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28. Juni 2010, 14:44 Uhr

Rechnungshof mahnt radikale Reform an

Trüffel 7 Prozent, Mineralwasser 19 Prozent, Rennpferde, 7 Prozent, Windeln 19 Prozent - durch das Dickicht der Mehrwertbesteuerung blickt kaum noch jemand durch. Der Bundesrechnungshof kritisiert insbesondere die Willkür, mit der die Politik Ausnahmen beschlossen hat und fordert eine grundlegende Reform.

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Dickicht Mehrwertsteuer: Der Bundesrechnungshof kritisiert "ein unübersichtliches System von Ausnahmen"© Jens Büttner/DPA

Der Bundesrechnungshof hat eine grundlegende Reform bei der ermäßigten Mehrwertsteuer und die Abschaffung nicht mehr zeitgemäßer Vergünstigungen gefordert. In einem am Montag vorgelegten Sonderbericht für Bundestag und Bundesregierung kritisieren die staatlichen Prüfer ein zunehmend unübersichtliches System von Ausnahmen, die mit der ursprünglichen Absicht bei der Einführung der Steuerermäßigung nichts mehr zu tun hätten.

"Das ursprüngliche Ziel der Vergünstigung, bestimmte Güter des lebensnotwendigen Bedarfs aus sozialpolitischen Gründen zu verbilligen, trifft heute auf viele Ermäßigungstatbestände nicht mehr zu", kritisiert der Rechnungshof. Das finanzielle Volumen der Entlastung beziffern die Prüfer auf rund 20 Milliarden Euro jährlich.

Rechnungsprüfer bemängeln Willkür

Die komplizierte Liste der mit nur sieben Prozent Mehrwertsteuer belasteten Dienstleistungen und Produkte provoziert immer wieder Streit. Als Beispiele für die oft als willkürlich empfundene Auswahl werden häufig angeführt, dass etwa Rennpferde mit 7, Babywindeln hingegen mit 19 Prozent voll besteuert werden.

Statt die teils als unsinnig kritisierten Vergünstigungen einzuschränken, kamen über die Jahre immer neue Ausnahmen hinzu - unter der aktuellen Regierung aus Union und FDP war es der Milliarden-Steuerbonus für Hotels. Dabei hatte Schwarz-Gelb im Koalitionsvertrag noch vereinbart, Benachteiligungen auf den Prüfstand zu stellen.

Rechnungshof-Präsident Dieter Engels erklärte: "Alle Erleichterungen sollten darauf untersucht werden, ob sie den gesetzlichen Kriterien nach wie vor Stand halten." Der Rechnungshof kritisiert beispielsweise, dass nicht allein alltäglich notwendige Lebensmittel von ermäßigten Steuersätzen profitierten. Auch Feinschmeckerartikel wie Wachteleier oder frische Trüffel unterlägen dem ermäßigten Steuersatz. Dagegen werde etwa Mineralwasser mit dem vollen Satz von 19 Prozent belastet. "Bei vielen anderen Lebensmitteln mutet die Abgrenzung zwischen Regelsteuersatz und ermäßigtem Steuersatz gleichermaßen willkürlich an", heißt es in dem Prüfbericht weiter.

Der Rechnungshof empfiehlt als Konsequenz eine grundlegende Überarbeitung des Katalogs der Steuerermäßigungen und die Abschaffung von Vergünstigungen bei den Produkten, "die den Kriterien der Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Steuergerechtigkeit nicht standhalten".

Den Abgrenzungsproblemen steht laut Rechnungshof auch die Finanzverwaltung häufig hilflos gegenüber. In den vergangenen zehn Jahren seien mehr als 300 Gerichtsentscheidungen zum ermäßigten Steuersatz ergangen, aktuell seien 14 weitere Verfahren anhängig.

Koalition will "Licht ins Dickicht" bringen

Nach den Worten von Unions-Finanzexperte Leo Dautzenberg (CDU) bestätigt der Bericht des Rechnungshofes die Notwendigkeit, die Ausnahmetatbestände zu überprüfen: "In der Tat muss es uns gelingen, hier Licht ins Dickicht zu bringen." FDP-Finanzexperte Volker Wissing begrüßte den Sonderbericht als eine "sehr gute Arbeitsgrundlage" für die im Koalitionsvertrag vorgesehene Reform-Kommission.

Die Grünen-Politiker Alexander Bonde und Thomas Gambke erklärten, mit einer Reform würden auch Mehreinnahmen in Milliardenhöhe realisiert. "Die Abschaffung von lobbygetriebenen Ausnahmen in der Umsatzsteuer ist auch ein Schritt zu mehr Steuergerechtigkeit."

joe/Reuters/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
tannebaum (29.06.2010, 11:12 Uhr)
@Schwarzenegger
sie sollten sich mal erkundigen, wann und wo umsatzsteuer gezahlt werden muss. dann schlafen sie sicher ruhiger. jeder darf die nämlich gar nicht fordern...

tannebaum (29.06.2010, 11:09 Uhr)
@hosiannarunne
ich bin auch für einen gleichen umsatzsteuersatz auf alles und überall. aber erzählen ise das mal dem rest von europa. die erfinden ja eine regelung nach der anderen.

die hotelumsatzabsenkung hier ist keine erfindung der fdp. wird waren das 23ste land der eu, die diese einführte. das 23ste!!!
mir wäre es auch lieber alle streichen die sonderregelungen. dann müssten wir nicht diesen unsinn nachmachen, damit die wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt.
Schwarzenegger (29.06.2010, 11:08 Uhr)
@Hosiannarunner
Zitat "Wir brauchen keine 7% bei Büchern" - Hallo ?!?

Ich habe keine Lust immer mehr Geld für die Produkte des täglichen Gebrauchs auszugeben. Zeitschriften und Bücher sind jetzt schon teuer genug. Falls sie nicht lesen, kann es Ihnen ja schnurzegal sein. Ich lese und will dafür nicht mit 19% belastet werden.

Im Übrigen: Falls sie wirklich 19% auf ALLES wollen, können sie gleich mal ausrechnen was ihre Miete dann kosten wird. Die ist nämlich MwSt-Befreit.
tannebaum (29.06.2010, 11:06 Uhr)
@Mikeorganizer
sie haben ja gar keine ahnung. wissen sie, wo ihre billiglöhner stecken? in fast food läden, in ollen abgetakelten landgasthäusern, in china restaurants und döner buden. also eher in der minderen gastronomie. dort wo leute für 6 euro satt werden wollen.

aber doch nicht in der hotellerie!!!

die hotellerie hat sicher nicht die höchsten löhne, aber deren mitarbeiter werden meist sogar übertariflich bezahlt. wissen sie auch den grund? massive nachwuchssorgen! hotelfachleute haben eine dreijährige ausbildung, arbeiten dann am wochenende, weihnachten, silvester und feiertags. meist im schichtsystem und sollen dazu gute manieren, mindestens gutes englisch und dergleichen vorweisen. und wissen sie was? die gibt es gar nicht!!!!!!!!!!!!!!
die jugend von heute entspricht oft nicht den anforderugen. und andere winken ab, weil sie am wochenende nicht arbeiten wollen.

was sie schon wieder meinen sind die zimmermädchen, die reinigungskräfte. aber die kommen zu 90% über eine fremdfirma. was die denen bezahlt, weiss weder das hotel noch sonst wer.

vermischen sie doch nicht immer alle pauschalen dumpfbackenparolen...

sie vermengen allen unsinn und ordnen das zielgruppen zu, die damit nix am hut haben.

logisch_konsequent (29.06.2010, 11:01 Uhr)
11% MWSt auf alles
...
da gibt es dann nicht MWST-Betrug in Höhe von Multi-Mrd. (Schattenwirtschaft in D ist Multi-Mrd Markt, keiner will die hohe Staatsquote unterstützen!)
...
das absolute Volumen ist ohnehin stark angestiegen, so dass 11% heute soviel wie 20% vor vielen Jahren bedeutet - und damals brauchte man nicht einmal 20%!, sondern viel weniger
...
Ausnahmen für Lebensmittel usw sind auch Verwaltungs-Quatsch. Die Umverteilung geht doch über andere Steuerarten viel besser. Spart 1000ende von beamten und Steuerberatern, die nichts zur Wertschöpfung in D beitragen
...
OnTheRoad (29.06.2010, 09:08 Uhr)
@ jomimo (28.06.2010, 23:26 Uhr)
Warum kein Freigabe???

Weil der Vorfall wieder mal ein weiterer "Einzelfall" aus dem multikulturellen Umkreis war. Quelle: das World Wide Web

Reden ist silber, Schweigen ist gold
hosiannarunner (29.06.2010, 07:22 Uhr)
Ganz einfach
Mit Ausnahme von sog. Grundnahrungsmitteln könnte man auf alles 19 % Umsatzsteuer erheben. Wir brauchen keine Ausnahmen für Bücher, Schnittblumen, Rennpferde oder Hotelleistungen.
Lazarus09 (29.06.2010, 00:55 Uhr)
Mikeorganizer (28.06.2010, 23:42 Uhr) Jawoll
Mehr kann man dazu nicht sagen... und den Scheuklappentraeger Tannebaum kann man sowiso weder enst nehmen noch kommentieren.
Mikeorganizer (28.06.2010, 23:42 Uhr)
@tannebaum
Falsch ! In der hotellerie stecken 1,1 Millionen Billiglöhner ohne Rechte und vor allem einem Mindestlohn und unverschämte Arbeitszeiten.
Ich kann das bestätigen, wo doch von mir mindestens 4 Leute in der Hotelbranche arbeiten.
Harz4 ist da lukrativer ! Recht so ! Aber Hauptsache die Kohle stimmt bei den Betreibern.
Mikeorganizer (28.06.2010, 23:38 Uhr)
Immer wieder lustig .....
blinder Aktionismus, nur um die Wähler zu verarschen. Passieren wird letztendlich natürlich nichts. Welcher Politiker will es sich mit seinen spendablen Billigsteuerzahler verscherzen.
Dieses ganze System stinkt dermaßen nach Fischkopf, dass man echt kein Bock mehr hat zu arbeiten.
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