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17. Januar 2011, 21:35 Uhr

Die Oberlehrer der Nation

Sie stilisieren sich als Überbringer unbequemer Wahrheiten und als Opfer der politisch Korrekten. Doch Thilo und Ursula Sarrazin taugen nicht als Identifikationsfiguren bürgerlicher Sehnsüchte. Ein Kommentar von Florian Güßgen

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Thilo und Ursula Sarrazin im Sommer 2010© Sean Gallup/Getty

Was sind das nur für Leute, die Sarrazins, die Eheleute Thilo und Ursula Sarrazin? Helden der Wahrheit, Überbringer unbequemer Botschaften im Angesicht, sozial-moralische, ja zutiefst bürgerliche Widerständler in einer mächtigen Diktatur politischer Korrektheit? Opfer? Oder ist das alles nur eine optische Täuschung - und die beiden sind in erster Linie Opfer ihrer selbst? Thilo Sarrazin hat mit seinen Integrationsthesen und seiner Bundesbank- und Parteikarriere die Republik fast ein halbes Jahr beschäftigt, das berufliche Schicksal seiner Frau Ursula, einer Lehrerin, bewegt zumindest Medien seit gut einer Woche.

Bei Thilo Sarrazin ist ein Urteil noch halbwegs einfach. Mit provokanten Integrationsthesen in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" hat er ein in der Bevölkerung weit verbreitetes Gefühl zum Ausdruck gebracht, in weiten Teilen eine interessante Bestandsaufnahme geliefert. Das hat den Titel zum Bestseller gemacht und Sarrazin zum Millionär. Allein: Indem der SPD-Mann seine Thesen mit einer verquasten, rassistischen Vorstellung von vererbbarer Intelligenz versetzte, diskreditierte er seine Kernargumente - und machte sich zum Outcast, zum Ex-Bundesbanker, zum Kandidaten für einen Parteiausschluss.

Eine Bastion in einem Meer von Mittelmaß?

Bei Sarrazins Frau Ursula ist die Sache komplizierter. Gut eine Woche ist es jetzt her, dass der "Focus" berichtete, dass die Lehrerin der Reinhold-Otto-Schule im Berliner Westend, einer Grundschule, wegen ihres angeblich autoritären Unterrichtsstils und angeblicher verbaler Ausfälle gegenüber Schülern von Seiten der Schulleitung und von Eltern angegriffen wird. Seither gehen die Sarrazins zum Gegenangriff über. Sie unterstellen Mobbing, dass Ursula Sarrazin für die Thesen ihres Mannes büßen müsse. Gleichzeitig behaupten sie, Sarrazin werde auch deshalb angefeindet, weil sie von ihren Schülern ein Mindestmaß an Leistung und Respekt einfordere. Sie werde angegriffen, so die Kernbotschaft, weil sie für bürgerliche Werte eintritt. Damit stilisiert sich die Lehrerin - mit Hilfe von "Focus" und "Bild" - zu einer Bildungsbastion in einem Meer des Mittelmaßes, aus Vorwürfen von Eltern gegenüber einer Lehrerin wird so scheinbar ein Kristallisationspunkt einer für das gesamte Land relevanten Bildungsdebatte.

Diese Vorwärtsverteidigung der Sarrazins ist ebenso irritierend wie unnötig. Denn auch wenn die veröffentlichten Vorwürfe an Sarrazins beruflicher Ehre rühren und schmerzen mögen, so muss sie doch wissen, dass es für Behörden und auch Medien sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, ist, über die genaue Qualität ihrer Lehre und ihr Verhalten im Klassenzimmer zu urteilen: Stimmen die Vorwürfe der Eltern, der Schulleitung? Hat sie ein Kind nur einmal aus Versehen "Suzuki" genannt - oder häufiger, so dass es gehänselt wurde? Wer kann das schon endgültig überprüfen? Und selbst Berichte, sie habe schon an einer früheren Schule vergleichbare Probleme gehabt, können sicher nicht als stichhaltiger Beleg dafür dienen, dass sie eine schlechte, ausfallende Lehrerin ist. Der öffentliche Sturm hätte also vorbeiziehen können.

Löcher in der Selbstinszenierung

Aber Sarrazin ließ den Sturm nicht vorbeiziehen, sondern machte sich mit den Mobbing-Vorwürfen erst angreifbar. Denn seither liegt die Beweislast auch bei ihr. Sie muss genau belegen, wer sie wie und warum gemobbt hat. Dass die Kritik an ihr offenbar länger andauert, als die Thesen ihres Mannes im Umlauf sind, dass sie schon vor Jahren Ärger mit Eltern hatte, schwächt ihre Argumente. Dass sie hier als Schuldige ausgerechnet türkische Eltern ausmacht, wirkt kleinlich, wirft ebenfalls kein gutes Licht auf sie. Beides schadet Sarrazins Selbstinszenierung als eine der letzten Verfechterinnen vermeintlich wahrer Bildungswerte.

Ein Kommentar von Florian Güßgen
 
 
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