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Wer die Presse manipuliert

Natürlich ist es Quatsch zu glauben, der CIA würde die deutschen Medien steuern. Grund zur Selbstkritik haben wir trotzdem. Denn es gibt Abhängigkeiten.

Von Hans-Martin Tillack

Pegida-Anhänger in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) mit "Lügenpresse"-Schild

Pegida-Anhänger in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) mit "Lügenpresse"-Schild

Nein, wir deutschen Journalisten sind nicht die willenlosen Marionetten einer "Lügenpresse", die im Auftrag der Mächtigen ihre Leser manipuliert. "Lügenpresse", dieser Nazi-Begriff ist ebenso grotesk wie der Vorwurf eines Pegida-nahen Bestsellerautors, es wimmele in Deutschland von "gekauften Journalisten". Diese Vorwürfe sind absurd und weil sie so absurd sind, haben eine Reihe von Kollegen, auch beim stern, in den vergangenen Wochen mit Hohn und Spott reagiert: in satirischen Beiträgen, die erzählen, wie uns - wahlweise einzeln oder kollektiv - der deutsche Regierungssprecher, das Weiße Haus, CIA und Mossad jeden Tag vorgeben, was wir zu schreiben oder senden haben. Das klingt lustig, aber in Wahrheit hinterlassen solche Beiträge ein schales Gefühl. Warum? Weil sie so tun, als seien wir allesamt stets so herrlich unabhängig, frech und regierungskritisch. Sind wir aber gar nicht, jedenfalls nicht immer. Denn in Wahrheit gibt es in unserem Journalistenalltag viel Opportunismus und manche Abhängigkeiten, über die wir zu wenig reden.

Die Fälle Guttenberg und Steinbrück

Was ist denn mit den Journalistenrabatten bei großen Firmen, die viele von uns annehmen? Warum lassen sich Reiseredakteure oder Autojournalisten (nicht beim stern) zu teuren Reisen einladen, um anschließend zu verschweigen, wer die Recherche finanziert hat? Ach ja: Zuletzt kam am vergangenen Mittwoch heraus, dass der Handball-Weltverband Journalisten auch aus der Bundesrepublik kostenlos zur WM in das Gastland Katar geflogen hat. Und was ist mit uns Politikjournalisten? Überlegt es sich mancher Kollege nicht zweimal, bevor er es sich mit einem Minister oder Pressesprecher verdirbt, den er am nächsten Tag noch braucht? Unsere Leser müssen sich zu Recht wundern, wenn die Berliner Hauptstadtkorrespondenten - wie geschehen - in kollektiver Besoffenheit einen Karl-Theodor zu Guttenberg zum kommenden Kanzler hochschreiben. Bis sich der Mann - uups! - doch als Blender entpuppt. Und wie konnte es passieren, dass ein ganzer Chor von Kommentatoren Peer Steinbrück als alternativlosen SPD-Kanzlerkandidaten empfahl? Warum hatte sich kaum einer an dessen exzessiver Lohnredneraktivität gestört? Bis diese ihm nach erfolgter Nominierung sogleich, und zu Recht, die erste tiefe Delle in der Sympathiekurve bescherte - der Auftakt einer langen Serie von Wahlkampfpannen, die den einst als harten Macher so hochgelobten Sozialdemokraten gründlich entzauberten.

Der Herdentrieb

"Wenn die Journalisten einen mögen, wird man - oft auch unangemessen - gelobt", hat der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust mal gesagt: "Aber wenn sie das Gefühl haben, jetzt sei ihre Zeit abgelaufen, werden Sie für dieselben Dinge in die Pfanne gehauen." Die Journalisten also als Herde, die kopflos mal in diese und dann in die Gegenrichtung hetzt. Kein schöner Anblick. Viele Bürger scheint es zurzeit zu stören, wie scheinbar unisono die großen deutschen Medien Russland seit dessen Annexion der Krim kritisieren. Um es ganz klar zu sagen: Was mich empört, sind nicht kritische Berichte über die Moskauer Machthaber, sondern Artikel, in denen um Verständnis für Wladimir Putins brutales Regime und seine Angriffe auf ein kleineres Nachbarland geworben wird. Solche Kommentare gibt es bekanntlich ebenfalls, auch im stern.

Wirtschaftlicher Druck

Aber wenn Journalisten Russland kritisieren und die Sanktionspolitik des Westens befürworten, dann ist es besser, wenn sie das aus einer Position der Unabhängigkeit tun. Umso mehr verstört es, wenn die Außenpolitikchefs großer Zeitungen nichts dabei finden, sich in den Beirat der regierungseigenen Bundesakademie für Sicherheitspolitik berufen zu lassen oder wenn sie aktiv in transatlantischen Lobbyvereinen wie der Atlantik-Brücke mitarbeiten. Nicht weil ich glaube, dass diese Kollegen dort manipuliert oder gar bestochen werden. Nein, schädlich ist schon, wenn nur der Eindruck entstehen kann, dass wir nicht im Auftrag unserer Leser unterwegs sind, sondern im Namen von irgendwelchen Dritten. In Deutschland, wie in praktisch allen Ländern der westlichen Welt, stehen die traditionellen Zeitungen und Zeitschriften wirtschaftlich unter Druck. Allein deshalb ist es höchste Zeit für eine ernsthafte Debatte über Standards, die unsere Glaubwürdigkeit sichern. Damit wir es uns wirklich leisten können, "Lügenpresse"-Vorwürfe mit nichts als Hohngelächter abzutun.

Hier können Sie Hans-Martin Tillack auch auf Twitter folgen: @hmtillack

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