Wusste die deutsche Regierung, dass der US-Geheimdienst CIA den Deutschen Khaled el-Masri entführte - und sah tatenlos zu? Belege dafür gibt es bislang keine. Aber nicht nur El Masris Aussagen im Bundestag werfen neue Fragen auf. Von Florian Güßgen

Opfer und Zeuge: Der Deutsch-Libanese Khaled El Masri auf dem Weg in den Europasaal des Paul-Löbe-Hauses des Bundestags© Gero Breloer/DPA
Wer war "Sam"? Es ist wie ein Zitat aus einem Frisch-Roman oder eine immer wiederkehrende, quälende Sequenz in einem Pycho-Thriller? Wer war, wer ist dieser "Sam"? Immer wieder wird die Frage am Donnerstag gestellt, hier im Europasaal des Bundestags, in dem elf Abgeordnete sich von frühmorgens bis spätabends durch eine Marathon-Sitzung quälen. Wer steckt hinter "Sam", diesem Mann, der offenbar perfekt Deutsch spricht, dessen Frau offenbar einen Metro-Ausweis benutzt, und der offenbar problemlos Zugang bekommt zu afghanischen Kerkern, in den der US-Geheimdienst CIA offenbar auch mal gerne deutsche Staatsbürger gefangen hält? Arbeitet Sam für die CIA? Oder doch für die Deutschen? Für das BKA? Oder vielleicht den BND?
Khaled el-Masri könnte die Antwort wissen. "Sam" hat ihn besucht, verhört, damals in Afghanistan. Er könnte Indizien liefern. Und für Khaled el-Masri steht die Antwort fest. "Ich glaube, dass Sam deutscher Beamter ist", sagt der Mann mit dem schwarz-grauen Pferdeschwanz, dem offenen, weißen Hemd und der leisen, vorsichtigen Stimme. Ja, er habe Sam sicher identifiziert, sagt er. Nicht damals in Afghanistan, auch nicht bei der Gegenüberstellung durch das Polizeipräsidium Schwaben - sondern später, als er ihn auf einem Film sah, den sein Anwalt ihm gezeigt habe. Darauf sei der BKA-Beamte Gerhard L. zu sehen gewesen, beim Einsatz im Libanon, an der Seite des deutschen Staatsanwalts Detlev Mehlis. Er, el-Masri, habe Sam wiedererkannt. An seinen Bewegungen, an seinen Gesten, die ihn so an ein Gespräch im Februar 2004 erinnerten, in Kabul. Er sei jetzt sicher: Gerhard L. sei Sam.
Der BND-Untersuchungsausschuss, den das Parlament im April eingesetzt hat, offenbart schon an diesem Donnerstag, dem ersten Tag, an dem Zeugen befragt werden, wie schwer es sein wird, aus dem Wirrwarr von mehr oder minder glaubwürdigen Akteuren und von mehr oder minder geheim gehaltenen Akten die wahre Geschichte des Entführungsfalls el-Masri zu rekonstruieren, die Beteiligten, die Hintergründe - und die wahren Verantwortlichkeiten. Dabei sind die politischen Interessenlagen ohnehin klar: CDU- und SPD-Vertreter, zusammengeschweißt in der großen Koalition, verteidigen behutsam, während die Opposition ein rot-grünes Komplott wittert - und vor allem Ex-Innenminister Otto Schily scharf angreift. Politisch spannende Gefechte sind in den nächsten Monaten auf jeden Fall vorprogrammiert.
Das, worum es im Kern geht, lässt sich an der Schlüsselfigur "Sam" gut erklären. Bislang gibt es mindestens zwei Versionen des Entführungsfalls el-Masri. Gemein ist beiden, dass sie die völkerrechtswidrige Entführung des Neu-Ulmer Deutsch-Libanesen durch den US-Geheimdienst CIA nicht anzweifeln: Ende Dezember 2003 reiste el-Masri nach Mazedonien, wurde dort entführt, gut drei Wochen in einem Hotelzimmer in Skopje eingesperrt und dann in ein afghanisches Gefängnis geflogen. Dort, vermutlich in Kabul, wurde er bis Ende Mai 2004 festgehalten und verhört - nach eigenen Angaben ohne zu wissen, was die Amerikaner ihm vorwarfen. Während der Zeit in dem afghanischen Gefängnis erhielt el-Masri nach eigenen Angaben vier Mal Besuch von einem nach seinen Angaben perfekt Deutsch sprechenden Mann. Dieser nannte sich "Sam" und wusste Details aus El Masris Neu-Ulmer Leben. Kurz nachdem "Sam" ihm versprochen hatte, frei gelassen zu werden, endete seine Gefangenschaft. Im Mai 2004 wurde er in Albanien frei gelassen - und flog nach Deutschland zurück.