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Abgehörte Trauer

Die Kinder des ersten NSU-Mordopfers sitzen heute zum ersten Mal seit Prozessbeginn wieder im Gerichtssaal. Sie wollen den Polizisten konfrontieren, der jahrelang Ermittlungen gegen sie führte.

Von Lena Kampf, München

  Möchte das Ansehen ihres Vaters wiederhergestellt wissen: Semiya Simsek, die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek.

Möchte das Ansehen ihres Vaters wiederhergestellt wissen: Semiya Simsek, die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek.

  • Lena Kampf

Hunde die bellen, beißen nicht - es sind die stillen Feinde, die die gefährlichsten sind, sagt Adile Simsek in dem Sprinter, in dem wenige Wochen zuvor ihr Mann erschossen wurde.

Sie weiß nicht, dass ein stiller Feind, der eigentlich ein Freund sein sollte, mit im Auto sitzt, als sie mit ihrem Bruder von Nürnberg nach Schlüchtern zurückfährt, ihrem Wohnort in Hessen. In Nürnberg wurde ihr Mann am 9. September 2000 getötet, da ist sie gerade zum dritten Mal von der Polizei vernommen worden. Der Vernehmer Albrecht Vögeler hat sie immer wieder zur "dunklen Seite" ihres Mannes, dem Blumengroßhändler Enver Simsek, befragt.

Adile Simsek sagte dazu nur: "Mein Mann hat sehr viel gesprochen - er hatte keine Angst." Obwohl Ermittler auch Jahre später immer neue Verdächtigungen gegen ihren verstorbenen Mann äußern werden, wird Adile Simsek niemals misstrauisch, das geht deutlich aus den Protokollen der Vernehmungen hervor.

Unter Schock und unter Verdacht

Misstrauisch hingegen ist Albert Vögeler. Der Polizist ermittelt im Mordfall Simsek, und für ihn ist ganz klar: Die nahen Familienangehörigen geben "der Polizei nicht die Wahrheit über ihr tatsächliches Wissen bezüglich eines Tatverdachts preis." Er regt an, sie abzuhören. Und hat sich dafür eine ganz besondere Taktik ausgedacht: Er bietet den beiden Trauernden an, nach der Vernehmung mit dem Sprinter nach Hause zu fahren, in dem Enver Simsek mit sieben Schüssen auf der Ladefläche getötet wurde.

Das Blut ist verschwunden, die Polizei hatte den Wagen reinigen lassen. Und die Decke des Fahrerhauses verwanzt.

Viel hören die Ermittler nicht, die Fahrgeräusche des Motors sind zu laut. Dass Hüseyin B. seiner Schwester widerspricht, bekommen sie mit. Enver habe keinen heimlichen Feind. Und: Es sei so schade, dass er ausgerechnet jetzt gestorben ist, wo es ihm so gut ging. Enver Simsek war gerade dabei seinen Blumengroßhandel zu verkaufen, um mehr Zeit für seine Frau und seine Kinder zu haben. "Adile Simsek ergänzt, dass Enver noch so viel Träume gehabt hätte", steht im Abhörprotokoll.

Die Witwe und der Schwager des Toten sprechen wenig auf dieser Rückfahrt. Sie stehen unter Schock - sie stehen unter Verdacht, aber das wissen sie nicht. Ebenso wenig, dass ihr Gespräch mitgehört wird, dass auch ihre Telefonate abgehört werden. Der Anschluss von Adile Simsek noch monatelang nach der Tat, der Abhörbeschluss wird immer wieder erneuert.

Das Ansehen des Vaters reinwaschen

Beantragt immer wieder von Albrecht Vögeler. In einem ersten Sachstandsbericht vom 4. Oktober 2000 fasst er unter "Vorstellbare Motivlagen" zusammen: Raubüberfall, Rauschgifthandel, Motiv im familiären Umfeld, Motiv im geschäftlichen Bereich. Er vermerkt: Die personenbezogenen Ermittlungen konzentrieren sich "auf den Personenkreis um G. und die nächsten Angehörigen des Opfers, Adile SIMSEK und Hüseyin B."

Von Soko "Schneider" über Soko "Halbmond" bis BAO "Bosporus" - der Polizist Albrecht Vögeler war von Anfang bis Ende in die ergebnislosen Ermittlungen zur Ceska-Mordserie eingebunden. Er musste sich schon in zwei Untersuchungsausschüssen für seine fatalen Ermittlungsfehler verantworten. Heute wird er im NSU-Prozess als Zeuge vernommen.

Semiya und Abdulkerim Simsek, die beiden Kinder des ersten NSU-Opfers, werden zum ersten Mal seit Prozessbeginn wieder im Gerichtssaal sein. Sie wissen sehr wohl, dass nicht Albrecht Vögeler auf der Anklagebank sitzt. Und sie wissen, dass in Saal A101 kein weiterer Untersuchungsausschuss stattfindet. Aber sie wollen von dem Ermittler hören, ob er den Tatverdacht gegen ihre Mutter und ihren Onkel weiterhin aufrecht hält. Sie wollen das Ansehen ihres Vaters komplett reinwaschen.

Blumenhändler mit Kontakt zum Drogenhandel?

Semiya Simsek ist dafür extra aus der Türkei angereist. Vor wenigen Wochen hat sie dort ihren ersten Sohn Can auf die Welt gebracht. Sie wohnt jetzt in der Nähe des Dorfes, in das ihr Vater wieder ziehen wollte, nachdem er seine Geschäfte in Deutschland übergeben hatte.

Für Albrecht Vögeler und seine Kollegen war allein das schon ein Verdachtsmoment. Vor den Abgeordneten des NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags hatte Albrecht Vögeler noch geäußert, dass Enver Simsek "auffälligerweise" seinen Blumengroßhandel an entfernte Verwandte verkaufen wollte. Außerdem hätte es immer wieder "Vermutungen Richtung PKK" gegeben, das sei auch von Verwandten geäußert worden, rechtfertigt er seine Ermittlungsstrategie. Hinweise auf Drogengeschäfte von Enver Simsek habe es ebenfalls gegeben, gefahndet wurde jahrelang ohne Erfolg.

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert Albrecht Vögeler auch Adile Simsek in einer Vernehmung: "Außerdem wurde uns bekannt, dass Enver Simsek Kontakt, zu Rauschgifthändlern in Frankfurt hatte. Was sagen Sie dazu?" Adile Simsek bricht zusammen, sagt unter Tränen: "Ich glaube das nicht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Enver war religiös und hätte dies nicht gemacht." Und: "Ich will wissen, ob ich mit Drogengeld ernährt worden bin oder nicht. Das ist für mich sehr wichtig."

Bis zum November 2011 musste die Witwe von Enver Simsek mit dieser quälenden Frage leben, erst dann wurde klar: die Täter waren zwei Rechtsterroristen aus Thüringen.

Verdächtigungen und Misstrauen

Simseks Tochter Semiya hat ein Buch darüber geschrieben, was die Verdächtigungen und das Misstrauen mit ihrer Familie gemacht haben. Wie sie, damals 14-jährig, nicht nur mit dem Verlust ihres Vaters zu kämpfen hatte, sondern jahrelang auch gegen den Rufmord.

Ebenso wie ihre Mutter Adile ließ sie sich im Bild ihres Vaters nicht beirren. Bei einer Vernehmung zwei Tage nach dem Tod von Enver Simsek sagte Semiya: "Ich glaube, dass es mindestens zwei Männer gewesen sein müssen, denn mein Papa ist ein starker Mann gewesen. Wenn es nur einer gewesen wäre, dann hätte er sich bestimmt wehren können."

Lena Kampf berichtet für stern.de vom NSU-Prozess, unter anderem im Blog Blog "NSU-Prozessnotizen".

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