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13. Oktober 2007, 17:00 Uhr

Wie Steinbrück zu Peer I. wurde

In Bad Honnef gibt es einen gar nicht mal so alten Brauch, der nicht jedem geläufig sein dürfte: Die Stadt im Rhein-Sieg-Kreis kürt einmal jährlich den Aalkönig. Diesmal heißt der neue Regent im Namen des schlangenförmigen Flussfisches Peer Steinbrück und arbeitet nebenbei als Bundesfinanzminister. Von Christian Parth

Statt eines Zepters schwingt König Peer I. einen Aal© Fredrik von Erichsen/DPA

Eines ist dem Aalvolk von Bad Honnef von Beginn an klar. Hätte es erst vergangene Woche Peer Steinbrück zum ihrem neuen Herrscher nominiert, der Berliner Kassenwart wäre gestern Abend wohl gar nicht erst erschienen, um sich zum Monarchen über das überschaubare Volk am Rhein krönen zu lassen. Zu angespannt, glauben einige Mitglieder des Komitees zur Vergabe des Aalkönigs, sei die Lage derzeit drüben im Osten, in der "brandenburgischen Sandbüchse", wie Steinbrück selbst das Regierungsviertel rund um den Potsdamer Platz in Berlin an diesem Abend nennen wird.

Doch der Bundesminister der Finanzen schrieb bereits im Sommer dieses Jahres eine SMS mit seiner Zusage, als er noch nichts wusste von Koalitionsstreit und gespaltener Genossenschaft. Und so musste er schließlich kommen, gestern Abend in den Kursaal zu Bad Honnef bei Bonn, Stuck an den Wänden, elektrisches Licht in Glaskugeln, die an langen Seilen von den Decken hängen und 400 zahlende Gäste darunter beleuchten, die sich vor allem eines von diesem Abend erhoffen: Ein rhetorisches Scharmützel zwischen ihrem neuen König und seinem Vorgänger Friedrich Merz, der als der vergangene Aalkönig ein Jahr die Geschicke der untergehenden Aal-Metropole Bad Honnef leiten und nun die Insignien des klamaukhaften Titels an seinen Thronfolger persönlich weitergeben durfte.

Zur Rettung des Aalschokkers

Der namentlich freilich etwas zweifelhafte Titel des Aalkönigs wurde 2003 ins Leben gerufen. Ursprünglich sollte damit die "Aranka", der letzte Aalschokker der Region und Wahrzeichen von Bad Honnef, gerettet werden. Inzwischen, im fünften Jahr, hat der Titel gar schon Tradition. Es dürfe ruhig politisch werden, sagt Spiritus Rector Friedhelm Ost. Nicht so rustikal wie in Passau oder weiland in Vilshofen solle es zugehen. In Bad Honnef soll es das feine Florett sein, mit denen die Aalkönige sich bekämpfen dürfen. Diese Kunst beherrschten bislang alle Monarchen: Wolfgang Clement, Lothar Späth, Konrad Beikircher und Friedrich Merz.

Während die Pressevertreter etwas abgeschieden hoch oben auf der Empore bei pöbelhaftem Kassler Braten mit geschmacksneutralem Erbsen/Möhren-Gemüse und Kartoffelbrei bei schwindender Laune gehalten werden, schlemmen Merz und Steinbrück samt Gemahlinnen am selben Tisch, Aug in Aug, mit lauwarmem Aalragout in ausgehöhlter Cox-Orange und Kalbmedaillons aus Aegidienberg dem Höhepunkt des Abends entgegen. Zwischen den Gängen hat der gestresste Steinbrück, der kommende Monarch, Minuten sichtlicher Langeweile zu überstehen. Dann steigt er endlich empor, Friedrich Merz, immerhin der Mann mit der Vision von der Steuererklärung auf einem Bierdeckel. Merz entscheidet sich nach seiner Vortrags-Pleite bei der Verleihung des "Orden wider den tierischen Ernst" in Aachen im vergangenen Jahr, wo er peinlicherweise des Abschreibens überführt wurde, für eine bildgestützte Lobrede, die es in sich hat. Nur schwerlich könne er sich trennen von seiner Alleinherrschaft. Aber nun, wo das Aalvolk ihn nicht mehr haben wolle, möchte er seinem Thronfolger wichtige Hinweise nicht vorenthalten.

Freude über die eigene Dreistigkeit

Er, Peer I., solle bloß nicht auf die Idee kommen, nach seinem Politikerdasein andere Jobs anzunehmen. Hinter sich lässt Merz auf Großbildleinwand ein montiertes Foto einblenden. Auf diesem grinst der kürzlich verabschiedete Edmund Stoiber mit schwarzem Zwirbelbart und betongefestigter Föhnfrisur als eine Mischung aus Salvatore Dalí und Rudolf Mooshammer ohne Daisy. Danach wird Claudia Roth an die Wand projiziert. Ihr Aufzug in leuchtendem Lila und das leicht verschämte, aber doch offenherzige Lächeln bringt er mit einem Gewerbe in Verbindung, das unwillkürlich an die käufliche Liebe erinnern soll. Der Saal raunt vor Verzückung. Die Menschen stehen auf und beklatschen ihren einstigen König aus dem Sauerland, der zurzeit als Anwalt in der freien Wirtschaft recht ordentlich Kohlen verdient. Merz indes erfreut sich offensichtlich an den Ovationen und seiner eigenen Dreistigkeit.

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