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Warum die Polizei gegen Einbrecher (meistens) keine Chance hat

Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland steigt: 2014 wurden 150.000 Fälle erfasst - der höchste Wert seit 16 Jahren! Polizei und Politik sind alarmiert. Und setzen auf die Mithilfe der Bürger.

Von Christoph Henrichs

  Einbrecher hebeln sich mit wenigen Handgriffen in die Privatsphäre ihrer Opfer. Ein sogenannter Kuhfuß als Werkzeug ist besonders effektiv

Einbrecher hebeln sich mit wenigen Handgriffen in die Privatsphäre ihrer Opfer. Ein sogenannter Kuhfuß als Werkzeug ist besonders effektiv

Als Silke Niethammer (*) ihre Haustür aufschließt, merkt sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Warum liegen Glassplitter und Kieselsteine im Flur? Schnell weicht die Verwunderung dem Schock und der Erkenntnis: Es waren Einbrecher im Einfamilienhaus der 57-jährigen Lüdenscheiderin. Mit schweren Steinen hatten sie die Terrassentür der Niethammers eingeschlagen. Die Splitter waren durch den Flur bis vor die Haustür geflogen, in der Glasscheibe prangt ein scharf gezacktes Loch. "Mir ist ein Rätsel, wie die da durchsteigen konnten, ohne sich an den Scherben zu verletzen", sagt Niethammer. Doch im Haus finden sich keine Blutspuren - nur Verwüstung: Aufgerissene Schubladen, durchwühlte Schränke, klaffende Lücken in der Schmucksammlung. Die Polizei kommt, protokolliert, ermittelt. Ohne Erfolg: Nach drei Wochen wird das Verfahren eingestellt.

Tatsächlich werden Einbrecher in Deutschland in den seltensten Fällen geschnappt: Die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen liegt durchschnittlich bei bescheidenen 15 Prozent. "Aufklärung" bedeutet nur, dass die Polizei einen oder mehrere Tatverdächtige ermittelt. In nur etwa drei Prozent aller Fälle kommt es am Ende tatsächlich auch zu einer Verurteilung. Der Staat bekommt die Einbruchskriminalität seit Jahren nicht in den Griff. Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist mit rund 150.000 Fällen im Jahr 2014 auf den höchsten Wert seit 16 Jahren angestiegen. Die Zahlen sind alarmierend, die Bürger beunruhigt und die Betroffenen oft traumatisiert; schließlich verletzen Einbrecher die Intimsphäre eines Menschen, wenn sie in dessen vier Wände eindringen. Spätestens die Kriminalitätsstatistik, die nächste Woche offiziell vorgestellt wird, zwingt die Politik jetzt zum Handeln.

"Wohnungseinbrecher lesen nicht das Strafgesetzbuch"

Die Union fordert etwa härtere Strafen für Einbrecher - mit dem Koalitionspartner SPD hat sie sich darauf aber noch nicht geeinigt. Denn der Gegenwind weht bereits aus verschiedenen Ecken: "Das wäre ein Schnellschuss, der nur die Bevölkerung beruhigen soll", kritisiert Arne Dreißigacker vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Und der Präsident der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt erinnert: "Wohnungseinbrecher lesen nicht das Strafgesetzbuch." Auch der Union-Vorschlag, die Telefone von Einbruchsbanden überwachen zu lassen, trifft auf wenig Gegenliebe: Dem stehe ihre Fraktion kritisch gegenüber, sagt die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Eva Högl. Und auch Linke und Grüne wehren sich entschieden gegen mehr Überwachung.

Immerhin sind sich die Fraktionsspitzen von SPD und Union darin einig, die Bundespolizei mit zusätzlichem Personal und mehr Geld im Kampf gegen organisierte Einbruchskriminalität zu rüsten. Damit wollen sie auch die Bundesländer in die Pflicht nehmen, mehr Beamte einzustellen. Das loben selbst die Grünen: "Mehr Polizisten sind nie verkehrt: Je schneller die Beamten den Tatort erreichen, desto besser", sagt die Grünen-Sprecherin für innere Sicherheit, Irene Mihalic - selbst ausgebildete Polizistin. Sie betont aber auch, dass mehr Polizeistellen kein Allheilmittel seien. Viel wichtiger sei es, Verhaltensmuster bei den Tätern zu erkennen, alle Erkenntnisse zu sammeln und zur Analyse zusammenzuführen.

Jeder muss sich selbst schützen

Denn vor Ort sind Polizisten in aller Regel machtlos; schließlich treffen sie erst am Tatort ein, wenn die Täter schon lange weg sind. Deswegen liegt es bei den Anwohnern selbst, sich zu schützen. 40 Prozent aller Einbruchsversuche bleiben eben genau das: ein Versuch. "Wenn ein Einbrecher innerhalb von fünf Minuten nicht ins Haus kommt, gibt er auf", sagt Jens Fritsch. Der Kriminalhauptkommissar arbeitet in einer Beratungsstelle der Berliner Polizei. Immer mehr Bürger holen sich seinen Rat - vom WG-Bewohner bis zum Hausbesitzer, vom Kioskbetreiber bis zum Architekten. Fritsch und seine Mitarbeiter lassen sich sogar für kostenlose Hausbesuche buchen. Die Resonanz ist riesig, bis zu sechs Wochen lang stehen vorsorgende Bürger auf der Warteliste. Mit geübten Augen identifizieren die Polizisten sofort die Schwachstellen einer Wohnung: "In 80 Prozent aller Fälle hebeln die Täter einfach nur ein Fenster oder die Terrassentür auf", sagt Fritsch. Ein Schraubendreher und eine trainierte Bewegung reichten dafür aus.

Dass bei der Lüdenscheiderin Silke Niethammer die Scheibe eingeschlagen wurde, ist daher schon ein Sonderfall. Doch auch gegen die Hebel-Technik professioneller Einbrecher wäre sie nicht geschützt gewesen. "Wir haben überlegt, unsere Türen und Fenstern zu sichern", sagt Niethammer, "aber das wäre einfach zu teuer geworden". Zertifizierte Technik, von Fachmännern montiert, hat seinen Preis - und der geht je nach Größe der Wohnung in den vier- bis fünfstelligen Bereich.

Zuschüsse für Sicherheitstechnik

Einbruchschutz - ein purer Luxus? Eher eine Sache der Prioritäten, findet Polizist Jens Fritsch: Die meisten Leute, die ein Haus bauen, verschwendeten ganze Tage damit, die richtigen Fliesen und Waschbecken für ihr Bad auszuwählen. "An Einbruchsschutz denken sie aber kaum." Die Große Koalition will für sie nun neue Anreize schaffen. Schon jetzt fördert die staatliche Bank KfW Eigentümer, die in Sicherheitstechnik investieren. Die Fördermöglichkeiten sind in den Programmen "Altersgerecht Umbauen" und "Energieeffizient Sanieren" versteckt. "Das müssen wir bekannter machen und verstärken", sagt die SPD-Politikerin Eva Högl. „Unser Ziel ist, dass sowohl Eigentümer als auch Mieter die Förderung nutzen können." Die aufgestockten Programme sollen mit dem Nachtragshaushalt für 2015 finanziert werden, der im Mai im Bundestag beschlossen werden soll.

Die Zahl der Einbrüche wird nicht allein davon sinken, dass die Regierung mehr Zuschüsse und Kredite verspricht. Auch wachsame Nachbarn und mehr Aufklärung sind nötig. Und wenn Eigentümer von vornherein auf höhere Sicherheitsstandards setzen und Mieter ihre Altbauwohnungen nachrüsten, kann Einbrechern die Tat immerhin erschwert werden. Silke Niethammer hat jetzt an allen Fenstern und Terrassentüren elektrische Rollläden, die sie immer herunterfährt, wenn sie das Haus verlässt. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl. Wenn sie den Schlüssel ins Türschloss steckt, fragt sie sich nun jedes Mal: "Was sehe ich jetzt, wenn ich die Haustür aufmache?"

(*) Name geändert

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