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Der Wahl-o-Mat ist online!

Legenden der Erwachsenenbildung: Eine neue Variante des beliebten Wahl-o-Mat ist online, diesmal zur Europawahl. Die Spitzenkandidaten der Parteien spielten ihn vorab - und stellten sich ziemlich an.

Taucht zwar nicht im TV-Spot seiner Partei zur Europawahl auf, aber mitunter leibhaftig: David McAllister (CDU)

Taucht zwar nicht im TV-Spot seiner Partei zur Europawahl auf, aber mitunter leibhaftig: David McAllister (CDU)

David McAllister, ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident und aktueller Spitzenkandidat der CDU für die Europawahl, wirkte nervös. Er schien Sorge zu haben. Davor, beim aktuellen Wahl-o-Mat sein Kreuzchen versehentlich bei einer nicht offiziell parteikonformen Einstellung zu setzen. Und dass dann, nach Abschluss des Frage-Antwort-Spiels, vor laufenden Kameras ein Ergebnis aufblinkt, das den feschen Halbschotten für alle Zeit politisch ruinieren würde: 95 Prozent Übereinstimmung mit der "Partei Bibeltreuer Christen". Zweiter Platz: 82 Prozent Übereinstimmung mit "Die Violetten: für spirituelle Politik". Zum Beispiel.

Soweit ließ es McAllister nicht kommen, als er sich an einem Stehtisch auf der Pressekonferenz der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) durch das Tool klickte. Kam er in die Klemme, blickte er seine Assistenten fragend an. Oder er brach eine Diskussion mit den umher stehenden Mitgliedern der bpb-Jugendredaktion vom Zaun, um Zeit zu gewinnen. Manchmal lobte er sich selbst laut: "Ja, das fordern wir. Das weiß ich." Oder er sagte: "Nein, das ist nicht unsere Position." Kurz: McAllister sah sich vom Wahl-o-Mat einer peinlichen Prüfung unterworfen, ob er die Standpunkte seiner Partei aus dem Effeff beherrscht. An weiteren Stehtischen klickten und schwitzten die anderen Spitzenkandidaten: Martin Schulz (SPD), Alexander Graf Lambsdorff (FDP), Rebecca Harms (Grüne), Gabi Zimmer (Linke).

38 Thesen

Eigentlich soll der Wahl-o-Mat nicht den Grad der eigenen Parteigläubigkeit dokumentieren, wie hier geschehen. Sondern die die individuelle Wahlentscheidung erleichtern. 38 Thesen liefert das Tool, der User kann jeweils mit "stimme zu", "neutral" oder "stimme nicht zu" antworten. Zum Schluss erhält er die Auswertung, die ihm anzeigt, welcher Partei er faktisch zuneigt. Das hilft all jenen, die unsicher sind, Anregung suchen, oder sich generell ein Bild über die wesentlichen politischen Themen machen will. Sie reichen von der Frage, ob Deutschland den Euro behalten solle über die mögliche Einführung von Mindestlöhnen in Europa bis hin zur Gestaltung etwaiger Grenzkontrollen.

Thomas Krüger, Präsident der bpb, sagte bei der Vorstellung des Wahl-o-Mat stolz, es handele sich um das "erfolgreichste Tool der politischen Bildung". Es sei bislang, in den verschiedenen Ausgaben zu Land-, Bundestags- und Europawahlen, mehr als 39 Millionen Mal genutzt worden. Umfragen belegten, dass die Nutzer danach weitere Informationen suchen würden. Wichtig war Krüger auch, dass alle 25 Parteien, die für die Europawahl kandidieren, beim Bau des Wahl-o-Maten mitgeholfen haben. Sprich: Sie haben die für sie gültigen Antworten auf die Thesen autorisiert. Parteilichkeit muss sich der bpb-Chef nicht vorwerfen lassen.

Nicht die reine Lehre

David McAllister waren offenbar nicht alle Fragen angenehm, manche las er nicht laut vor oder klickte eilig weiter. Weil er sich zu heiklen Themen wie Prostitution oder Unternehmensbesteuerung nicht öffentlich festlegen wollte? Schwierig fand er es auch den Zwang, sich klar zu entscheiden. Ohne Wenn und Aber, Neben-, Rand- und sonstige Bedingungen. Das paralysierte ihn vor allem bei der letzten These. Sie lautet: "Die Europäische Union soll sich langfristig zu einem europäischen Bundesstaat entwickeln." Ach ja, soll sie das? Verteidigungsministerin #Link;http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-08/leyen-politische-union-europa;Ursula von der Leyen# will das, Kanzlerin Angela Merkel nicht unbedingt. McAllister, der bloß falsch machen wollte, klickte auf "neutral" - und produzierte damit eine der später aktenkundig gewordenen Abweichung. Der reinen CDU-Lehre nach hätte er "Nein" ankreuzen müssen.

Das Ergebnis: 98,8 Prozent Übereinstimmung mit der CDU für McAllister. Sein Gegenkandidat Martin Schulz von der SPD schlug diesen Wert knapp - er holte 98,9 Prozent Übereinstimmung mit seiner Partei. Rebecca Harms (Grüne) kam auf 98 Prozent. Das Schöne: Sie war vom Ergebnis ehrlich überrascht. "Das schaffe ich normalerweise nicht", sagte sie. "Dafür bin ich zu anarchistisch."

lk

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