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31. Januar 2010, 16:55 Uhr

In der Daten-Zwickmühle

Über den Ankauf von brisanten Steuerdaten ist eine Debatte entbrannt. Das Geld könnte der Finanzminister gut gebrauchen. Doch Experten warnen, der Staat werde zum Hehler.

Zoom
Schweiz, STeuersü,nder, Schä,uble

Soll Finanzminister Wolfgang Schäuble für 2,5 Millionen Euro Daten kaufen? Diese Frage spaltet Politiker wie Experten© Reuters

Der eine oder andere Bürger könnte demnächst zusammenzucken, wenn es morgens an der Tür schellt. Sind die Steuerfahnder schon da? Oder doch nur der Stromableser? Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel kann ein Lied davon singen. Im Februar 2008 tauchten im Morgengrauen Polizisten und Staatsanwälte vor seiner Villa in Köln auf. Für seine Steuervergehen im Fürstentum Liechtenstein kam der einst hoch angesehene Topmanager am Ende mit einer Bewährungsstrafe davon - verlor aber Posten und Millionen.

Noch ist unklar, wie gut und belastbar die angebotenen Daten aus der Schweiz sind. Auch die Identität des Informanten, der 2,5 Millionen Euro Entlohnung fordert, liegt im Dunkeln. Eine erste Stichprobe mit fünf Verdächtigen soll ein Volltreffer gewesen sein. Schon wird spekuliert, dass der Fiskus bis zu 100 Millionen Euro nachträglich kassieren könnte.

Doch darf der Staat Kriminellen Material abkaufen? Erste Experten sagen Ja. Deutschlands oberster Datenschützer hat Bauchschmerzen. Grundrechte seien wichtiger als ein Steuersegen: "Es kann nicht Datenschutz nach Kassenlage betrieben werden", warnt Peter Schaar. Kaufe der Staat gestohlene Daten auf, bewege er sich in der Nähe eines Hehlers. Schaar dreht den Spieß um: Was wäre, wenn China versuchen würde, Daten in Deutschland lebender Dissidenten aufzukaufen?

"Das war das Geschäft meines Lebens"

Schon in der Liechtenstein-Affäre hatten Juristen wochenlang gestritten. Brisant war der Fall, weil der Bundesnachrichtendienst (BND) seine Finger im Spiel hatte. Ein Ex-Mitarbeiter der Vaduzer LGT-Bank bot den Schlapphüten mehrere DVDs mit den Namen von Deutschen an, von denen viele ihr Geld an der Steuer vorbei in Liechtensteiner Stiftungen angelegt hatten.

Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) genehmigte den Deal - und freute sich später: "Sensationell! Das war das Geschäft meines Lebens." Für eine Investition von netto gut vier Millionen Euro nahm der Staat bislang über 100 Millionen Euro an Steuern ein. Später entschieden Gerichte, dass die Infos für die Strafverfahren verwertbar waren.

Doch Schäuble ist nicht Steinbrück. Die Darstellung, der Ball liege jetzt beim erfahrensten Mann im Merkel-Kabinett, wird im Finanzministerium energisch zurückgewiesen. Schäuble kenne den Fall (noch) gar nicht. Außerdem hätten die Länder in der Steuerfahndung den Hut auf.

In Regierungskreisen ist eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, ob der Fall wirklich so groß wird wie die Liechtenstein-Nummer. Die erste Stichprobe habe zwar reife Ergebnisse geliefert. Das müsse aber nichts bedeuten: "Es sind viele Trittbrettfahrer unterwegs."

"Machen wir einen Fehler, sind die Daten wertlos"

So wägen die Behörden derzeit das Risiko ab, dass unter den etwa 1495 Datensätzen viele Nieten sein könnten. Noch wichtiger ist eine saubere rechtliche Prüfung: "Machen wir einen Fehler, sind die Daten vor Gericht wertlos", sagt ein mit dem unmoralischen Angebot Vertrauter.

Steinbrück war nicht zimperlich, weil die Vaduzer Datensammlung ihm starke Munition zum Angriff auf das kleine Liechtenstein und alle Steueroasen bot. Erst drohte er den Eidgenossen mit Zuckerbrot und Peitsche, dann mit der Kavallerie von Fort Yuma, die den Schweizern wie den Apachen am Colorado River mal zeigen müsse, wo's langgeht.

Von der schwarz-gelben Regierung sind so forsche Töne nicht zu erwarten. Unfreiwillig komisch ist, dass ausgerechnet die Verteidigungsminister als erste Promis das Wort ergriffen. Der Schweizer Ressortchef Ueli Maurer schickte via TV die Botschaft, Berlin möge mit einem so schmutzigen Handel das gegenseitige Vertrauen doch bitte nicht erschüttern. Der deutsche Amtschef Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) war sogleich in Davos um Abrüstung bemüht. Der Einser-Jurist hält nichts vom Kauf gestohlener Daten.

Schweiz zur Amtshilfe verpflichtet

Steinbrück muss man zugute halten, dass das Säbelrasseln - mit den USA an vorderster Front - erfolgreich war. Auf Druck der G20-Staaten lenkte die Schweiz ein und erfüllte alle Bedingungen, um von der Grauen Liste der Steueroasen gestrichen zu werden. Auch Österreich, Luxemburg und Belgien knickten ein. Zur Amtshilfe müssen die Schweizer Behörden nun auf bloßen Verdacht hin ihren deutschen Kollegen Namen und Bank von Kapitalanlegern übermitteln. Früher waren handfeste Indizien für einen Steuerbetrug erforderlich.

Doch ohne Insider-Tipps, die oft von frustrierten oder gefeuerten Bankmitarbeitern kommen, sind große Steuerfälle nur selten zu knacken. Bisher ist nicht bekannt, um welche Bank es in der Schweiz geht und woher die Kunden in Deutschland stammen. Das kommt den Steuerfahndern durchaus gelegen: "Es wäre ja nicht das Schlechteste, wenn ein paar Selbstanzeigen mehr hereinkommen", heißt es in der Finanzverwaltung.

Tim Braune/DPA
KOMMENTARE (10 von 68)
 
GMartin (01.02.2010, 12:27 Uhr)
Wer ist hier kriminell ??
Typisch Schweiz ! Uns wollen sie vorwerfen, dass wir Daten von Steuersündern ankaufen, die Schweiz selbst verhält sich kriminell, wenn sie deutschen Steuersündern ermöglicht, gegen deutsche Steuergestze zu verstoßen.
UThome (01.02.2010, 10:14 Uhr)
Klientelpolitik
nur mit mit anderen Mitteln?
Überall in der Verbrechensbekämpfung versucht man V-Leute einzuschleusen oder Informanten zu kaufen und jetzt bei der Suche nach Steuerhinterziehern soll das anrüchig sein. Das kann man ja wohl nicht wirklich nachvollziehen außer man unterstellt auch hier die Fortsetzung der Klientelpolitik. Es darf wohl als sicher angenommen werden das die Inhaber der Schweizer Konten eher potentielle Wähler oder sogar Spender der FDP oder CDU/CSU sind als wie der Linken, SPD oder Grünen.
Man will also mögliche Wähler oder Spender nicht abschrecken, wir haben doch Wahlen in NRW.
nightmare_online (01.02.2010, 09:40 Uhr)
LOL, glaubt irgend jemand ...
das DIESE Regierung die Daten kaufen wird? So naiv kann man doch gar nicht sein. Praxis von Schwarz-Gelb in den Ländern ist es, systematisch das Personal der Finanzbehörden auszudünnen, während bei den Sozialfahndern reichlich und regelmäßig aufgestockt wird. Lt. Bund der Steuerzahler entgehen dem Staat durch fehlendes Personal bei den Finanzämtern jedes Jahr 30 Milliarden Euro. In Hessen werden bekanntlich Steuerfahnder, die ihren Job ernst nehmen, zwangsweise in den Ruhestand geschickt.
Dieser geduldete (bzw. geförderte) Steuerbetrug hat System bei Schwarz-Gelb. Und nun wird hier diskutiert ob dieses Regierung Daten kaufen soll um Steuerbetrüger zu verfolgen? Das tun die doch sowieso nicht!
ssteffen (01.02.2010, 09:20 Uhr)
Wo ist das Problem??
Die Schweizer Banker und deren Vasallen leben doch ganz gut von der Straftat "Steuerhinterziehung in deutschen Landen". Warum soll der deutsche Fiskus nicht gut durch die Straftat "Datenklau in der Schweiz" seine verlorenen Steuern wiederbeschaffen.
Wenn es heißt eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, so ist das nicht richtig. Der Anbieter der Daten ist doch nur ein Dieb, der seinem Arbeitgeber sehr teuer zu stehen kommt. Die Steuersünder sind doch eindeutig Patrioten, die ihren EGOISMUS über einen ganzen Staat stellen. Wenn Schäuble die Daten nicht ankauft, dann vermute ich ganz laut: Der hat wohl auch ein Konto bei dieser Bank.
.
Wir haben keinen Gott, wir haben Geld.
Neid, Missgunst und Gier regieren uns.
Das Leben ist schön.
gunnarhaeger (01.02.2010, 08:27 Uhr)
Heikle Sache, aber
jeder kleine Mann oder Mittelständler wird gnadenlos verfolgt, sollte er sich bei der Steuerzahlung mal vertan oder bewusst betrogen haben. Warum also die Großen laufen lassen? Es wird mit Absicht eine Straftat begangen, die letztendlich der Bürger auszubügeln hat. Meines Erachtens ist hier der Ankauf gerechtfertigt und das die Schweiz sauer ist, spricht doch für sich. Was für ein Denken haben die eigentlich? Ihr Verhalten zeigt ja nur, dass sie wissen, schwarzes Geld auf den Konten zu haben.
Es gibt die Kronzeugenregelung, es gibt V-Männer, auch hier wird nicht immer rechtskonform vorgegangen. Warum also hier zurückziehen?
Eine andere Frage ist natürlich, ob man überhaupt ein Interesse hat, diese Daten zu kaufen bzw. die Namen anzuklagen.
GoGo-King (01.02.2010, 08:02 Uhr)
@Hamskibamski
Stimme ich zu.
Aber es sollte doch schon einen Unterschied machen, ob ein Hartz IV-Empfänger einen lausigen Job schwarz erledigt, um über die Runden zu kommen, oder ob jemand vor lauter Raffgier Stunde um Stunde Gedanken nachhängt, wie er noch zwei Prozent steuern sparen kann.
GoGo-King (01.02.2010, 07:59 Uhr)
Würde mich
mal interssieren, ob es eine derartige Diskussion auch gäbe, wenn es nicht im Reiche, sondern um eine CD mit den Namen mutmaßlicher Hartz IV-Betrüger handelte. Ist doch der Wahnsinn, wie diskutiert wird, gleichzeitig aber sämtliche Kontobewegungen des Otto-Normalverbaruchers von fast jedem dahergelaufenen Beamten unkontrolliert eingesehen werden können.
giangastone (01.02.2010, 07:52 Uhr)
KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN
Der Staat hatte mit der abgelaufenen Amnestie für Steuersünder eine goldene Brücke gebaut. Also: Kaufen, sonst sind am Ende wieder die Ehrlichen die Deppen.
Kraus (01.02.2010, 07:51 Uhr)
Wir brauchen Lösungen, keine Debatten.
Bürokratie abbauen - brauchen wir 16 Länder? Beamte Rente zahlen lassen. Bundeswehr abschaffen - weil sie im Innern eh nicht eingesetzt werden darf und für Einsätze im Ausland nie vorgesehen war ... ja dann kann man auch Steuern senken. Wenn Steuern sinken, gibt es weniger Schwarzarbeit und Steuerflucht. Ist das zu polemisch?
Hamskibamski (01.02.2010, 07:10 Uhr)
@ -Lea- Bitte auch mal weiter denken !
Was kommt als nächstes ? Ein Katalog für Belohnungen für Verräter auf dem Finanzamt. Einen Schwarzarbeiter gemeldet 1000 Euro Belohnung. Hartz4 Empfänger hat illegal Rasen gemäht und so etwas dazu verdient, 500 Euro Belohnung für den aurfmerksamen Nachbarn der ihn verraten hat. Ich könnte hier noch tausende Beispiele bringen wie "Straftäter" gefangen werden können. Aber ist der Weg des bezahlten Verrats der Richtige ?? Wer ohnen Schuld ist, der werfe den ersten Stein, so steht es schon in der Bibel. Und ich wette, keiner in diesem Land hat eine absolut saubere Weste !
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