HOME

"Verbote helfen nicht"

Sollen Eltern die Computer ihrer Kinder kontrollieren? Und soll in der Familie über Pornos gesprochen werden? Antworten von Laszlo Pota, Vizepräsident des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen und Leiter von "Come in!", einer therapeutischen Einrichtung für suchtkranke Kinder und Jugendliche in Hamburg.

Pornografie, selbst die härteste Darstellung gewalttätiger Sexualität, ist heute für jeden jederzeit verfügbar, auch für Jugendliche und Kinder. Müssen Eltern ihre Kinder anders erziehen als noch vor 15 Jahren?

Ja. Die Anforderungen an Eltern sind gewachsen, gerade was die Sexualität betrifft. Die Welt unserer Kinder ist voll mit suggestiven Bildern, die stark sexuell aufgeladen sind. Man muss daher viel häufiger und intensiver mit Kindern und Jugendlichen über Sexualität sprechen als früher. Allein sind sie völlig überfordert mit dieser medialen Realität aus MTV, stark sexualisierter Werbung und harter Pornografie.

Sollten Eltern ihre Kinder komplett von Pornografie abschirmen?

Verbote helfen nicht wirklich. Es gehört ja dazu, dass Kinder und Jugendliche ihre Grenzen austesten. Und sie müssen lernen, später, als Erwachsene, mit solchen Einflüssen kompetent umzugehen. Von allein lernen sie das nicht. Da müssen die Eltern sich mit ihnen hinsetzen und offen darüber reden. Ich meine damit kein einmaliges Gespräch, vielmehr muss das Thema immer wieder ganz selbstverständlich angesprochen werden. Offenheit oder falsch verstandene Liberalität dürfen dabei natürlich nicht dazu führen, dass die Eltern ihre Kinder erst an Pornos und Gewalt heranführen. Das wäre völlig falsch. Im Gegenteil. Kindern muss klargemacht werden, wo die Grenzen sind und was ungesund ist oder schadet.

Viele Eltern leben heute in einer anderen Medien-welt als ihre Kinder. Oft wissen sie gar nicht, welche Erlebnisse ihre Kinder etwa im Internet haben. Sollen Eltern den Computer oder auch das Handy ihrer Kinder kontrollieren?

Ab und zu mal kontrollieren, das bringt nicht viel. Eltern, die wirklich mit ihren Kindern leben, interessieren sich für alle Bereiche ihres Lebens. Die kennen auch deren Medienwelt, so wie sie ihre Freunde oder ihre Schule kennen. Nur wenn Familie ein Ort ist, wo über alles geredet wird, kann man auch über solche schwierigen Themen wie die Pornografie im Internet sprechen, um das Gesehene gemeinsam zu verarbeiten. Kontrolle reicht da nicht. Eltern, die erst den Computer kontrollieren müssen, um zu erfahren, was ihr Kind dort erlebt, müssen sich fragen: Warum weiß ich eigentlich nicht längst, was da drinsteckt?

Viele Jugendliche hören heute sogenannte Porno-Rapper. Ist der "Arschficksong" von Sido gefährlich für Jugendliche?

Ein glasklares Ja. Wir erleben derzeit eine Verrohung weiter Bereiche des Lebens. Das betrifft sowohl die Sprache als auch den Umgang miteinander. Wenn Jugendliche diese Fäkalsprache benutzen, die Gewalt verherrlicht, dann bereitet das die Verrohung im Verhalten vor. Der Schritt vom Sprechen zum Tun ist da sehr klein. Eltern sollten genau darauf achten, welches Vokabular ihre Kinder benutzen. Und selbstverständlich sollten Eltern sich auch mit deren Musik beschäftigen. Musik hatte schon immer eine große Wirkung auf Heranwachsende. Eltern dürfen dann nicht feige sein - sie müssen die Auseinandersetzung mit ihren Kindern über Gewalt verherrlichende Texte suchen und führen.

Zu den Konsumenten von Pornografie gehören auch Eltern. Sollen Eltern das vor ihren Kindern verheimlichen?

Das klappt nicht. Eltern muss klar sein, dass ihre Kinder den Pornokonsum auf die eine oder andere Weise immer mitbekommen. Und wenn es dann passiert, dann dürfen Eltern nicht plötzlich prüde werden. Dann müssen sie ihren Kindern erklären, warum sie sich solche Filme anschauen. Angenehm ist so etwas nicht. Wer solche Situationen vermeiden will, der sollte vielleicht gleich auf Pornos verzichten.

Interview: Walter Wüllenweber/print
Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools