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Die Deutschen, das sind die anderen

Alle reden über Integration, aber kaum einer mit den Migrantenkindern. Der Rapper Harris hat es mit Schülern aus Berlin-Wedding versucht. Mit dem Reden fing das Problem schon an.

Von Sophie Albers

Wo kommst du her?"
"Ich bin Deutscher."
"Ich meine deine Nationalität."
"Ich bin Deutscher."
"Bist du integriert?"
"Nein, Mann, ich bin Deutscher."

Das seltsame an dieser Unterhaltung sind ihre Sprecher: Ein Junge und ein Mann. Beide in Deutschland geboren und aufgewachsen. Beide wegen ihrer dunklen Haare, Augen und Haut als Ausländer abgestempelt. Doch nur der Junge fühlt sich auch so. Er ist ungefähr 15, hat türkische Eltern und ist Schüler der Hemingway-Oberschule an der Grenze zu Berlin-Wedding. Der Mann, der auf sein Deutschsein besteht, ist 33, nennt sich Harris, ist Rapper und sitzt im Klassenzimmer, weil er mit einer neunten Klasse über Integration reden soll.

Gerufen hat ihn Christian Lengsfeld, Lehrer seit 30 Jahren. Er gibt das Fach Deutsch, in dem offensichtlich die Tagespolitik Goethe den Rang abgelaufen hat. Wochenlang würden er und die Kinder schon über Integration sprechen. Sie haben Aufsätze verfasst darüber, was Integration für sie bedeutet. "Es geht um Toleranz, das haben fast alle geschrieben. Manche mit drei L, aber das ist egal", sagt Lengsfeld und lacht, ohne dabei ein Zyniker zu sein. Dann habe er Harris' Song "Nur ein Augenblick" gefunden, in dem es genau darum geht: Dass ohne Integration in diesem Land nichts läuft. Und weil vor allem in Berlin Rap der Soundtrack der Jugend ist, und Rapper hier mehr Autorität besitzen als Lehrer, hat Lengsfeld Harris eingeladen.

"Handys aus"

Der Sohn einer Deutschen und eines Afroamerikaners erklimmt die Stufen des tristen Gebäudes entspannt und "ohne Erwartungen", wie er sagt. Er selbst hat in Kreuzberg den Hauptschulabschluss gemacht. Er war ein Problemkind, kleinkriminell. Die Schultür kann nur von innen geöffnet werden. Auf Kopfhöhe prangt in riesigen Lettern "Handys aus". Harris lacht.

"Hier wird die siebte bis zehnte Klasse unterrichtet", sagt Lehrer Lengsfeld. Und die Schüler seien zwischen 13 und 20 Jahre alt - "Je nachdem wie häufig sie sitzen bleiben". 85 Prozent der Schüler kommen aus Familien mit Migrationshintergrund.

Etwa 25 Schüler sitzen im Kreis, die Tische sind an den Rand geschoben. Auf dem Flur Gejohle und Pfiffe, die Tür wird aufgerissen von Schülern, die Harris erkannt haben, aber nicht mit rein dürfen. Ein Junge mit Palästinensertuch geht raus und sorgt für Ruhe. Nur eines der Mädchen im Raum trägt Kopftuch. Dem Klischee entsprechend deutsch sieht nur ein Junge aus. Nennen wir ihn Peter. Und der Blonde mit den blauen Augen bekämpft seine Sonderstellung mit der altbewährten Clownerie.

Dann stellt auch schon der türkische Junge, der eigentlich ein deutscher Junge ist, seine Fragen an Harris, und die Klasse steckt mitten drin in der Identitätskrisen-Diskussion. Die Kinder sind höflich, melden sich, lassen einander ausreden. Jedenfalls die erste halbe Stunde.

Der Junge, nennen wir ihn Cem, kräuselt die Stirn, als Harris antwortet, dass er und seine Kumpels nicht einmal darüber nachgedacht hätten, ob sie nun Ausländer oder integriert seien. Das Wort habe für sie damals gar nicht existiert. "Wir sind Berlin", sagt Harris. "Ach so", murmelt Cem und sagt dann den tragischen Satz: "Ich sehe mich nicht als Deutscher, weil man von anderen nicht so gesehen wird."

Der alltägliche Rassismus

Wie in seinem Job als Rapper bringt Harris auch in dieser Schülerrunde die Dinge auf den Punkt: "Das Problem ist, dass sie uns Ausländer nennen, weil wir anders aussehen. Wir gelten als Ausländer, obwohl wir hier geboren sind. Wenn du ihren Respekt willst, musst du ihnen auch Respekt geben." Die "Wir und sie"-Falle schnappt zu. Den Unterschied macht hier fast jeder.

Aber eben weil Harris einer "von ihnen" ist, hat er nun ihr Vertrauen. Sie erzählen ihm Szenen und Geschichten aus ihrem Leben als Migrantenkinder. Von alltäglichen Rassismen, festgelegten Rollen, hässlichen Deutschen, dem Leben in der eigenen Welt und der Angst vor der Zukunft in der anderen. Harris versucht, die Klischees zu zerschlagen, mit denen eine ganze Generation groß geworden ist, die auch Schutzfunktion haben. Allerdings muss er immer wieder nachfragen, denn auch wenn diese Kinder in Deutschland groß geworden sind, spricht keines von ihnen einwandfrei die Landessprache.

Ein Problem, dessen sie sich bewusst sind. Es sei "ungut", dass Fussballstar Mesut Özil mit dem Bambi für Integration ausgezeichnet worden sei, schließlich könne er selbst nicht richtig Deutsch, sagt ein Junge. "Mein Vater meint, er kann voll gut Deutsch, aber wenn ich ihn am Telefon höre, denke ich, was redet der da", verrät ein anderer. Ermutigt erzählen schließlich auch ein paar Mädchen von Eltern, die kein Deutsch können. "Ich schäme mich manchmal", sagt eines ziemlich leise.

"Er kann Türkisch"

Die Konzentration lässt nach. Vor allem Peter hibbelt und quatscht. Als Harris ihn ermahnt, hat der blonde Junge kurz eine Bühne und sein schwarzhaariger Freund sagt stolz: "Er hat sich uns angepasst, er kann Türkisch". Integration andersherum.

"Integration heißt sich interessieren", sagt Harris, als ein Kind ihn fragt, was gut integriert bedeute: "Du beherrschst die Sprache astrein, hast eine Ausbildung und einen Plan von deinem Leben in diesem Land, nach dessen Gesetzen zu lebst." Und das alles, ohne die eigenen Wurzeln zu verlieren.

Es meldet sich ein Junge, der gleich neben dem grübelnden Cem sitzt, und sagt: "Wenn ich es nicht packe - mit der Sprache und so -, dann schaffe ich es nicht hier in Deutschland."

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