genau das meine ich ja auch. Das ich nicht verstehen kann das es Leute gibt, wie in diesem Bericht, geschrieben. Die Ihr Auto verschrotten damit es kein anderer hat... Da scheint hier wohl eine Massentherapie nötig zu sein als ne Abwrackprämie ;-)...
Im Gegenteil ich weiss das mein alter Flitzer sicher noch ein paar Jahre auf den Buckel hätte bekommen können und der hatte auch Ne Abgasplakette grün, den hätte ich gerne an wen weiss ich weiter gegeben. Aber stattdessen wird der nun irgendwo in der Schrottpresse landen... Also alles etwas paradox. Im letztendlich hat es mir eben doch was gebracht. Egoistisch für mich schon ja... Aber man wird ja förmlich gezwungen. Aber hey, ich hab nen Opel gekauft evtl. rettet das ja wieder ein paar Arbeitsplätze.... Immerhin habe ich kein Fernost oder was weiß ich Modell gewählt ;-)
Keep cool
Metoo
Blacky007 (07.05.2009, 16:50 Uhr)
metoo
Unter diesen Umständen haben Sie ja auch völlig recht, diese Prämie zu nutzen und solche Menschen meine ich auch nicht.
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Wer jedoch ein Auto hat, dessen Wert sogar noch über der Abwrackprämie lag/liegt, wie es in etlichen TV-Berichten zu sehen war, dann kann ich diese Menschen einfach nicht für klug halten, zumal die Nutznießer der Prämie ganz zu vergessen scheinen, dass sie selbst diese Prämie ja letztendlich über die Steuer auch wieder bezahlen müssen.
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Wären diese Menschen nur halbwegs intelligent, dann hätten sie diese Autos an die Menschen verkauft, die mehr als heilfroh über solche Autos gewesen wären und gleichzeitig hätte man seine Mitbürger nicht extra belastet. Aber soweit scheinen viele ja nicht zu denken können - also nenne ich diese Sorte Menschen schlicht und einfach D U M M und ganz nebenbei auch super egoistisch!
metoo (07.05.2009, 14:56 Uhr)
Also sowas dämliches
Sind Menschen wirklich so dumm ??? Also ich hab die Prämie in Anspruch genommen weil meine alte Karre vielleicht noch 100€ wert war und ich eh in den nächsten 2 Jahren hätte ein neues kaufen müssen. Da kam das gerade gerecht... aber ich hab weder geschnuppert oder ewig gesucht... :-)
Ach und es ist dennoch toll und das wahnsinnigste ist, es fährt !
Gruß
Marty_D (07.05.2009, 14:43 Uhr)
nachvollziehbar
der artikel hat mnir gefallen, ist ganz lustig geschrieben.
ich kann das nachvollziehen, wenn ich mienb Motorrad besteige ist das für mich auch wie sex.
Mopar (07.05.2009, 13:59 Uhr)
Ohne Worte...
ich kann kaum glauben dass es solch dumme Menschen wirklich gibt...!
Blacky007 (07.05.2009, 13:46 Uhr)
Die Dummheit der Menschen
zeigt sich klar und deutlich bei allen, die diese Prämie tatsächlich wegen der Argumentation des Klimaschutzes in Anspruch genommen haben!
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