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Kommentar

Von diesem Tag der Deutschen Einheit wird sich Dresden lange nicht erholen

Der Tag der Deutschen Einheit lief in Dresden völlig aus dem Ruder. Das war zu erwarten. Und wird der Stadt noch lange schaden.

Viele der Demonstranten in Dresden gingen die Politiker am Tag der Deutschen Einheit verbal hart an

Viele der Demonstranten in Dresden gingen die Politiker am Tag der Deutschen Einheit verbal hart an

, Hofkirche, am Tag der Deutschen Einheit. Ein paar Besucher finden die Tür, die ins Innere des prachtvollen Barockbaus führt, und retten sich vor dem Geschrei, dem Geschubse und den Trillerpfeifen in die Stille des Gotteshauses. Draußen vor der Kirche hat sich das Freudenfest der Deutschen in ein Armageddon verwandelt. Als gelte es, hier und jetzt alle verantwortlich zu machen für ein mieses, verpfuschtes und zutiefst langweiliges Leben, werden in der Reihenfolge ihres Auftritts niedergebrüllt und mit Handgreiflichkeiten bedroht: in Mannschaftsbussen vorüber fahrende Polizisten, eine Frau mit Kinderwagen, ein Grüppchen Hoodies tragende Studenten, eine spanische Touristenfamilie und dann die auf der Leinwand erscheinenden Gäste und Redner des Festaktes, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel. Alle: "Weg! Weg!! Weg!!!"

Die Atmosphäre in der Stadt ist vergiftet. Wer aus dem Bahnhof tritt, wird Schritt für Schritt gemustert, abgecheckt, zugeordnet. Misstrauische Blicke aus allen Richtungen. Nach 100 Metern lässt man selbst das Visier herunter. Bei der Übertragung des Festaktes auf den Theaterplatz trauen sich nur Wenige, den Worten der Redner zu applaudieren. mit dunklen Jacken und Tunnel-Ösen in den Ohrläppchen lungern herum und sprechen in ihre Handys. Auf den Balustraden von Semperoper und Residenzschloss haben Scharfschützen Stellung bezogen. Über dem Theaterplatz kreist eine Drohne. Es gießt in Strömen. Endzeitstimmung. Wer bedroht hier eigentlich wen?


Dresden verliert Touristen und Topkräfte

Mit Dresden geht es bergab. Seit zwei Jahren marschiert Pegida montags durch die Straßen, und wer da mitläuft, drückt seine Befriedigung darüber aus, dass die Stadt zerbricht. Knapp 5000 sind es am . Der aggressive und destruktive Charakter der Motzparaden zeigt Wirkung. Die Touristenzahlen sinken, die Forschungseinrichtungen kämpfen um die Gunst internationaler Topkräfte, viele sitzen auf gepackten Koffern.

Doch was bliebe denn übrig, hier in Dresden? Wenn all die nicht mehr da wären, die nach Meinung einiger Weniger "weg müssen"? Landtag, Rathaus, Universität, Krankenhäuser: geschlossen. Kirchen: den Mäusen überlassen. Hotels: verwaist. Kunstsammlungen, die prachtvolle Akademie am Elbufer, das Staatsschauspiel, das Gewandhaus: totenstill. Dresden wäre eine schön geschminkte Leiche.

Denn zutiefst gehasst und mit Vernichtungsfantasien belegt werden all jene, die zum Gelingen des Gemeinwesens beitragen. Die sich engagieren, sich in demokratischen Parteien, Initiativen, Vereinen organisieren, sich einbringen in all das, was zusammen einen Staat, eine Nation, eine Kultur ausmachen. Die Vielfalt gestalten und leben, statt Einfalt heraus zu brüllen.


Dresden wird sich lange nicht erholen

All das wurde schon so oft analysiert, benannt, geschrieben, gezeigt: Wie resistent die Wutbewegung gegen Fakten ist. Dass sachliche Diskussionen kaum möglich sind. Dass es keine genaue Vorstellung davon gibt, wofür man eigentlich auf die Straße geht – nur, wogegen. Dass "Ängste" ins Feld geführt werden, um politischen Gegnern einen irrationalen Diskurs aufzuzwingen. Dass der Weg von Protest zu Gewalt kurz geworden ist. Dass hinter vielen Zwischenfällen eine stramme rechtsradikale Organisationsstruktur aufscheint. Dass die Polizei in mehr oder weniger offen mit dem rechten Rand sympathisiert.

Doch was ist in den vergangenen zwei Jahren passiert, in denen alle hofften, die Bewegung werde sich an den Montagen totlaufen? Die Situation hat sich dramatisch zugespitzt. Am 3. Oktober war zu besichtigen, wie es um Dresden steht: Von Einigkeit keine Spur. Recht wird hier immer mehr zum Recht des Lauteren, des Stärkeren. Und Freiheit können sich alle abschminken, die anders denken. Die Kernbegriffe unserer Demokratie sind am Tag der Deutschen Einheit in Dresden mit Füßen getreten worden. Davon wird sich die Stadt lange nicht erholen.

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