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Interview

"Ich habe nicht mehr souverän auf den Hass reagiert"

Manchmal würde Dunja Hayali am liebsten zurückpöbeln, wenn jemand sie im Internet als "Kanakenquotenfotze" beleidigt. Im stern sagt die ZDF-Moderatorin, wie sie mit der zunehmenden Verrohung umgeht.

ZDF-Morgenmagazin-Moderatorin Dunja Hayali mit Hündin Emma

Herz ohne Hass: ZDF-Morgenmagazin-Moderatorin Dunja Hayali mit Hündin Emma

Frau Hayali, mehrere Millionen Menschen haben auf Youtube die sehr emotionale Dankesrede angeklickt, die Sie bei der Verleihung der Goldenen Kamera gehalten haben. Hätten Sie damit gerechnet, dass Sie so viel Aufsehen erregen?

Nee. Ich habe mit gar nichts gerechnet. Erwartungen sind eh nicht meins. Ich hatte mir überlegt, bei wem ich mich bedanke, und ich wollte ein, zwei Sätze loswerden.

Es sind ein paar Sätze mehr geworden. Und Sie haben damit offenbar einen Nerv getroffen. "Seien Sie  offen. Bleiben Sie fair. Differenzieren Sie. Wahrheit braucht einfach Zeit", baten Sie. Und fragten: "Glaubt eigentlich irgendjemand, dass das irgendwas bringt, dieser ganze Hass?"

Offensichtlich hatte sich was bei mir angestaut. Ich will mir den Spaß an meinem Job nicht verderben lassen. Mich irritiert der Hass. Mir haben nach der Verleihung einige geschrieben, dass sie Tränen in den Augen hatten und dass es ein guter Denkanstoß war. Ich brauche ein bisschen, um das zu verarbeiten.

Dabei haben Sie im Grunde genommen nur auf Selbstverständlichkeiten hingewiesen …

Absolut. Das alles sagt einem der ganz normale Menschenverstand. Und vielleicht noch: ein Herz ohne Hass.

Sagt es nicht alles über das Klima im Land aus, wenn das als außergewöhnlich wahrgenommen wird?

In den letzten Monaten ist viel passiert. Die große Zahl der Flüchtlinge verunsichert viele. Worte werden aus dem Zusammenhang gerissen oder im Mund herumgedreht. Dumm sind immer die anderen. Auf meiner Facebook-Seite beobachte ich, wie sich die Leute gegenseitig beschimpfen, so schlimm, dass ich beim Lesen schlucken muss. Aber auch Leute, die mich verteidigen, vergreifen sich im Ton. So oder so: Ich lass mich nicht kaputt machen.

Sie haben über 120.000 Follower. Ist das gesund, sich alles reinzuziehen, was die Leute posten?

In Teilen ist es lehrreich und interessant. Man kann mit Missverständnissen aufräumen, unsere Arbeitsweise erklären, Fragen beantworten. Oft ist es aber beschämend und ungesund, gebe ich zu. Deshalb brauchte ich eine Facebook-Pause. Ich war wund und angreifbar, ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr souverän auf Hass oder Beleidigungen reagiert habe. Die Pause wurde mir allerdings regelrecht verschrieben.

Von wem?

Von Freunden. Meiner Schwester. Die haben gesagt, jetzt lässt du das mal sein. Lies es nicht, lass es mal ruhen. Es bringt doch nix.

Wie lange?

Drei Wochen.

Und jetzt sind Sie wieder drauf, weil nach der Preisverleihung so viel Positives zu lesen ist?

Ja.

Auch Entschuldigungen?

Nein. Aber wenigstens haben viele erkannt, was auch mit uns Journalisten zurzeit passiert. Wie wir angegangen und beschimpft werden. Das schreiben jetzt auch viele: Ich teile nicht immer Ihre Meinung, aber so geht das nicht. Und es gab viele, die gesagt haben, es reicht offensichtlich nicht, nur zu helfen, auch wir müssen mal unsere Stimme erheben, uns laut machen. Genauso laut wie die anderen, die doch viel weniger sind.

Viele Prominente lassen ihre Facebook-Seite oder ihren Twitter-Account von Mitarbeitern betreuen. Warum halten Sie das anders?

Es ist meine Seite, also muss ich auch wissen, was dort passiert. Und die User haben ein gewisses Anrecht darauf, mit mir zu kommunizieren. Es war oft auch ein guter Austausch. Ich erhielt viele Informationen oder wurde auf Gedanken gebracht, auf die ich nicht selbst gekommen wäre.

Aber schaffen Sie das noch?

Auch ich werde Hilfe brauchen. Es wird einfach immer mehr. Ich will dem zwar gerecht werden, aber es geht nicht. Ich habe meinen Job, da kann ich nicht noch jeden Tag fünf Stunden vor dem Rechner sitzen. Ich bin zudem auch nicht die Anlaufstelle für all die, die gegen GEZ, Merkel und Co. sind. Aber auch das will ich zumindest lesen, damit ich weiß, was passiert. Die Erwartungshaltung mancher, auf alles zu antworten, kann ich aber nicht erfüllen.

Und in der Pause? Mal gespinkst?

Einmal am Tag, um zu verhindern, dass irgendwelche extremen Positionen gepostet werden. Die habe ich gelöscht und blockiert. Das habe ich früher nicht gemacht, weil ich dachte, dass alle alles sehen sollten. Mittlerweile denke ich, ich habe auch eine Verantwortung, andere zu schützen. Es ist meine Seite, da gelten meine Regeln. Und wer bedroht oder beleidigt, fliegt raus.

Hatten Sie Entzugserscheinungen?

In den ersten Tagen tatsächlich. Man sitzt im Auto, greift reflexhaft zum Handy und denkt: Ach nee, ich darf ja gar nicht. Auch in den Moderationspausen im "Morgenmagazin" musste ich mich zwingen, nicht wie üblich schnell nachzusehen, was auf Twitter los ist. 300-mal am Tag aufs Telefon zu gucken ist eine Gewohnheit geworden, wie zweimal am Tag mit dem Hund rauszugehen. Das kann nicht gut sein.

Früher trauten sich viele nur, anonym zu pöbeln. Heute posten Menschen unter ihrem vollen Namen die unverschämtesten Dinge.

Deshalb verstehe ich dieses Totschlagargument auch nicht: Man darf in Deutschland seine Meinung nicht sagen. Was ich in den letzten Wochen und Monaten an Meinungen gelesen habe, ist mit Verrohung der Sprache nicht mehr zu beschreiben. Hier sind alle Grenzen gesprengt worden, es gibt kein Halten mehr. Offenbar haben viele Menschen ein Drei-Sekunden-Hochgefühl, wenn sie so etwas schreiben. Das lässt mich gerade etwas verzweifelt zurück. Warum kann man nicht fair diskutieren und am Ende feststellen: Okay, wir kommen nicht zusammen. Schönen Tag noch.

Würden Sie manchmal gern zurückbeleidigen?

Der Reflex ist menschlich. Wenn man beleidigt wird, denkt man im ersten Augenblick: Du Mistkerl - noch höflich formuliert. Aber das verbietet mir meine Erziehung. Ich würde mich vor meinen Eltern schämen. Und es bringt ja nichts.

Die sozialen Medien führen offenbar dazu, dass man schneller, härter formuliert.

Ich bin anders groß geworden. Mit dem Satz: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Deswegen reiße ich mich zusammen und versuche, vernünftig zurückzuschreiben.

Haben Sie irgendjemanden bekehrt?

Weniger hässlich zu schreiben? Eine Handvoll. Aber eine Handvoll ist besser als null. Andere wollen einen allerdings weiter zur Schlachtbank führen. Und erfinden neue Wortkombinationen: Asylantenlesbe. Goebbels-Sender-Beauftragte.

Wie entlasten Sie nach solchen Stunden am Rechner Ihren Seelenhaushalt?

ZDF-Morgenmagazin-Moderatorin Dunja Hayali auf der Terrasse des Berliner stern-Büros

Kurze Pause zur Entspannung: ZDF-Morgenmagazin-Moderatorin Dunja Hayali mit Hündin Emma auf der Terrasse des Berliner stern-Büros

(zeigt auf ihre Hündin Emma) Da.Dieses weiße Tier ist wirklich ein gutes Mittel, um runterzukommen. Ansonsten: gute Freunde. Familie. Aber auch nicht zu viel darüber reden, sonst gibt man den Beschimpfungen zu viel Gewicht. Was sind zig Stunden am Rechner mit Hetzereien gegen viele Wochen Lageso?

Ein User hat auf Ihrer Seite geschrieben, Sie seien "eine transatlantisch treue Kanakenquotenfotze". Warum zeigen Sie so jemanden nicht an?

Mache ich inzwischen. Und ich habe jetzt eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit einer Strafandrohung von 250.000 Euro. Das Geld ginge übrigens nicht an mich. Wird jetzt auch gern behauptet.

Wie weit greift das digitale aufs reale Leben über?

Das schlimmste Erlebnis hatte ich vor drei Wochen. Ich komme aus dem Supermarkt, stehe auf der Straße, da fährt jemand mit dem Fahrrad vorbei, guckt mich an, bleibt stehen und schreit: "Das bist du doch!" Hasserfüllt. Jetzt bin ich keine zwei Meter groß und kann kein Karate, da schlucken Sie erst mal.

Ein Schock.

Ich wäre am liebsten in einem Loch verschwunden. Aber so bin ich nicht, normalerweise würde ich sagen: Was willst du jetzt eigentlich? Aber weil ich nicht damit gerechnet hatte, war ich geschockt und sprachlos. Dann schrie er: "Du Lügenpresse, du Lügenfresse." Und mir war nicht klar: Steigt der jetzt von seinem Fahrrad und haut dir eine runter? Das sind Situationen, die man nicht erleben möchte. Jetzt besitze ich wieder Pfefferspray.

Sie fühlen sich im Alltag nicht mehr sicher?

Die vergangenen Wochen habe ich mich häufiger gefragt: Guckt der mich nur an, wie ich auch erst mal jeden freundlich angucke? Dann kommt das Denken: Ist das einer der "Hasser"? Das machen die Kommentare. Sie wissen nicht, ob die verbale Gewalt sich nicht auch auf der Straße widerspiegelt.

Warum ziehen Sie solchen Hass auf sich? Weil Sie zur "Lügenpresse" zählen? Weil Sie irakische Wurzeln haben? Oder weil Sie inhaltlich in der Flüchtlingsfrage so klar Kante gezeigt haben?

Vielleicht ist es eine Mischung aus allem. Ich habe nie gesagt: Grenzen auf, alle sollen kommen. Ich bin für klare Regeln und Pflichten. Das allein kann es also nicht sein. Früher war es mir im Übrigen lieber, die Leute sagen mir offen ins Gesicht, was sie an mir stört, ob es um meine Tätowierungen geht, die Homosexualität, den Migrationsvordergrund. Inzwischen denke ich manchmal: Spar’s dir doch einfach, wenn es so unter die Gürtellinie geht. Lass mich in Ruhe, ich lass dich in Ruhe.

Sie sprechen von Migrationsvordergrund. Warum?

Weil alle es immer in den Vordergrund gestellt haben. Offenbar brauchen wir das noch, um Menschen in Boxen zu packen. Ich wundere mich auch, wenn mir Leute nach einem politischen Interview schreiben: Sie sind total rot. Drei Minuten später kriege ich eine Mail: Sie sind total schwarz. Dann denke ich: Alles richtig gemacht, gut.

Es gibt viele Verschwörungstheorien, wie es in den großen Medien abläuft. Wann gibt Angela Merkel Ihnen denn die Direktiven fürs Frühstücksfernsehen durch?

Da ich um Viertel vor vier aufstehe, ruft sie mich natürlich jeden Morgen um vier Uhr an … Im Ernst: Mich hat noch nie jemand angerufen. Mein Chef bestärkt mich eher darin, kritische Interviews zu führen, und zwar von links bis rechts, oben bis unten. Und fragen Sie meinen Vater: Ich habe mir noch nie etwas vorschreiben lassen, das löst bei mir genau das Gegenteil aus.

Würden Sie sich wünschen, dass bei Ihnen im "Morgenmagazin" Korrespondenten auch einfach mal sagen: "Das weiß ich nicht"?

Wenn es so ist, ja klar. Wenn jemand es nicht weiß, muss er es sagen. Wir müssen auch lernen, wieder häufiger den Konjunktiv zu benutzen. Wir können aus Vermutungen nun mal keine Fakten machen. Und um die zu sammeln, braucht es Zeit. Wir müssen recherchieren.

Vom früheren "Tagesthemen"- Moderator Hajo Friedrichs wird immer dieser eine Satz zitiert, ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemeinmachen, auch nicht mit einer guten.

Man kann sich für gute Dinge einsetzen - solange man es transparent macht. Ich unterstütze den Verein Vita, die bilden Golden Retriever als Assistenzhunde für behinderte Menschen aus. Was ist daran verkehrt? Ich gehe für "Gesicht zeigen" in Schulen und rede über Antisemitismus, Rechts- und Linksextremismus, Homophobie, was ist daran schlecht? Würde Hajo Friedrichs noch leben, würde er sagen: Weitermachen!

Die Goldene Kamera haben Sie unter anderem für Ihre Berichte über die AfD bekommen. Laut Umfragen ist die Zustimmung für diese Partei kräftig gestiegen. Haben Sie als Journalistin versagt?

Wieso versagt? Meine Aufgabe ist es nicht, jemanden von der AfD wegzuholen und zu einer anderen Partei zu führen. Das müssen die Politiker schon schön selbst hinbekommen. Mein Aufgabe ist es, die Menschen zu verstehen, mit ihren Sorgen und Ängsten, und die AfD zu be- und zu hinterfragen: Wofür stehen die, was wollen die, was sind ihre Lösungsansätze - wie ich es mit jeder anderen Partei mache. Ich weiß nicht, ob die Wähler wissen, was die AfD zur Steuer- oder zur Bildungspolitik sagt. Wäre es nicht auch mal interessant, das zu erfahren?

Sie haben für Ihre Reportage den AfD-Scharfmacher Björn Höcke interviewt. Würden Sie den auch ins "Morgenmagazin" einladen?

Warum nicht. Wir hatten auch den früheren AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke da. Oder Herrn Gauland. Die Interviews zeigen, dass es nicht leicht ist, aber das sind Herausforderungen, denen wir uns als Journalisten stellen müssen.

Kann man die AfD im Fernsehen entzaubern?

Das ist nicht mein Job. Ich entzaubere ja auch nicht Herrn Kauder oder Herrn Stegner. Sie entzaubern sich höchstens selbst. Wir sind da, um Widersprüche und Ungereimtheiten aufzudecken. Ich behandele die AfD genauso wie jede andere Partei, denn sie ist demokratisch gewählt, ob uns das als Journalisten passt oder nicht. Es wäre grundfalsch, nicht mit ihnen zu reden - das sollte auch für Parteien gelten.

In Erfurt haben Sie während einer Kundgebung der AfD deren Anhänger interviewt. Sie hätten dabei viel gelernt, haben Sie später gesagt. Was zum Beispiel?

Für mich war eine Frau mit Kerze in der Hand ein Aha-Erlebnis, die zu mir sagte: Eigentlich wolle sie gar nicht hier hin, aber sie wüsste nicht, wohin sonst; sie habe das Gefühl, keiner höre ihr zu und gebe ihr Antworten. Diesen Menschen müssen wir zuhören.

Die meisten anderen, die Sie in Erfurt befragten, reagierten eher aggressiv. Wie schaffen Sie es, dabei so gelassen zu bleiben?

Es war Interesse gepaart mit Erstaunen. Außerdem: In chaotischen Situationen werde ich immer ruhiger. Das ist im Studio auch so. Je hektischer es zugeht, desto ruhiger werde ich. Wie mir das gelingt, weiß ich auch nicht. Im Privaten bin ich anders.

Da neigen Sie angeblich zum Jähzorn.

Ja. Erstaunlich, nicht? Ich hab mich gut im Griff – in meinem Job. Ich bin Zwilling. Vielleicht sind das die zwei Gesichter der Hayali.

Sie leben in Kreuzberg. Ist Multikulti quicklebendig oder gescheitert?

Es gibt nicht Schwarz und Weiß. Ich sehe beides. Viele Menschen, die ­integriert sind. Und dann sehe ich tagtäglich die Drogendealer in meinem Park oder die Kriminalität am Kottbusser Tor. Das geht mir tierisch auf die Nerven.

Seit der Silvesternacht in Köln reagieren Menschen mit Migrationshintergrund oft harscher als Deutsche auf Kriminalität von Ausländern und Flüchtlingen. Warum?

Ich kann das verstehen. Es geht mir ähnlich. Ich bin irrsinnig wütend, dass ausgerechnet Menschen, die etwas von uns wollen, sich dermaßen danebenbenehmen. Das führt alle Argumente, wir müssen integrieren, wir müssen helfen, ad absurdum. Da könnte ich ausflippen. Und Menschen, die seit Jahren bei mir im Kiez leben, werden plötzlich komisch angeguckt. Die stehen jetzt unter Generalverdacht. Aber wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren. Nicht alles, was vor Köln gut war, kann jetzt schlecht sein. Das gehört zur Wahrheit auch dazu. 

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Von:

und Lorenz Wolf-Doettinchem