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Schluss mit dem ganzen Nazischeiß!

Jetzt redet Udo Lindenberg Klartext: über Nazis, über Feigheit, über Untätigkeit. Ein Appell für Menschlichkeit und Toleranz - gegen den Nazi-Aufmarsch in Hamburg.

  Udo Lindenberg sagt den Nazis den Kampf an

Udo Lindenberg sagt den Nazis den Kampf an

Vorweg: Klartext. Mit Leuten, die leugnen oder sogar richtig fanden, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden, die alle Ausländer für "Untermenschen" halten und sich selbst für eine sogenannte "Herrenrasse", rede ich nicht. Und diese Unbelehrbaren brauchen nichts weiter als die volle Härte unseres Rechtsstaates.

Nein, ich möchte mit denen sprechen, die hinterher sagen: Das habe ich nicht gewollt. Das habe ich nicht gewusst. Wie meine Eltern oder meine/eure Großeltern, die Mitläufer waren und wahrscheinlich froh gewesen wären, wenn einer mal vernünftig mit ihnen gesprochen hätte.

Damals und heute

Ich war ein Baby in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, 1946, der Sohn eines Mannes, der goldene, zentrale Jahre seines Lebens für den Schwachsinn, die humanistische Bankrotterklärung der NSDAP und die verabscheuungswürdigen Verbrechen des Krieges weggeschmissen hat. Ich bin der Sohn einer Mutter, die "von nichts gewusst hat". Da komme ich her, aus der kleinen Stadt Gronau, mit damals null Durchblick - oder wollte man es auch gar nicht so genau wissen? Dummheit, Feigheit, geblendet sein? Nicht hinter die braunen Kulissen gucken?

Aber jetzt, 2012: Wir können uns informieren. Wisst ihr, ich sehe es einfach nicht mehr ein, dieses Blut-und-Boden-Gepöbel, diese dumpf-dusselige Inanspruchnahme der Gewalt gegen jeden, der nicht so aussieht wie ihr, der nicht in euer uraltes, abgefucktes Deutschland-Bild passt, in eurem grausam-engen Horizont vom bierflutenden Stammtisch bis zum nächsten Baseballschläger-Schnitzer. Und von dort ist es nicht weit zum eiskalten Killer.

Zurück in der Geschichte

Blicken wir mal kurz zurück in unsere jüngere Geschichte: Die neuen Nazis bekamen nach 1989 deutlich Auftrieb. Es gelang den rechtsextremen Ideologen, vor allem denen aus dem Westen, die Orientierungslosigkeit im Osten zu nutzen und in Städten und Dörfern Organisationsstrukturen zu etablieren. Nach außen hin gaben sich die Nationalsozialisten eher moderat. In Hinterzimmern jedoch wurde mit militanter Schlagkraft hantiert, mit Waffen, Sprengstoff und Säure. Systematisch wurden Feinde identifiziert, egal ob konservativ, links oder liberal. Nachrichten wurden gesammelt, Bestrafungspläne geschmiedet und umgesetzt. Neonazis verdingten sich als Söldner internationaler Brigaden im Jugoslawien-Krieg. Einer von ihnen wurde später NPD-Landesvorsitzender in Berlin.

Es geht den Rechtsextremisten nicht nur um einen Machtwechsel in Deutschland, sie kämpfen gegen die Demokratie überhaupt. Rechtsradikale verehren den nordkoreanischen Führer, sie jubeln dem iranischen Judenhasser Ahmadinedschad zu, huldigen Gaddafi und verachten die USA. Sie vernetzen sich international, und sie werden stärker, je weniger sich gegen sie wehren. Griechenland, Frankreich, Italien, sogar in den einst so toleranten Niederlanden: Der Schoß ist fruchtbar noch. Die Nazis wähnen sich in einem Krieg. Und versprechen die Erlösung aus den Schwierigkeiten einer modernen Gesellschaft: Unfreiheit als Programm.

Die verdammte Pflicht der Deutschen

Wir Deutsche haben die verdammte Pflicht, uns immer und überall zu wehren und für die Demokratie zu kämpfen. Die Opfer rechtsradikaler Gewalt wurden und werden nicht aus einem spontanen Impuls heraus getötet, wie oft behauptet. Die Überfälle auf Linke, Pogrome gegen Ausländer, Attacken auf Homosexuelle und Andersdenkende sind keine profane Gewalt orientierungsloser Heranwachsender und bildungsferner Unterschichten.

Der braune Terror folgt einer historischen Mission: die Demokratie zu beseitigen und das Reich einer kulturell und rassisch reinen Volksgemeinschaft zu begründen. Demagogische Propaganda dient diesen Zielen ebenso wie Terror auf der Straße oder der Einzug in Parlamente. Die neuen Nazis arbeiten offen wie verdeckt und lachen sich ins Fäustchen, wenn der von ihnen verhasste Staat ihren Kampf auch noch durch die Parteienfinanzierung bezahlt.

Dreckig-brauner Teppich

Ach nee, wenn ich an all das denke: Auf deutschem Boden (und nicht nur da) will ich keine Wiedergeburt der braunen Zombies sehen, nicht mehr einen Ferngesteuerten aus der stinkenden, braunen Kloake des Gestern, nicht mehr einen Verräter an den Menschenrechten, nicht mehr einen hirntoten rechtsextremen Terroristen.

Millionen ermordeter Juden, Russen, Polen, unbeschreibliches Leid in ganz Europa. Die Hölle Holocaust. Fühlst du nicht mit, wenn du hörst, wie verzweifelt die Mutter im KZ war, als ihr das Kind aus den Armen gerissen wurde, ein letzter Blick und dann ab in den Tod? Was der Vater im Warschauer Ghetto fühlte, wenn sein Sohn vor seinen Augen gefoltert oder und geschlagen wurde?

Versetz dich mal in die Lage der Mütter und Väter, die in Norwegen um ihre Kinder weinen, im Sommer hingerichtet von einem wirren Amokläufer? Einem Wahnsinnigen, der sich die Welt untertan machen will? Hörst du den Schrei unserer türkischen Freunde, deren Brüder und Schwestern von glattrasierten Schädel-Bombern exekutiert wurden?

Ihr Nazis, bei uns und anderswo: Wenn ihr noch ein wenig Ehrgefühl habt, dann könnt ihr wohl umdenken und Mitglieder werden, Mitglieder einer korrekten Menschenfamilie, das wäre doch der Weg, der Weg zu wirklicher Größe.

Aber wenn ihr trotz allem so verbohrt und bescheuert seid, ganz ohne Gefühl und ohne einen Funken Verneigung vor jedem Leben; denn jedes Leben ist wertvoll und auch irgendwie heilig. Wenn ihr also jetzt immer noch sagt "Wir bleiben Nazis", dann gebührt euch unsere tiefste Verachtung, und ihr habt kein Recht auch nur einen Hauch eures Unwesens weiterzutreiben.

Wir gehen auf die Straße und ziehen euch euren dreckig-braunen Teppich unter den Springerstiefeln weg. Dann machen wir euch weg. Dafür stehe ich. Dafür stehen meine Freunde.

An euch mutige Aussteiger

Wir warten auf ein Zeichen, wir sind offen. Für jeden, der aussteigen will, gibt's auch Schutz und Hilfe. Und zum Beispiel die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt". Und das Ausstiegsprojekt "exit", das ich seit Jahren fördere. Bei "exit" arbeiten mutige Menschen, die Neonazis dabei helfen, wieder auf einen wirklich rechten Weg zu kommen. Wir haben in den vergangenen Jahren fast 500 Leute aus der Szene geholt, was für ein grandioser Erfolg.

Es ist also möglich, sich zu verändern.

Aber es bedeutet eben auch, sich gerade zu machen für seine Lieben. Und das, was man schätzt.

Eine weitere Verharmlosung der Lage wie in den vergangenen Jahren, die Überheblichkeit von Richtern, Staatsanwälten und Weichei-Bürgermeistern können wir nicht mehr hinnehmen. Mitten unter uns arbeiten Tausende für den Untergang von Demokratie und Freiheit. Eine dieser Gruppen, die Zwickauer Zelle, ist nun aufgeflogen. Sie ist Teil einer zunehmend unübersichtlichen Bewegung. Die NPD dient ihr als Schutzschild: Sie lenkt die Öffentlichkeit vom Ausmaß der Gewalt ab. Ihr Verbot würde dem Naziterror schaden - beseitigen würde sie ihn nicht.

Schluss mit dem Nazischeiß!

Zum Schluss noch das: Ich habe mit Schrecken gehört, dass die Mitglieder der s genannten NSU meine Musik gemocht haben. Leute, vielleicht bin ich ein Träumer: Aber ich glaube, wenn man sich mit diesen Typen frühzeitig und ernsthaft und entschlossen auseinandergesetzt hätte, wäre der Weg dieser Typen vielleicht anders verlaufen.

Ich ziehe meinen Hut vor allen, die sich um wahre Menschlichkeit und Toleranz, um Demut und Mitgefühl bemühen. Ich bewundere all jene, die sich in Dörfern und Städten den Nazis entgegenstellen.

Und alle, die sich dass sich trauen, oder keine Zeit haben, aber ein bisschen Geld übrig haben, möchte ich bitten, Initiativen gegen rechts zu unterstützen. Das haben diese Leute wirklich verdient. Und das sind wir ihnen schuldig.

Schluss mit dem ganzen Nazischeiß!

Udo Lindenberg

Von Udo Lindenberg
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