Sie sind liberal, sie sind urban, sie sind gebildet - und sie haben immer grün gewählt. Nun stürzt das Ende des rot-grünen Projekts die Thirty-Somethings in eine schwere Sinnkrise. Welche Partei passt zu ihnen? Eine Inventur. Von Florian Güßgen

Der Held der Generation Grün: Joschka Fischer. Wer früher mit Joschka ein Bier trinken gehen wollte, erwartet heute seinen Abgang© Jean-Christophe Verhaegen/AFP
Irgendwo in den Dreißigern sind wir jetzt, wir Mitglieder der Generation Grün. Geboren zwischen 1965 und 1975. Wir sind Kinder des Westens, Erben der 68er, Enkel der Nazis. Wir sind der politische Flügel der Generation Golf, haben gegen Kohl gehetzt, gegen Schönhuber demonstriert, beim Bund Naturschutz Zivildienst geleistet und hatten früh schwule Freunde. Wir sind urban oder haben in Tübingen studiert. Wir sind globalisiert, Erasmus-erprobt, neugierig, liberal, weltoffen - und immer ein wenig verantwortungsbewusst. Jetzt haben auch wir fertig studiert, fangen an zu arbeiten, werden Väter und Mütter, sind arbeitslos.
Gewählt haben wir grün, fast immer. Die Grünen hatten die besseren Konzepte, die besseren Leute. Sie standen für einen besseren Stil, für eine bessere Politik, für eine bessere Welt. Das Augenzwinkern des Joschka Fischer, seine Turnschuhe, seine spitzen Tiraden, seine Selbstironie, dieser Anti-Kohl befriedigte nicht nur unseren Bedarf an politischer Rebellion - er vertrat auch unser Lebensgefühl.
Damit ist jetzt Schluss. Seit Mai stecken wir in unserer bislang schwersten Sinnkrise. Das Ende von Rot-Grün markiert eine tiefe Zäsur - denn unsere Loyalität zu den Grünen steht in Frage, das Milieu verliert seine Partei.
Überraschend kommt diese Krise nicht. Zu offensichtlich war es schon lange, dass wir uns verändert haben. Früher trieb uns, die Erben, die moralisch hochwertige Sorge um Fauna, Flora und den Weltfrieden, heute, nach dem Ende der "New Economy", belasten uns Ängste um Job und Geld mehr als weltmoralische Selbstvorwürfe. Trotz aller geschniegelten Lebensläufe sind wir nur dort angekommen, wo die anderen schon lange warten: Auf einem leer gefegten Arbeitsmarkt. Plötzlich geht es nicht um Müll-Trennung und Öko-Strom, sondern um die Krankenversicherung, die Rente, die Steuer.
Die Grünen sind uns dabei immer fremder geworden. Berauscht vom eigenen Erfolg sind sie träge geworden. In der ersten Periode Schröder erreichte die Partei fast alle ihre Ziele: Atom-Ausstieg, Homo-Ehe, Staatsbürgerschaftsrecht. Die Fischers und die Trittins machten die Außenseiter-Kultur - selbst für Christdemokraten - zur gesellschaftlichen Pflicht. Dann aber, in der zweiten Periode Schröder, war - pffff - die Luft raus. Die Chefs - Kuhn, Roth, Bütikofer und Wie-hieß-sie-noch-Beer - vernachlässigten uns. Auf der Regierungsbank nutzten sich die Grünen ab, passten sich an - an die Macht und ihre Riten. Den Ober-Joschka, unser einstiges Idol, trieb das Amt von der Ironie in den Zynismus. Auf seinem langen Weg zu sich selbst verschmolz er im Geiste mit Henry Kissinger, im Gehabe mit Helmut Kohl, dem Feindbild von einst. Wer Anfang der 1990er noch alles für eine Kneipentour mit Joschka gegeben hätte, freut sich heute auf Fischers Pensionierung.
Wir haben die Symptome der Entfremdung lange weg geschoben, verdrängt. Erst der schwarze Mai dieses Jahres, oder, noch konkreter: der 22. Mai, zwang uns zum Nachdenken. Um Punkt 18.23 Uhr beendete Franz Müntefering, das Sprachrohr des sozialdemokratischen Konservatismus', unsere Jugend.
Aber damit nicht genug. Nur eine Woche später zerbarst eine zweite Säule unserer Identität: Europa. Wir verhöhnten das Nationale, lebten Erasmus und liebten international. Die Europäische Union hatte uns, den unschuldigen Deutschen, immer als gleißendes Gegenbild zu dem verquasten Nationalstolz zu Hause gegolten - sie war unser Symbol für die Vision eines anderen, eines besseren Staates gewesen. Die düsteren Heilshoffnungen, die die Europäer der Kriegsgeneration mit Europa verbanden, waren uns fremd. Es ist vielleicht kein Zufall, dass es wieder Joschka Fischer war, der auch unserer Vision Europas Ausdruck verlieh – damals, im Mai 2000, als er an der Berliner Humboldt-Universität einen europäischen Endzustand skizzierte, eine "Finalität".
Perdu! Auch dieses Projekt ging im Mai 2005 den Bach hinunter. Die Franzosen versetzten der EU-Verfassung den Todesstoß - und entsorgten so die Vision eines europäischen Superstaates. Zu schnell war die Union erweitert worden, scheinbar grenzenlos, zu groß war sie geworden, die Kluft zwischen Europa und seinen Bürgern, zu sehr hatten sie sich unterschieden, die Sonntagsreden und die gefühlte Wirklichkeit. Die Grünen traf diese Entwicklung nicht mehr oder nicht weniger als die anderen Parteien - für uns, die kosmopolite Klientel jedoch, wurde ein weiterer Baustein unserer Identität zerstört.
Und jetzt? Seit Mai driften wir im politischen Universum. Nie waren wir so verunsichert. Wo gehören wir hin? Wen sollen wir wählen? Wie Kometen schießen Köpfe und Programme auf uns zu. Die Zeit drängt. Am nächsten Sonntag wird gewählt - und bis dahin müssen wir uns entschieden haben. Wer kann uns, die Kinder der grünen Kultur, in Zukunft vertreten? Die Sozialdemokraten können uns kaum locken. Früher flüchteten wir vor ihrer dumpf-konservativen Gewerkschafter-Kultur, heute schreckt uns ihre Zerrissenheit. Allein der Dadaismus, den sich Müntefering erlaubte, als er dem Kanzler am Tag der Vertrauensfrage im Bundestags-Plenum Treue-Schwüre leistete, offenbarte eine waidwunde Partei. Irgendwo in der linken Kampfzone irrlichtern die Genossen, in die Enge getrieben eher von Lafontaines Neo-Populismus als von Merkels Neo-Ehrlichkeit. Schwer und kraftlos schwanken sie zwischen steifem Reform-Bekenntnis, ehernem Traditionalismus und den Ideen einiger weniger, junger und linker Pragmatiker. Die Leere der Sozialdemokratie kann auch das letzte Gefecht ihres Kanzlers, die letzte Schlacht Gerhard Schröders, nicht überdecken. Weshalb sollten die Sozialdemokraten, nach sieben Jahren Probezeit, noch einmal regieren dürfen? Selbst Müntefering und Schröder können das trotz allem nicht überzeugend erklären. Erst wirkten sie in diesem Wahlkampf, als sehnten sie den Gnadenschuss der Wähler herbei, nun profitieren sie von den erschreckenden Schwächen der Union.