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Kommentar

Entspannt euch! Warum die Kritik an Andrea Nahles überzogen ist

"Ab morgen kriegen sie in die Fresse", droht die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles in Richtung Bundesregierung - und bezieht dafür ihrerseits heftig Prügel. Warum eigentlich?

Andrea Nahles

Muss man vor dieser Frau Angst haben? Andrea Nahles hat der neuen Regierung Haue angedroht - und wurde dafür heftig kritisiert.

Früher, so lautet eine häufig geäußerte Klage, waren die Politiker noch echte Typen. Sie waren authentisch, ehrlich und redeten Klartext. Das klang dann so: "Sie sind ein Schwein. Wissen Sie das?" (Herbert Wehner, SPD) "Wenn Sie schon kein Hirn haben, dann halten Sie das Maul wenigstens." (Franz-Josef Strauß, CSU).

Die heutige Politikergeneration, so geht das Lamento weiter, besteht dagegen aus glatt gebügelten Opportunisten. Wo die früheren Volksvertreter ein Leben einbrachten, haben die heutigen Abgeordneten nur eine Karriere. 

Wehe aber, einer dieser vermeintlichen macht tatsächlich mal etwas Verwegenes. Schlägt verbal ein wenig über die Stränge - dann ist aber was los.

Ist Andrea Nahles für eine Verrohung der Sitten verantwortlich?

Das erlebt gerade . Die SPD-Politikerin hat am Mittwoch auf die Frage, wie sie ihre letzten Kabinettssitzung empfunden habe, gesagt: "Ein bisschen wehmütig - und ab morgen kriegen sie in die Fresse."

Das Geschrei war groß: "Hinterhof-Jargon", "pöbelnder Schulhof-Sprech" und "Verrohung der Sitten" wurden Nahles vorgeworfen. Es half der frisch gewählten Fraktionsvorsitzenden nicht, dass sie darauf pochte, den Spruch lustig gemeint zu haben und das ihre Kabinettskollegen darüber gelacht hätten.


Ob lustig gemeint oder nicht: Dass Nahles hier bildlich spricht und nicht ernsthaft der Bundeskanzlerin die Faust ins Gesicht rammen will, sollte klar sein. Insofern können alle ihre Schnappatmung einstellen und sich wieder beruhigen. Politik darf und muss ab und zu auch zu drastischen Metaphern greifen.

Was ist mit der AfD?

Dieses Recht gilt selbstverständlich auch für Politiker der AfD. Wenn ein Alexander Gauland am Wahlabend siegestrunken in die Mikrofone ruft, die könne sich warm anziehen, "wir werden sie jagen" - dann sollte man sich auch hier nicht gleich provozieren lassen. Zumal das Halali auch hier niemand wörtlich nehmen kann: Der behäbige alte Mann ist als Jäger so wenig furchteinflößend wie Andrea Nahles als Parlaments-Prüglerin.

Sparen wir lieber unsere Energie für die wirklichen Skandale auf. Die liefert vor allem die im Überfluss. Etwa wenn Alexander Gauland mal wieder jemanden "entsorgen" will oder stolz sein will "auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen". Hier geht es nicht um Sprachbilder, die einen Sachverhalt deutlicher darstellen sollen: Wenn Gauland die SPD-Politikerin Aydan Özoguz "in Anatolien entsorgen" will, dann meint er das genau so: Er möchte sie außer Landes schaffen. Eine unerträgliche Vorstellung.

Und was ist mit diesem Spruch? "Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören - in ihre Löcher." Ach nein, das war ja gar nicht Gauland. Das sagte 1974 Franz-Josef Strauß. Die Republik hat diese Rhetorik schadlos überstanden - und wird auch nach Andrea Nahles' Aussage nicht untergehen.


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