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"Bin ich nichts wert?"

468 Tage war Donald Klein aus dem pfälzischen Lambsheim in iranischer Haft. Im stern-Interview erzählt er von der winzigen Zelle, in der er zunächst einsaß, seine verzweifelte Hoffnung auf Kanzlerin Merkel - und wie er seine Freilassung erlebte.

Wie verlief die Gerichtsverhandlung in Bandar Abbas im Januar 2006?

Der Vorwurf lautete auf illegales Eindringen in iranisches Territorium. Die Botschaften sagten uns, das Strafmaß liege zwischen 200 Euro und drei Jahren Haft, aber man gab sich optimistisch. Doch die fünfstündige Gerichtsverhandlung war eine Lachnummer, absolut unkorrekt. Wir wurden auf Englisch gefragt und mussten auf Englisch antworten. Meines Erachtens war das nicht gemäß der Menschenrechtscharta. Alles drehte sich um das GPS-System. Es war eine Show der Richter, Presse war da. Stéphane Lherbier sagte aus, dass er als Skipper verantwortlich sei. Doch das war dem Gericht egal. Erst Tage später erfuhren wir das Urteil: 18 Monate. Ich war down. Die Revisionsverhandlung im März war nicht besser. Acht Tage später hieß es: "Go Teheran" - ins Evin-Gefängnis.

Wie waren die Haftbedingungen in Teheran?

Zunächst wurden wir in eine winzige kalte Zelle gesteckt, einsfünfundsiebzig auf zweizwanzig. Ein Zwinger, so hält man in Deutschland keine Hunde. Das war ein Schock. Das Schlimme war, wir wussten nicht, wie lange wir hier bleiben mussten. Für die Botschaften galten wir zu diesem Zeitpunkt als verschollen. Ich sagte mir: "Niemand bricht Donald Klein." Wobei sie es später fast geschafft hätten. Nach einigen Tagen wurden wir im Evin-Gefängnis in die Sektion sieben, Department sechs, Zelle 169 verlegt. Dort war die Situation deutlich besser. Diese Sektionen werden von Häftlingen geführt. In unserem Bereich saßen vor allem Finanztäter, er gilt als die bessere Sektion. Der Raum, in dem wir saßen, war etwa 20 Quadratmeter groß und je nach Jahreszeit mit sieben bis 18 Häftlingen belegt. Das normale Essen war schlecht. Für etwa 35 Euro pro Woche konnte man aber gute Verpflegung kaufen, auch mal Hähnchen, Obst oder Cola. Wir bekamen außerdem Bücher und Zeitungen. Und man konnte ab September innerhalb von 14 Stunden täglich telefonieren.

Fühlten Sie sich als Spielball politischer Interessen?

Ich dachte lange, dass unsere lange Haft etwas mit dem Atomkonflikt zu tun hätte. Doch beim Hofgang im Evin-Gefängnis sprach mich einer an: "Weißt du, warum du hier bist?" Ich sagte: "Wegen Abu Mussa." Er darauf: "Nein, wegen Mykonos." Danach sah ich ihn nicht mehr. Daraufhin informierte ich mich über Mykonos, und mir wurde klar: Es ging um den Iraner Darabi...

...der in Deutschland "lebenslänglich" bekommen hat, weil er 1992 am Anschlag auf das Berliner Restaurant "Mykonos" beteiligt war.

Darabi hat im Iran einen hohen Stellenwert. Sie wollten ihn. Dafür wurde ich als Geisel genommen. Das machte mir im Laufe der Zeit immer mehr zu schaffen. Ich dachte, dann sollen sie ihn in Deutschlands halt rauslassen und mit mir tauschen. Mir wurde aber von der Botschaft gesagt, dass es diesen Zusammenhang nicht gebe. Und dass es auch nicht möglich wäre. Im Nachhinein verstehe ich das. Wir würden uns ja erpressbar machen.

Aber im Sommer 2006 fühlten Sie sich von der Regierung im Stich gelassen: "Geopfert von der Bundesrepublik Deutschland unter der Kanzlerin Angela Merkel", solle auf Ihrem Grabstein stehen, schrieben Sie damals in Ihr Hafttagebuch.

Mir wurde gesagt, bei der Fußballweltmeisterschaft werde sicherlich was gehen. Viele Gespräche fanden statt. Doch es passierte wieder nichts. Da kam bei mir dieses Down. (Er weint.) Da sitzt du in einem fremden Land in einer erbärmlichen Situation, praktisch im Mittelalter. Und es tut sich nichts. Da fragt man sich: Bin ich denn nichts wert? Ich habe mich von meinem Land verlassen gefühlt. An meinen Sohn schrieb ich, dass er nie zur Bundeswehr gehen solle. Die Freilassung von Murat Kurnaz hat mir einen weiteren Knacks gegeben. Ich dachte, dich lassen sie hier verrotten und den muslimischen Abenteuertouristen holen sie raus. Das war meine Verzweiflung. Heute weiß ich, dass sehr viel für mich getan wurde.

Wie erlebten Sie Ihre Freilassung am 12. März?

An diesem Montag hatte ich nochmals einen Tiefpunkt. Zuvor hatte es wieder iranische Ankündigungen gegeben, ich solle bald freikommen. Und wieder waren sie nicht eingehalten worden. (Er weint.) Ich schrieb in mein Tagebuch: "Wie soll ich das durchstehen? Ich will nicht mehr." Meine Frau sagte am Telefon: "Du hast versprochen durchzuhalten." Mir wurde klar, ich durfte nicht kapitulieren. Ich rief meine Frau gegen 19.30 Uhr an: "Ich ziehe es durch, egal, wie lange es noch geht." Ich ging zurück in meine Zelle. Plötzlich wurde ich in einen Raum gerufen, dort sagte der Sektionschef "azad" - Freiheit. "Verarsch mich nicht", erwiderte ich. Er sagte: "No, azad." Ich weinte. Und die Mitgefangenen mit mir. Als ich rausging, riefen sie: "Donald, Donald!" Dann ging es für iranische Verhältnisse schnell. Ich war aber darauf eingestellt, am Tor wieder zurückgeschickt zu werden. Da gibt es keine 100 Prozent.

Interview: Rainer Nübel

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