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24. April 2008, 11:24 Uhr

Bundestag sagt Ja zu Lissabon

Der Reformvertrag von Lissabon soll die Union auch mit 27 Mitgliedsstaaten regierbar machen. Jetzt hat der Deutsche Bundestag der neuen Arbeitsgrundlage zugestimmt. Nur die Linke sagte Nein und fordert "Glasnost" auch für Europa.

Die EU-Flagge vor dem Deutschen Bundestag: Die Abgeordneten haben den Vertrag von Lissabon ratifiziert© Michael Kappeler/DDP

Der deutsche Bundestag hat den EU-Reformvertrag von Lissabon verabschiedet. Von 574 Abgeordneten votierten am Donnerstag 515 für den Vertrag und 58 dagegen. Es gab eine Enthaltung. Die Partei "Die Linke" hatte sich schon im Vorfeld gegen den Vertrag ausgesprochen: denn von Vereinfachung und Transparenz der EU-Prozesse könne keine Rede sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte den Vertrag von Lissabon hingegen als "großes Projekt" und Fortschritt für Europa. "Er ist nicht nur gut für Europa, sondern auch für die Bürger dieses Landes." Entscheidungen der EU würden vereinfacht, Deutschlands Rolle gestärkt und zugleich die Rechte der nationalen Parlamente und der Kommunen besser verankert. So werde Europa "stärker und selbstbewusster denn je sein".

Nicht perfekt, aber eine Grundlage

Der neue EU-Vertrag dürfe jedoch kein endgültiger Abschluss für Europa sein, sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Chef, Kurt Beck, bei seiner ersten Rede im Bundestag. Ziel bleibe weiterhin eine gemeinsame Verfassung und von allen Mitgliedern getragene Grundrechtecharta. Auch mit jetzt 27 Mitgliedern sei die EU handlungsfähig. Dafür seien aber immer wieder Kompromissbereitschaft und ein fairer Interessenausgleich notwendig.

Auch FDP und Grüne haben dem Vertrag zugestimmt. FDP-Chef Guido Westerwelle bezeichnete Deutschland als Gewinner der EU, auch "wenn wir viel dafür bezahlen."Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin erklärte, der Vertrag sei zwar nicht perfekt, aber eine gute Grundlage für die Europäische Union.

"Glasnost für Europa"

Der Vertrag sei von "neoliberalem Geist" geprägt und für die Bürger in Europa nur schwer verständlich, sagte dagegen Lothar Bisky, Parteichef der Linken. Dringend notwendig wäre eine lesbare Vertragsversion gewesen, sagte er, verlangte "Glasnost für Europa" und eine Volksabstimmung über den Vertrag. Bisky betonte, die Linke sei nicht gegen Europa, sondern gegen diesen Vertrag, der gravierende Nachteile habe: Die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik sei vor allem militärisch geprägt.

Für einen Eklat sorgte gegen Ende der Debatte der parteilose Abgeordnete Henry Nitzsche. Der aus der CDU ausgeschlossene Politiker aus Sachsen verglich den EU-Vertrag mit dem vor 75 Jahren im Reichstag durchgepeitschten Ermächtigungsgesetz der Nazis. Er stieß damit auf lautstarke Empörung bei den Fraktionen.

Der Vertrag von Lissabon war wesentlich unter Merkels EU-Vorsitz in der ersten Hälfte vergangenen Jahres ausgehandelt worden. Er soll 2009 anstelle der gescheiterten EU-Verfassung in Kraft treten. Dafür müssen ihm alle 27 EU-Staaten zustimmen. Als größte Hürde gilt die nur in Irland geplante Volksabstimmung. In Deutschland muss am 23. Mai noch der Bundesrat das Papier billigen.

DPA/AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Marco1707 (24.04.2008, 21:51 Uhr)
Nicht zu vergessen...
...dass jeder Bestandteil dieses Vertrages im Nachhinein von Abgeordneten abgeändert werden kann, ohne dass das Volk auch nur das geringste Mitspracherecht hat. Das große Problem dabei ist auch, dass Abgeordnete die sich gerade spärlich mit der Rechtslage ihres eigenen Landes auskennen nun für andere Länder die entscheidungen treffen. Nicht ohne Grund gibt es in Österreich schon eine Unterschriftenaktion mit über 100.000 Unterschriften gegen diesen Vertrag.
x-cube (24.04.2008, 17:53 Uhr)
Was mich wundert.. (oder eigentlich nicht)
..ist das die Medien so dezent, still und leise darüber berichten. Wahrscheinlich weil Sie sich gezwungen sehen überhaupt etwas dazu zu schreiben.
So wird dieser "Historische Schritt" nahezu lautlos vollzogen obwohl er ALLE Bürger dieses Landes tangiert. Da wird Tagelang über Schwachsinn wie das Dekolletee der Kanzlerin schwadroniert und der EU-Vertrag ist nur eine Fußnote wert. Die freie Presse ist tot! Die Leitmedien sind verseucht. Auch die "öffentlich rechtlichen" sind zu getarnten Parteiorganen verkommen. Kritische Meinungsbildung ist unerwünscht.
Das Land der Dichter und Denker verkommt mehr und mehr.
Dr. Schachtschneider hat sehr viel Interessantes zu den EU Verträgen gesagt und man kann es sich bei Google-Video und Youtube anschauen.
Weiterhin ist eine Strafanzeige gegen die Bundesregierung wegen Hochverrats bezüglich der EU Verträge eingereicht worden. (Dies ist nur eine Info und es soll sich jeder sein eigenes Urteil dazu bilden)
Man muß Sich eben selbst mit Informationen versorgen. Zum Glück ist das Internet (noch) Freiheitlich.
Demokraten (24.04.2008, 17:23 Uhr)
EU-Reformvertrag ohne Volksentscheid = Manipulation und Unterdrückung des Volkes

Diese haben in Deutschland eine lange Tradition und bestimmen die deutsche Politik bis heute
Die nachfolgende öffentliche Petition an den deutschen Bundestag vom 7.12.2007 wurde dort nicht angenommen und entsprechend nicht auf der Webseite des deutschen Bundestages veröffentlicht. Sie soll in einem Geheim-Verfahren beschieden werden.
Text der unterdrückten öffentlichen Petition an den deutschen Bundestag vom 7.12.2007
Der Bundestag möge beschließen, die plebiszitäre und partizipative Demokratie in der Europäischen Union zu stärken, also die Mitbestimmung der europäischen Bürger durch Volksreferenden, öffentliche Petitionen und Abgeordnetenwatch beim Europäischen Parlament und dieses
1.) sowohl bei der Schaffung der neuen europäischen Verfassung als auch
2.) durch erheblich größere Beteiligungsmöglichkeiten der europäischen Bürger im Rahmen der zukünftigen europäischen Verfassung.
Begründung:
1.) Am 17.09.2006 haben sich 84 Prozent der Berliner für die Einführung des Voksentscheids im Land Berlin gestimmt.
2.) Eine überwältigende Mehrheit von 80 Prozent der Deutschen fordert laut der am 27.12.2006 veröffentlichten Forsa Umfrage die Einführung von Volksbegehren und Volksentscheiden auch in der Bundespolitik.
82 Prozent aller Deutschen und sogar 90 Prozent der Ostdeutschen glauben gemäß dieser Umfrage, dass von den Regierenden "auf die Interessen des Volkes keine Rücksicht" genommen wird.
3.) Gleichwohl spielen plebiszitäre und partizipative Demokratie bei allen Plänen der Bundesregierung, der Koalitionsfraktion und der bisher parlamentarisch Oppositionsfraktionen im Rahmen der Aktivitäten der deutschen EU-Ratspräsidentschaft keinerlei Rolle.
4.) Über die neue europäische Verfassung muß in allen Ländern abgestimmt werden, nicht nur in Dänemark, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Polen und damit auch in Deutschland.
5.) Die neue europäische Verfassung muß auch verschiedene partizipative Mitbestimmungsmöglichkeiten für die europäischen Bürger ermöglichen wie z.B.:
6.) öffentliche Petitionen an das Europäische Parlament, wie sie seit 2005 auch an den deutschen Bundestag gerichtet werden können.
7.) Es muß ein unabhängiges Abgeordnetenwatch beim Europäischen Parlament geben, vergleichbar dem Abgeordnetenwatch beim deutschen Bundestag, jedoch mit wesentlich bürgerfreundlicheren Funktionen wie Diskussionsforen für die Bürger und der Pflicht der Abgeordneten zu Beantwortung der Fragen der Bürger.
8.) Wesentliches Ziel der neuen europäischen Verfassung muß es sein, den Abstand der Bürger zu den Regierenden nicht weiter zu vergrößern, sondern wieder zu reduzieren.
9.) Hierfür gibt es keinen anderen Weg als den der Schaffung der plebisziären und partizipativen Mitbestimmungsmöglichkeiten für die europäischen Bürger.
10.) Den Bürgern ist bekannt, dass alle wesentlichen Gruppen und Verbände aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik durch professionelle Lobbyisten seit Gründung der EU (1956, damals noch EWG) in Brüssel und Straßburg vertreten sind und bei den sie tangierenden Gesetzen und Verordungen entsprechenden Einfluß nehmen.
11.) Mit der Vereinbarung zwischen dem Bundestag und der Bundesregierung über die Zusammenarbeit in Angelegenheiten der Europäischen Union (16/2620) erhält der Bundestag in Zukunft deutlich mehr Rechte gegenüber der Bundesregierung. Nach Meinung der Abgeordneten des Bundestages können die Abgeordneten jetzt Themen “zu einem Zeitpunkt angehen, in dem sie noch beeinflussbar sind“.
Das Raumschiff Brüssel werde damit auf dem harten Boden der Realität landen.
Soweit die Perspektive und Entwicklung für die Abgeordneten.
12.) Für die Bürger Europas bleibt das Raumschiff Brüssel nach den bisherigen Vorstellungen von Bundesregierung und Bundestag weiter unendlich weit entfernt. Diese europäische Verfassung und dieses Europa lehnen wir Bürger entschieden ab.
Ende der vom Bundestag unterdrückten öffentlichen Petition
2008:
Ein parteiloser Abgeordneter des Bundestages verglich die Abstimmung über den EU-Vertrag vom 24.04.2008 mit dem vor 75 Jahren, 1933, im Reichstag durchgepeitschten Ermächtigungsgesetz der Nazis.
1933:
Der Abgeordnete Wels sagte 1933 vor der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz der Nazis wörtlich:
„Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht,
und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muss sich umso schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt.“
• Was hätte wohl der Abgeordnete Wels vor der Abstimmung über den Reformvertrag 2008 zur neuen Allmacht in Brüssel gesagt?
• Hätte er wieder mit den gleichen Worten wie 1933 vor der neuen Allmacht der EU-Bürokratie gewarnt?
Ähnliche Worte wie vom Abgeordneten Wels 1933 waren in Berlin z. B. auch schon 1448 und 1848 zu hören.
1448 unterwarf Kurfürst Friedrich II, genannt der Eiserne oder Eisenzahn, die Berliner und beraubte sie ihrer bürgerlichen Rechte. Diese Unterwerfung der Berliner durch Kurfürst Eisenzahn ist in der Geschichte als „Berliner Unwille“ bekannt. Die Eisenzahnstraße in Wilmersdorf erinnert uns noch heute an diese Unterwerfung der Berliner Bürger 1448.
Es dauerte dann 400 Jahre, bevor sich die Berliner das nächste Mal gegen die Obrigkeit erhoben.
1848:
Mindestens 254 Berliner bezahlten dafür 1848 in der März-Revolution gegen den preußischen König Friedrich–Wilhelm IV. mit ihrem Leben.
Tausende wurden damals verletzt.
Es folgten
1918 Niederschlagung der November-Revolution,
1933 Hitlers Machtergreifung und das Ermächtigungsgesetz,
1949 Grundgesetz ohne Volksentscheid für die Bürger,
1968 Studentenbewegung,
1989 Friedliche Revolution in der DDR und Einverleibung der DDR durch die BRD,
und viele weitere Niederlagen der Berliner und des deutschen Volkes seit fast 500 Jahren durch Manipulation und Unterdrückung.
Diese haben in Deutschland eine jahrhundertelange Tradition und bestimmen die deutsche Politik bis heute – ganz im Gegensatz z. B. zu unseren Schweizer Nachbarn.
Manipulation und Unterdrückung haben uns Deutschen bereits ein „drittes Reich“ beschert – das sollte reichen.
Jedoch könnten uns die andauernde und ggf. weiter zunehmende Manipulation und Unterdrückung noch mehr „Reiche“ –in jedem Wortsinn- bescheren:
noch mehr Milliardäre als heute in einem vierten Reich, einer fernen und fernregierten EU.
520i (24.04.2008, 15:44 Uhr)
Die EU wird alles versuchen...
...um die Kritiker in Irland ruhig zu stellen.
Siehe dazu:
http://snipurl.com/25lqm
romeodelta (24.04.2008, 13:27 Uhr)
Naja....
Die Iren müssen per Volksentscheid zustimmen (und soweit ich weiß, ist die Zusatimmung Polens auch nicht sicher). So wie ich die Iren kenne, wird das nicht so einfach sein - es gibt viele, die dagegen sind, un die zu mobilisieren wird leichter sein, als die Ja-Sager. Ich denke Die SChotten (zu denen ich gehöre) und die Engländer werden daran arbeiten - sie sind nämlich besonders gegen die EU. Ich bin zwar nicht prinzipiell gegen die EU aber hoffe zutiefst, dass meine zumindest "verwandte" Landsleute "Sand ins Getriebe werfen" (chuck a spanner in the works) Es lebe die Demokratie!
bernie-abg (24.04.2008, 12:55 Uhr)
...
..."Er ist nicht nur gut für Europa, sondern auch für die Bürger dieses Landes."...
Ja, Frau Merkel, genau wie "der Aufschwung kommt bei den Menschen an"
Guido Westerwelle bezeichnete Deutschland als Gewinner der EU, auch "wenn wir viel dafür bezahlen."
Herr Westerwelle, mit "wir" meinen Sie doch bestimmt die einfachen Arbeiter und nicht Ihre neoliberalen Absahner.
Ehrlich, die Linke ist mir nicht sonderlich Sympathisch, aber hier haben sie recht. Die EU bleibt für den Bürger ein Buch mit sieben Siegeln, lesbar nur für diejenigen, die sich aus den Kassen bedienen.
520i (24.04.2008, 12:30 Uhr)
Des Weiteren...
...Aufrüstung, Abschottung der Grenzen usw usf.
Mal wieder haben die gesammelten Volksvertreter Europas (und hier Deutschlands) gezeigt, was sie von ihren Wählern halten.
Man kann garnicht so viel Fressen wie man kotzen möchte. Ich wette 3/4 der Abgeordneten hat den Vertrag nicht gelesen. Wiederlich.
Wilkommen, neoliberale Miliarisierung!
NeuerMensch (24.04.2008, 12:23 Uhr)
Herzlichen Glückwunsch!
zum weiteren Demokratieabbau und fortschreitender Militarisierung der EU. Todesstrafe ist nun nicht mehr mit der EU-Verfassung unvereinbar, Aufständische darf man jetzt auch innerhalb der EU einfach legal erschießen. Prima, Danke Frau Merkel, Danke STERN für die Jubelpropaganda!
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