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Armer Christian Wulff

Egal, was man über den Ex-Bundespräsidenten denken mag: Dass Christian Wulff von seiner Frau so vorgeführt wird, hat er nicht verdient. Parteinahme für einen Gescheiterten.

Ein Kommentar von Thomas Schmoll

Man sah, dass er glücklich war an ihrer Seite. Man sah es bei jedem Auftritt des Paares. Ja, er war glücklich und auch ein bisschen stolz, wenn er ihr zuschaute, wie sie versuchte, wie ein Filmstar mit verzaubernder Aura zu lächeln, ihr Tattoo in die Kamera hielt und ihm - als Krönung - öffentlich ihre Lippe auf die seinige drückte. Es war, darf vermutet werden, die glücklichste Zeit im Leben des Christian Wulff. Er, der immer als Durchschnitt vom Durchschnitt durchging, bekam ein Weib ab, wie man es ihm nie zugetraut hatte: jung, attraktiv und vorzeigbar. Bei einem Klassentreffen hätte er in jenen wunderbaren Tagen den Wettbewerb "Mein Haus, mein Schloss, mein Auto, mein Dienstwagen, meine Frau" garantiert gewonnen.

Wenige Monate ist das her. Nun ist alles anders. Christian Wulff hat alles verloren. Alles. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit. Ehre, Status, Macht, Ansehen, Aufmerksamkeit, Karriere, Kanzlerin, "Bild"-Zeitung, einen attraktiven Grußonkel-Job. Nur seine geliebte Gattin war ihm geblieben. Bis jetzt. Nun ist auch sie weg. Und alle, die es immer geahnt oder gewusst haben, dass Bettina Wulff ihm den Laufpass geben würde, sollten Recht behalten. Sie war es, die öffentlich über Spannungen in der Beziehung plauderte und bekanntgab, dass die Eheleute mit Hilfe einer Paartherapie ihre Beziehung retten wollten. Was für eine Demütigung für Wulff, dass das Volk, das er für ein paar Monate als Staatsoberhaupt weltweit repräsentierte, endlich auch wusste, dass er und seine Gattin auf der Psycho-Couch hockten.

Sie stellte ihn öffentlich an den Pranger

Das Glück hatte Wulff ebenso verlassen wie die ungefähr zehn Kilo, die er seit seinem Abschied aus Schloss Bellevue im Februar abgenommen hatte. Trat das Paar in jenen Tagen und Wochen nach dem Rücktritt gemeinsam auf, was selten genug war, wirkte Christian Wulff bemüht, Normalität zu zeigen. Nach Leichtigkeit sah das nie aus, da er wusste, dass ihre letzten öffentlichen Küsse nur Lippenbekenntnisse waren. In seiner Zeit als Politiker hat es Wulff gelernt, Sorgen zu verbergen und wegzulächeln. Trotzdem war stets zu spüren: Über ihm liegt ein Schatten des Kummers, der an der Seele nagt. Kein Wunder, dass er so abmagerte. Trotzdem stand er tapfer zu seiner Gattin: "Was wir erlebt haben, das ist schrecklich. Das wünscht man keiner Frau. Das ist schrecklich für eine Familie. Aber jetzt kommt die Welle zurück, das Buch wird sich verkaufen, und jeder, der es liest, wird eine andere Meinung haben." Was sollte er auch anderes tun, was anderes sagen, wenn er sie halten wollte. Zurückschießen? Nein, er liebte sie noch immer.

Es war Bettina Wulff, die das Unglück ihres Mannes noch vervielfachte, statt ihn zu stützen und zu helfen, das Tal der Tränen zu durchschreiten. Sie war es, die ihn der Lächerlichkeit preisgab, ohne Not und Rücksicht auf ihn Details über das Privatleben der beiden hinaus in die weite Welt posaunte und ihn öffentlich an den Pranger stellte. Während die Gemahlinnen von Karl-Theodor zu Guttenberg und Horst Köhler die Rücktritte ihrer Ehemänner schweigend begleiteten, schlüpfte Bettina Wulff in ihre wohl letzte öffentliche Rolle: Sie machte auf die deutsche Ausgabe von Lady Di: "Ich werfe ihm manchmal vor, dass er mich ein großes Stück auch in die Rolle gedrängt hat. Und wenn ich es im Nachhinein betrachte, rächt sich dies auch in der Beziehung." Bettina Wulff hatte beim Dauerlächeln niemals gewirkt wie ein ohne eigenes Zutun in eine Rolle gedrängtes Hascherl. Im Gegenteil sah sie aus wie jemand, der das Blitzlichtgewitter genoss. Etliche Fotos zeugen davon. Umso merkwürdiger muteten ihre Bekenntnisse an, die sie in etlichen Interviews zu ihrem Buch "Jenseits des Protokolls" von sich gab. Es war der tödliche Dolchstoß in eine kranke Beziehung und mitten ins Herz eines schon zur Genüge verletzten Christian Wulff.

Vielleicht ist sogar der Glaube an die ewige Liebe dahin

Was musste Christian Wulff erleiden, ertragen und erdulden?! Wie musste sich ein Mann fühlen, der versuchte, eigene Verfehlungen erfolgreich zu verdrängen und dem zugleich die eigene Ehefrau in den Rücken fiel, in dem sie sich anmaßte, dem Volk die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit erklären zu müssen?! Damit schmähte sie nicht nur ihren Gatten, damit verachtete sie ihn sogar. Das war nicht nur Verrat, sondern öffentliche Kastration. Man stelle sich vor, was damals jene Kerle in der CDU sagten, die die fiesen Gerüchte über Bettina Wulff in Umlauf brachten: Der Trottel ist nicht nur ein politischer Versager. Er hat auch sein Weib nicht im Griff.

Vielleicht meinte Bettina Wulff das alles überhaupt nicht so (böse), wie es erscheint. Vielleicht ist sie einfach nur naiv und eine durch und durch ehrliche Haut. Mag sein, dass die Mutmaßung, sie habe Wulff nur genommen, weil sie auf Männer mit Macht stehe, dümmlich und falsch ist. Aber wem könnte sie es verübeln, der jetzt sagt: War doch klar.

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