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Die Schüler als Daten-Schäfchen

Einer Schule, die das Essen nur gegen einen Fingerabdruck herausgibt, fehlt das Problembewusstsein beim Datenschutz. Wie kann sie die Kinder für die Gefahren des Datenmissbrauchs sensibilisieren?

Ein Kommentar von Gernot Kramper

  An der Schule wurde kein kompletter Fingerabdruck genommen, zur Identifkation reichen sechs Messpunkte aus.

An der Schule wurde kein kompletter Fingerabdruck genommen, zur Identifkation reichen sechs Messpunkte aus.

An der Hamburger Adolph-Schönfelder-Schule haben die Kinder ihr Mittagesessen in der Mensa nur dann bekommen, wenn sie zuvor ihre Fingerabdrücke haben einlesen lassen. Eine erkennungsdienstliche Behandlung wie man sie früher nur von der Polizei kannte. Die Küchenfirma gibt inzwischen zu, es seien "im Eifer des Gefechts" wohl Fehler unterlaufen. Dass die Essensausgabe an die Kinder als "Gefecht" beschrieben wird, ist an sich schon bezeichnend. Aber auch sonst ist es eine schöne Umschreibung für einen bewussten und absichtlichen Verstoß gegen geltendes Recht. Denn wie der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sagt: "Ein Fingerabdruck-Scan bzw. die Erfassung biometrischer Daten bei Grundschulkindern ohne Einwilligung ist datenschutzrechtlich grundsätzlich nicht erlaubt." Fast überflüssig zu sagen, dass das Erfassen der Daten von Kindern ein besonders sensibles Vorgehen nötig macht. Sensibel? Im "Gefecht" an der Schule wurde sich sogar über den erklärten Willen der Eltern hinweggesetzt.

Wo waren die Lehrer?

Dass ein Caterer sich keinen großen Kopf über den Datenschutz macht, mag noch zu verstehen sein, viel schockierender ist es aber, dass die Lehrer an der Adolph-Schönfelder-Schule die Erfassung der biometrischen Daten ihrer Schützlinge als unproblematisch ansahen. Schutzaufgabe? Fehlanzeige! Da haben wohl alle lieber weggeguckt. Ebenso absurd ist der Einwand, dass die erfassten Messpunkte nicht das Gleiche seien wie ein Fingerabdruck der Polizei. Mag sein, dass man für den Nachweis in einem Mordfall exakter arbeiten muss, biometrische Daten sind die Scans aber dennoch.

Und wieso macht man das Ganze? Ein Daumen ist keine Chipkarte, ihn muss man nicht extra kaufen, er kann auch nicht vergessen werden oder verloren gehen. Das hat Vorzüge: Die Essensausgabe steht nicht mehr ratlos vor einem Kind, das essen möchte, sich aber nicht ausweisen kann. In diesem Drama kann nur ein Daumenscan helfen, suggerieren die Befürworter. Ganz so, als müssten die Kinder ohne Fingerabdruck verhungern.

Es geht auch ohne Scan

Komisch nur, dass Ganztagesschulen in der Vorcomputerära die Essensausgabe auch hinbekommen haben. Damals kannte das Personal die Schüler noch, das kann man von einem Caterer offenbar nicht erwarten. Doch genauso gut, könnte man eine Liste mit Fotos der Schüler anlegen. Im Zweifelsfall müsste man kurz nachschlagen, welches Essen für dieses Kind bestimmt ist. Das käme ohne umfassende Datenerhebung aus, wäre aber mühsamer. Wie schon erwähnt: Der Scan ist eben so viel praktischer, das heißt billiger für den Betreiber.

Grundsätzlich sieht der Datenschutzbeauftragte Caspar die Verwendung solcher Techniken in den Schulen kritisch: "Es könnte schon in jungen Jahren durch die alltägliche Verwendung der biometrischen Daten ein Gewöhnungseffekt und ein Gefühl der Normalität entstehen." Schöne neue Welt: Von Kindesbeinen an werden die Schüler für ihre Rolle als Datenschaf konditioniert. Wer nicht spurt, kriegt nichts zu essen. So sieht das Curriculum "Datenschutz" in der Wirklichkeit aus, auch wenn in den Sonntagsreden der Bildungspolitiker das Gegenteil verkündet wird.

Datenschutz nur bei anderen

Wenn schon eine Erziehungseinrichtung die störungsfreie Effizienz über den Datenschutz stellt, warum sollten sich normale Wirtschaftsbetriebe besser verhalten? Im öffentlichen Nahverkehr könnte man mit Daumenscan oder noch besser mit implantiertem Chip die Abrechnung effizienter gestalten. Schwarzfahrer hätten dann keine Chance. Und die Daten? Die sind natürlich sicher. So wie alle Daten im Machtbereich des Datensaugers NSA eben sicher sind.

Der Laie stellt sich die Frage: Was soll man mit dem Essensplan von Kindern schon anfangen können? Damit zeigt man nur, dass man vom Data Mining nichts verstanden hat. Die meisten Informationen, die irgendwo von einer Person gespeichert und gesammelt werden, bedeuten für sich allein nur wenig. Werden sie aber zusammengeführt, ergeben all die Nichtigkeiten ein umfassendes Persönlichkeitsprofil. Ernährungsgewohnheiten und Allergien wären davon zwei größere Puzzlesteine.

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