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25. Juni 2009, 15:20 Uhr

Merkel traut sich CO2-Kraftakt nicht mehr zu

Lange schwärmte Angela Merkel von einer klimaverträglichen Energieversorgung aus Kohlekraftwerken. Doch jetzt ist sie mit dem Versuch gescheitert, die Kohle-Verstromung auf eine gesetzliche Basis zu stellen. Gestoppt wurde das so genannte CO2-Speicher-Gesetz von CDU und CSU. Ein Machtwort traute sich die Kanzlerin nicht zu. Eine Analyse von Hans Peter Schütz

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Kohlekraftwerke blasen zuviel Kohlendioxid in die Atmosphäre. Wohin also mit Treibhausgas?© Carsten Rehder/DPA

Die Geschäftsführerin des Bundesverbands der Energiewirtschaft (BDEW), Hildegard Müller, schäumte vor Zorn, als sie hörte, dass im CDU-Präsidium jetzt ein knallhartes Nein zur Verabschiedung des CO2-Gesetzes vor der Bundestagswahl beschlossen worden war. "Es wäre für unseren Wirtschaftsstandort eine Katastrophe", klagte sie.

Das war für sie auch eine sehr persönliche Niederlage. Denn die großen Stromhersteller waren es gewesen, die die frühere Staatsministerin im Kanzleramt und Merkel-Vertraute mit einer Verdreifachung ihres bisherigen Salärs in ihre Dienste geholt hatten. Konnte man eine bessere Lobbyistin bei der Kanzlerin bekommen?

Für Müller ergibt sich aus dem Nein der CDU/CSU eine sehr ungewohnte Situation. Die CDU-Politikerin hat bei ihrem Kampf jetzt nur noch die SPD hinter sich - und die auch nur halbherzig. SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel ruft empört nach einem Machtwort der Kanzlerin. "Ich erwarte eine klare Entscheidung von CDU und CSU für dieses Gesetz." Merkel selbst habe es schließlich hoch gerühmt und im Kabinett dafür gestimmt. Auch der stellvertretende SPD-Fraktionschef Ulrich Kelber schimpft. "Wir sind entsetzt", rügt er die Kanzlerin und erklärt: "Das ist unredlich."

Auch die Unterstützung in der SPD brökelt

Die Sündenbocksuche der SPD ist allerdings ziemlich unredlich. Denn auch in ihren eigenen Reihen gibt es massiven Widerstand gegen das Gesetz zur Speicherung von Kohlendioxid. Ihr "Sonnen-Papst" genannter Energiepolitiker Hermann Scheer jubelt gegenüber stern.de über die CDU/CSU-Fraktion: "Sie hat der Regierung in letzter Minute eine überfällige Denkpause verordnet. Wir müssen über das Projekt neu nachdenken, denn es gibt sinnvollere, risikofreiere, kostengünstigere und schneller erreichbare Alternativen."

Scheer ist kein Einzelkämpfer in der SPD. Auf dem jüngsten SPD-Parteitag widersprach er Gabriel. Wer für die Verpressung von CO2 in den Boden eintrete, trage Konflikte in jeden Ortsverein, warnte er. Und er setzte in einem Antrag durch, dass die SPD sich jetzt in ihrem Wahlprogramm dazu bekennt, der Wiederverwertung von CO2 sei Vorrang vor der Endlagerung einzuräumen. Nur Gabriel will davon nichts wissen.

Zuvor hatte Scheer in einem Brief an alle SPD-Abgeordneten vor einem Ja zum CO2-Gesetz gewarnt. Was ihn ärgerte: Dass die SPD-Führung unterm Druck der Energiewirtschaft alle Warnungen der Experten vor der Endlagerung überhörte. Der Sachverständigenrat der Regierung hatte erhebliche Einwände. Das Umweltbundesamt warnte. Anhörungen des Umweltausschusses des Bundestags und der Arbeitsgruppe Umwelt brachten erhebliche Bedenken vor der Endlagerung. Scheer: "Wir handeln uns ein neues Jahrhundertproblem ein." Denn es gebe keine Garantie, dass das gelagerte CO2 nie wieder entweiche.

Ein zweites Wackersdorf?

Merkel versuchte, ihre Niederlage mit Spott abzuwenden. Bei CO2 gehe es doch nur um einen Stoff, der ja sogar in Sprudelflaschen vorhanden ist." Doch damit konnte sie weder ihren Fraktionschef Volker Kauder überzeugen. Schon gar nicht die CSU, deren Landesgruppenchef Peter Ramsauer das Nein seiner Partei dramatisch klar verkündete: "Wir reißen doch nicht mit dem CCS-Hintern das ein, was man den Bauern zuletzt angetan hat." Jeder Landbesitzer müsse es bei diesem Gesetz doch dulden, wenn unter seinem Boden ein CO2-Depot angelegt werden soll oder die notwendige Pipeline, die dahin führt.

Zudem hatte Scheer listigerweise mit seinem Brief auch eine Landkarte verschickt, auf der die 530 Kilometer lange CO2-Leitung aus dem Ruhrgebiet nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein markiert war. Dorthin will der Kohlekraftwerk-Betreiber RWE sein CO2 verschicken. Denn im Norden gelten die Erdschichten als besonders geeignet für die Lagerung. Damit waren auch die CDU-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen und Christian Wulff bedient. Sie verlangten den Stopp des Gesetzes.

Die Naturwissenschaftlerin Merkel hält alle Bedenken gegen die CO2-Speicherung für unsinnig. Sie vertraut voll auf Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Der sagt, gefährlicher Klimawandel lasse sich nur vermeiden, wenn CO2 nicht länger in die Atmosphäre geblasen werde. Gegner des neuen Verfahrens nannte er "betriebsblind". Da auch Schwellenländer wie Indien oder China nicht auf Kohlekraftwerke verzichten würden, könne die Technologie dort zum Zeitgewinn beim Klimaschutz beitragen. Außerdem bekomme Deutschland damit Chancen auf zusätzliche technologische Exporte.

Der Schwindel von der klimafreundlichen Kohle

Die Umweltverbände lehnen das CCS-Gesetz strikt ab. Es diene nur dazu, dem schmutzigen Brennstoff Kohle einen grünen Anstrich zu geben. Niemand wisse, ob die Versenkung in der Erde funktioniere und wie sicher sie überhaupt sei. Das Gesetz nütze nur den großen Energiekonzernen, die wie bisher Strom in großen Kohlekraftwerken produzieren wollten. Wenn Merkel sich ernsthaft als Klimaschutzkanzlerin profilieren wolle, was sie fortwährend versuche, dann dürfe sie die Kohlepolitik der Nachkriegszeit nicht bis ins nächste Jahrhundert hinein verlängern.

Am massivsten Front gegen das Projekt machen der Bundesverband Erneuerbare Energie, die Deutsche Umwelthilfe, der Bundesverband der Verbraucherzentralen der Ökoenergiehändler Lichtblick. Beim BDEW werde versucht, "kleinmütig an alten Geschäftsmodellen festzuhalten und ängstlich die Milliardengewinne zu verwalten". Strom aus erneuerbaren Energien werde bald billiger sein als Strom aus CCS-Kraftwerken.

Für Scheer ist damit die Lage klar: "Die CCS-Option ist der Versuch, einen Rettungsring für Großkraftwerke bereit zu stellen." Und er warnt seine SPD davor, ausgerechnet jenen Stromkonzernen entgegenzukommen, die nach der Bundestagswahl für den Fall einer schwarz-gelben Koalition den Ausstieg aus der Kernenergie stoppen wollten.

Stichwort: CCS-Technologie Das Kürzel CCS steht für "Carbon Capture and Storage" (Kohlenstoff-Abscheidung und Lagerung). Das Verfahren wird von den Befürwortern als Wunderwaffe für den Klimaschutz verkauft. Die Gegner sprechen von einem hoch riskanten Irrweg, mit dem große Energiekonzerne wie Vattenfall, RWE und E.ON ihre Milliardengewinne aus der umweltschädlichen Verstromung von Kohle retten wollen. Bei der CCS-Technologie soll das Kohlendioxid (CO2) aus den Abgasen der Kohlekraftwerke gefiltert werden, um es dann unter die Erde zu verpressen. Allerdings: Ob die Hoffnung aufgeht, die klimaschädliche Kohleenergie in eine umweltfreundliche Stromgewinnung zu verwandeln, ist offen. Erstens fressen die Anlagen zur CO2-Abscheidung erheblich Energie. In den CCS-Kohlekraftwerken müsste daher ein Drittel mehr Kohl verfeuert werden, um denselben Energieausstoß zu erreichen wie bisher. Die Stromproduktion verteuert sich dadurch erheblich. Zweitens: Niemand weiß, wo das abgeschiedene CO2 unterirdisch absolut sicher gelagert werden kann. Das aggressive Gas dürfte nie wieder aus diesen CO2-Deponien austreten.

Eine Analyse von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
utospatz (27.06.2009, 13:38 Uhr)
Hat Fr. Dr.Phys. tatsächlich verlautet,
sie würde gerne CO2 haltiges Mineralwasser trinken? Ist doch wunderbar, ist doch wunderbar, Seehofer nimmt dank Umweltstudie atomrestmüll in seinen Keller mit, damit sein Fussvolk in Bayern mit der Umwelt quitt. Jetzt ist er gerade dabei den überflüssigsten Rest a'la Clement als Uranfernichter einzuladen, um das Leben seiner eigenen Nachkommen zu verbraten! Die sind Alle überdimensional so was von christlich, nur bei der Verursachung ihres Stuhlgangs wird es christlich misslich! Was für ein wunderschönes Europa!
auwei (26.06.2009, 12:18 Uhr)
Allmählich wird die Klimadebatte
...lächerlich. Alles Hysterie, wir machen so weiter wie bisher - und gut ist. Wenn nicht - die Erde kann auch ohne uns Menschen. Für eine Umkehr ist es eh zu spät und so Vögel wie der meiersepp werden es nie kapieren. Also kloppt die Klimapolitik in die Tonne, steckt den Kopf in den Sand und hofft, dass wir auch diesen Schlamassel irgendwie durch tolle Technologie in den Griff bekommen, ohne von unserer Art "Wohlstand" auch nur einen Millimeter abzurücken. Wenn's nicht klappt - siehe oben.
Kritiker-Kritiker (26.06.2009, 11:44 Uhr)
seppmaier (25.6.2009, 20:03 Uhr);
CO2 zerstört zumindest das Gas Ozon, und trägt damit dazu bei, unsere Ozonschicht zu zerstören... Nichts desto trotz ist die CO2-Hetze bei PKWs, die lediglich 2% des CO2-Ausstoßes Deutschlands ausmachen reiner Humbug und nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein.
GGGGGG (26.06.2009, 08:53 Uhr)
Schlechtes Klima
In diesem Forum herrscht ein verdammt schlechtes Klima.
Aber das ist nichts im Vergleich zu dem Chaos, dass in ein paar Jahrzehnten über uns hereinbrechen wird....
Black_Arrow (26.06.2009, 08:38 Uhr)
@starmax
Sowohl die Internationale Energie Agentur in dem Bericht "World Energy Outlook 2008" als auch ganz jüngst die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sagen ganz klar, dass "Clean Coal" einer der wichtigsten Technologien des 21.JH sein werden.
Sogenannte "unabhängige Wissenschaftler" lassen sich für jede mögliche Theorie und Meinung heranziehen, aber in diesem Fall ist das schlicht das Spielen mit den Ängsten von Menschen.
CO2 in die Erde zu pumpen wird seit Jahren bei der Ölförderung eingesetzt, damit Bohrköpfe in entlegendere Winkel vorstoßen können. Außerdem sitzen wir in Deutschland auf hunderten von Gas-Speichern und Chemie-Leitungen die zig-mal gefährlicher sind als alles was mit CCS zu tun hat.
Das sind alles Fakten, die Du abprüfen kannst. Und wie Du ja schon sagtest, ist Ignoranz ein schlechter Ratgeber, also von daher wirst Du Dich dem ja nicht verschließen. ;)
starmax (26.06.2009, 05:52 Uhr)
Danke, Eisenbaer
für diesen univerell verwendbareb Kommentar:
"Eisenbaer (25.6.2009, 22:04 Uhr)
Mancher Leute Gehirn...
...passt auch wunderbar in eine Stullenbüchse. "
Ihres mit Sicherheit auch. Und die logische Einordnungsfähigkeit auch noch mal gegenchecken lassen, gell?
starmax (26.06.2009, 05:48 Uhr)
Ignoranz ist kein guter Ratgeber, Johann58
unabhängige Wissenschaftler (ja die gibt es noch, man braucht dann nur etwas länger um sich Gehör zu verschaffen) bestätigen inzwischen die Unsinnigkeit der CO2-Jagd.
Man prügelt das Fieberthermometer, weil es Fieber anzeigt?
Auch Ihre Merkel-Einschätzung ist imho falsch: Die Frau ist das Letzte, aber eben die traurige Schnittmenge aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Jedes Volk hat die Politiker, die es verdient . Und wir eben das entsprechende Klima, wenn doch (Zitat Merkel) "...die Chinesen und Inder jetzt schon zweimal am Tag warm essen"...
Johann58 (25.06.2009, 23:18 Uhr)
nu last mal unseren Blockwart in Ruhe
den brauchen wir damit wir was zum schmunzeln haben und sein Kommentar war einfach nur dumm aber was @seppmaier von sich gibt ist ja geradezu gefaehrlich. ich glaube nicht dasss irgeneiner hier genuegend Ahnung hat was gut und richt oder falsch ist. Wir werden noch eine ganze Zeit mit einem Energiemix leben weil bis heute werder konsequent alle Energiesparmoeglichkeiten ausgenutzt werden, was wir unter anderem den Energieerzeugern zu verdanken haben, die haetten ja sonst nichts zu verdienen und zum anderen niemand wiklich Alternativen kennt, die uns weitgehend unabhaengig von fossilen Brennstoffen macht. Aber eines hat man wieder deutlich gelernt; Unser Angie ist eben doch nur zweite Wahl. Die Eiertaenzerin aus Berlin ist fehl am Platz.
acenes (25.06.2009, 23:04 Uhr)
Der CO2-Minister Sigmar Gabriel wurde ausgebremst, dass tut mir aber leid!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der Umweltverschmutzer Nr. 1, der dicke Umweltminister Sigmar Gabriel, wollte den Dreck von seinen CO2-Kohleschleudern einfach in der Erde verbuddeln. Dumm, dümmer, Gabriel. Gut dass hier mal die Stimme der Vernunft gesiegt hat.
Kohlekraft, nein Danke!!!!
CO2-Endlager im Himmel oder unter den Städten, nein danke!
gmathol (25.06.2009, 22:33 Uhr)
@starmax
Ueberbevoelkerung. Die Chancen stehen nicht schlecht fuer eine Reduzierung der Weltbevoelkerung um etwa eine Milliarde in den naechsten 2-3 Jahren, diese Menschen werden naemlich einfach verhungern.
Auch hier muss man die Fakten sprechen lassen - zwar kann die Erde 12 Milliarden Menschen ernaehren, aber nicht zu "westlichen" Standards.
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