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"Polizei bei der Polizei angezeigt"

Hat die Polizei beim Protest gegen Stuttgart 21 gezielt provoziert? Das werfen ihr Eltern und Schüler vor. Sie wehren sich gegen Angriffe von Polizei und Politik, schuld an der Eskalation der Gewalt zu sein.

Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Das gibt dem Ganzen eine andere Dimension", sagt Ursel Beck mit fester Stimme. Ihr Vorwurf ist nicht dazu geeignet, nach dem gewaltsamen Polizeieinsatz vom 30. September in Stuttgart Ruhe einkehren zu lassen. Ganz im Gegenteil.

"Da waren Agents Provocateurs", schimpft sie, und andere Eltern, deren Kinder auf der Demo vom 30. September verletzt wurden, pflichten ihr bei. Sie haben eine Pressekonferenz angesetzt, die zeitweise zu einer Kundgebung gegen das Bahnhofsprojekt S21 mutiert. Fünf bis acht Männer in Zivil hätten Schüler geschubst, angerempelt. Sie hätten gelbe Warnwesten getragen - mit der Aufschrift Polizei.

Seit die Polizei den Stuttgarter Schlossgarten vor gut einer Woche mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcke räumte, wird in Stuttgart gestritten: Wer hat schuld an der Eskalation der Gewalt, bei der je nach Lesart 130 bis 400 Demonstranten verletzt wurden? Wer hat angefangen?

Beck wirft der Polizei Lügen vor, weil diese die Ursache für die Gewalt bei den Demonstranten sieht. Zwar hatte der Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf Fehler eingeräumt - man habe nicht mit so viel Widerstand gerechnet. Landespolizeipräsident Wolf Hammann sprach aber von "Bildern der Aggression, die Polizisten entgegenschlug".

Was ist die Wahrheit?

Bei der Suche nach der Wahrheit gibt es eine Reihe zentraler Punke. Beide Seiten zeigen Videos und Fotos, um die eigene Position zu belegen. Am vergangenen Dienstag war die Polizei dran, heute sind die Eltern und Schüler dran. Da ist zunächst die Frage der Polizeiprovokateure, von denen Ursel Beck spricht. Videos zeigen tatsächlich Männer in gelben Warnwesten, wie sie Schüler anpöbeln. Die Polizei dagegen will Aktivisten der Antifa ausgemacht haben, die die Schüler angestiftet hätten. Bilder davon blieb sie schuldig. "Es gab keinen schwarzen Block", versichert Beck daher.

Wer hat zuerst Pfefferspray versprüht?

Die Polizei sagt, aus den Reihen der Demonstranten seien die ersten Pfefferschwaden gekommen. Das könne nicht sein, erwidern die Eltern. So große Dosen mit Pfefferspay, wie sie auf einem Polizeivideo zu sehen seien, gebe es nicht im freien Handel.

Außerdem sei auf Youtube ein Video veröffentlicht worden, das zeige, dass der vermeintliche Demonstrant mit Pfefferspray hinter der Polizeikette verschwand, nachdem er gesprüht hatte. Das Video sei jedoch nicht mehr online. "Wer das Video besorgt, bekommt einen Preis", sagt Tobias Tegl, Sprecher der Jugendoffensive gegen S21.

Warum waren Wasserwerfer im Schlossgarten?

Polizeipräsident Stumpf hatte erklärt, die Wasserwerfer seien nicht zu dem Zweck herangeschafft worden, den Park zu räumen. Vielmehr habe man sie bereithalten wollen für den Fall, dass nachts Aktivisten den neuen Bauzaun stürmen.

Die Stuttgart-21-Gegner deuten das Heranrücken der Wasserwerfer anders: Sie seien keine Reaktion auf eine gewalttätige Demo gewesen. "Die Wasserwerfer waren nicht da, weil es Gewalt gab. Sie waren von Anfang an da", sagt Beck, und sieht sie als Beleg für eine Polizeiprovokation. Die "Parkschützer" hätten Informationen erhalten, dass ein "massives Polizeiaufgebot" auf Stuttgart zufahre. "Deshalb haben wir um 10 Uhr 34 Alarm geschlagen", sagt Matthias von Herrmann, Sprecher der "Parkschützer". Man habe nicht gezielt die genehmigte Schülerdemo in den Park gelotst, nicht gezielt Schüler vorgeschickt.

Wie viele Verletzte gab es?

Die Polizei spricht von 130, die S21-Gegner von 400 körperlich Verwundeten plus ungezählten psychisch Verletzten. Dafür hat von Herrmann eine Begründung, die Zündstoff birgt: Der Notruf 112 habe sich für nicht zuständig erklärt. Der Schlosspark sei "polizeiliches Sperrgebiet", Rettungssanitäter würden nicht kommen. Polizisten hätten Verletzte abgewiesen mit den Worten: "Sehe ich aus wie ein Sanitäter?!"

Provisorisch wurde ein Feldlazarett errichtet, in dem ehrenamtliche Sanitäter Verletzten die Augen ausspülten. "Diese Verletzten haben wir gezählt", erklärte von Herrmann. Die Polizei registrierte nur die, die es zu einem Krankenwagen schafften, der außerhalb des Parks standen.

Manche Schüler und Eltern schäumen vor Wut, andere Jugendliche sind psychisch so angeschlagen, dass sie kaum über das Erlebte sprechen können. Immer wieder schildern sie den Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken als "vollkommen unnötig", "ohne Bedrängnis". Sie reden von einem "offensiven Polizeieinsatz". "Ansatzlos" sei Gewalt angewendet worden, so der Vater Volker Lösch. "Ich habe mich gefragt: Was, wenn jemand stirbt?" Etwa, als die Polizei versucht habe, Demonstranten mit einem Wasserstrahl aus einem Baum zu blasen. Diese Szene ist auch in einem Video zu sehen.

Tritte, Rangeleien und Kastanienwürfe von Seiten der Demonstranten, wie von der Polizei beklagt, entschuldigt von Herrmann als "in der Hitze des Gefechts menschlich verständlich" und "Nichtigkeiten".

Wer also war schuld?

Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) meint, der Einsatz sei angemessen gewesen. Die Eltern und Schüler sind anderer Meinung.

Alexander Schlager wurde schwer am Auge verletzt, musste operiert werden und bangt um sein Augenlicht. Er sagt dazu: "Wir Opfer werden verhöhnt." Und Ursel Beck schimpft: "Unsere Kinder sollen von Opfern zu Tätern gemacht werden. Es wird versucht, unsere Kinder zu kriminalisieren."

Eine Mutter bringt das Dilemma, wie der Gewaltexzess aufgearbeitet wird, auf den Punkt: "Ich habe die Polizei angezeigt - bei der Polizei."

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