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23. Mai 2008, 16:25 Uhr

Wowereits Kniefall vor den Linken

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat im Bundesrat kapituliert: Er gab bei der Abstimmung über den EU-Vertrag dem Druck seines Koalitionspartners nach. Berlin enthielt sich bei der Abstimmung über den EU-Vertrag, den die Linken als "neoliberal" und "militaristisch" ablehnen.

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Die Linke als Strippenzieher im Hintergrund? Harald Wolf (links) und Klaus Wowereit bei der Abstimmung im Bundesrat© Michael Kappeler/DDP

Als einziges der 16 Bundesländer enthielt sich Berlin bei der Abstimmung im Bundesrat über den EU-Vertrag. Alle anderen 15 Länder stimmten zu. Damit konnte sich Wowereit nicht gegen seinen Koalitionspartner, die Linkspartei, durchsetzen. Oskar Lafontaine regiert in der Hauptstadt mit. Diese Schlappe wird Wowereit, dem auch bundespolitische Ambitionen nachgesagt werden, besonders schmerzen.

Rückendeckung für Wowereit gab es vom SPD-Kollegen und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Schuld sei die Linke, Wowereit habe sich nicht anders verhalten können.

Wowereit soll Scheitern eingestehen

Der Koalitonspartner der SPD im Bund, die CDU, zeigte sich alarmiert. "Die deutsche Hauptstadt darf sich eine derart europafeindliche Stimmung nicht erlauben. Wenn Herr Wowereit selbst sagt, sein Koalitionspartner sei handlungsunfähig, dann müsste er das Scheitern seiner rot-roten Regierung eingestehen. Dass er dies nicht tut, zeigt: Dieser Mann an der Spitze Berlins hat weder Prinzipien noch Rückgrat", sagte der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla.

Auch von der Opposition ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, warf Wowereit vor, der Hauptstadt zu schaden. "Gerade der Regierende Bürgermeister muss sich in der Tradition Willy Brandts zu einem vereinigten und friedlichen Europa bekennen. Sein Verhalten ist eine Blamage für die Hauptstadt und für Deutschland in Europa." Der Regierende Bürgermeister lasse sich von Lafontaine "am Nasenring vorführen".

Knapp an Krise vorbei

Wowereit selbst wertete das Abstimmungsverhalten dergestalt, dass die rot-rote Koalition nur knapp an einer ernsthaften Krise vorbeigeschrammt sei. Es sei eine schwierige Entscheidung gewesen, sagte der SPD-Politiker. Wowereit selbst stimmte nicht ab. Er überließ es Justizsenatorin Gisela von der Aue (ebenfalls SPD), die Enthaltung bekanntzugeben.

Wowereit bezeichnete die Haltung der Berliner Linken als Warnzeichen für die weitere Zusammenarbeit. Er werde genau beobachten, inwieweit der Einfluss von Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine auf die Politik der Linken in Berlin spürbar sei. "Ich habe den Eindruck, dass Lafontaine billigend in Kauf nimmt, dass die Koalition in Berlin platzt", sagte Wowereit. Das Land Berlin hatte sich der Stimme enthalten, weil sich SPD und Linke nicht auf ein einheitliches Vorgehen verständigen konnten. "Ob das jetzt eine Zäsur ist, wird man erst sehen, wenn man sich die weitere Entwicklung anschaut", sagte Wowereit. Die Linken hätten jedenfalls gezeigt, dass sie auf Bundesebene kein Koalitionspartner sein könnten. Er betonte, dass Berlin mit "Ja" gestimmt hätte, wäre es auf die Stimmen des Landes angekommen. "Der Europavertrag geht vor Koalitionsstabilität."

Auch auf ein uneinheitliches Ergebnis hätte er sich auf keinen Fall eingelassen. "Es hätte zu einer handfesten Koalitionskrise bis hin zu einem Bruch führen können", sagte der Regierende Bürgermeister. Die Führungsspitze der Berliner Linken habe vorher nicht gewusst, wie er entscheiden werde.

Diese zeigte sich nach der Abstimmung erleichtert. "Es gab keine andere Lösung", sagte die Berliner Linken-Fraktionschefin Carola Blum. "Es geht nicht, dass Rot-Rot zusammenarbeitet und dabei nicht auffällt", verteidigte sie die Enthaltung und die starre Haltung ihrer Partei. Wirtschaftssenator Harald Wolf sagte, er sehe die Sorge des Koalitionspartners SPD, dass Lafontaine in Berlin mitregiere. "Das ist aber nicht so." Die Entscheidung zum EU-Vertrag sei indes eine bundespolitische gewesen.

AP/DPA
KOMMENTARE (10 von 19)
 
ganzbaf (24.05.2008, 09:31 Uhr)
Jawoll

bin auch gegen ein "Heiliges großes Reich, europäischer Nationen".
Wir haben ein Grundgesetz, das man nicht einfach für so einen Größenwahn aufopfern darf! Darauf steht laut Artikel sowieso ein ausdrückliches - auch aktives - Widerstandsrecht ALLER Deutschen!
.
Ich schlage vor wir nutzen rasch die vorhandene Austrittsklausel und werden klein und fein wie z.B. Schweiz, Norwegen oder Australien... ;-D
friedolin (24.05.2008, 08:21 Uhr)
Treppenwitz der Geschichte
Herrn Wowerereit gebührt kein Respekt, denn die Enthaltung musste ihm von der SED abgepresst werden.
Es ist traurig und ein Treppenwitz der Geschichte, dass gerade die Diktatoren-, Schnüffel-, Mauerschützenpartei SED (heute auch bekannt als "Die Linke"), als einzige ernsthaft versucht hat, unser Grundgesetz und damit die Freiheitlichen Grundrechte deutscher Bürger zu verteidigen.
Seit Gestern hängt die Souveränität Deutschlands nur noch an 2 seidenen Fäden: Der Unterschrift des Bundespräsidenten Köhler und der (wohl letzten nennenswerten) Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, denn nach Lissabon richtet der EUGH in Zukunft über uns.
Peter Gauweiler ist für mich der eigentliche tragische Held der Stunde, denn er ist der EINZIGE Abgeordnete, der seinem Amtseid nachkommt, den er auf das Grundgesetz geschworen hat.
Sollte Lissabon ratifiziert werden, ist das das Ende des Staates Deutschland und fortan sind wir nur noch eine Provinz der Kommisionsrepublik Europa, das Grundgesetz ist dann das Papier nicht mehr wert auf dem es steht.
Bezeichnend auch, dass die Massenmedien kein Wort darüber verlieren, wo sonnst jeder Reissack in China als Skandal verkauft wird.
Da schreien wir "Free Tibet" und gleichzeitig geben wir mit einem HURRA unser Land, unser Grundgesetz und unsere Souverenität auf.
SirExekutive (23.05.2008, 21:02 Uhr)
@Innenphilister
vielen dank für ihren kommentar!
es tut wirklich gut, zu wissen das es menschen in diesen land gibt, welche nachdenken und die wirklichkeit der wahrheit entsprechend erkennen und dies auch gut formuliert zum ausdruck bringen können
sie sind die stimme nach welcher sich der bürger sehnt.. die zeit für die propagandapresse ist abgelaufen, sofern sie nicht langsam umschwengt
aber systemkritische journalisten werden eh ruck zuck "ausgegliedert"..
zensiert wird nicht mehr von außen, sondern von innen
Robbespierre (23.05.2008, 19:30 Uhr)
Na bitte, geht doch!
Sind die Linken an der Regierung, werden solche EU-Vetragsmachwerke (das Übel steckt im Detail) nicht so einfach durchkommen. Der Beitrag selbst ist aus meiner Sicht ein Kniefall des Stern vor den konservativen Idioten.
Innenphilister (23.05.2008, 19:29 Uhr)
Neue Qualität der Berichterstattung erreicht?
Nach dem INSM-Desaster der Frau Louis werden die üblichen Mainstreammeldungen jetzt sicherheitshalber also nur noch den entsprechenden Agenturen angelastet, und der Erfinder solch "unabhängig-überparteilich-neutral"er Schlagzeilperlen wie "Kniefall" etc. steht nicht mal mehr mit seinem Namen dafür ein?
Bei so wenig Hintergrundberichterstattung, statt dessen dem Recyceln von Agenturmeldungen, angereichert einzig durch gehässige Bemerkungen im Stile des einen oder anderen Springer-Blättchens ist das nicht verwunderlich.
Traurig, lieber Stern. Zum Inhalt selbst braucht man ja gar nicht mehr viel zu sagen, das haben andere hier schon zur Genüge getan: die wirtschaftszentrierte, bürgerrechtsfeindliche EU-Verfassung wird undemokratisch (ohne Volksabstimmung) und in Winkeladvokatmanier (marginale Änderungen, neuer Name) durchgepeitscht, der opportunistische Wowereit beschwert sich, dass er Koalitionsverträge einhalten muss, für die er selbst verantwortlich ist, und pseudochristliche Laut- und Leersprecher meinen auf einmal in der Berliner Landespolitik mitmischen zu müssen, ohne dafür gebührend ausgelacht zu werden.
Dieser Bericht ist nur das: ein Bericht, genauer gesagt, ein Hof-Bericht. Journalismus ist es nicht.
Naja, in einer Zeit, in der jeder Ansatz sozialer Politik alternativ als Kommunismus oder Populismus gegeißelt und Armut als Chance oder gebührende Strafe dargestellt wird, in der "Journalisten" eifrig Think-Tanks und Lobbyorganisationen der Wirtschaftsbosse umschmeicheln und als deren mediale Verstärker fungieren, während vor lauter Effizienz offenbar keine Zeit mehr für seriöse Recherche bleibt, muss man sich wohl daran gewöhnen. Abfinden aber nicht.
Schade, Leute! Trotz Bertelsmann-Gruppe: Ihr wart mal gut...
Pengolodh (23.05.2008, 18:48 Uhr)
Journalismus? Nicht in Deutschland!
Leider schreiben alle größeren Blätter diesen Unsinn voneinander ab, bzw. von denselben Vorgaben derselben Propagandaabteilungen.
Jeder Schüler weiß oder könnte wissen, daß die Vertreter eines Bundeslandes im Bundesrat einheitlich abstimmen müssen, sonst sind alle Stimmen ungültig. Deshalb wird diese Stimmabgabe vorher vereinbart, und wenn in Koalitionen die Partner unterschiedlicher Meinung sind, wird gewöhnlich Stimmenthaltung vereinbart. Das ist in dieser Republik seit Jahrzehnten üblich... bloß wenn es mal eine rot-rote Koalition macht, heult plötzlich alles auf.
Natürlich wissen das auch manche Journalisten, die lügen also bewußt.
Warum manche Kommentatoren diesen "Journalismus" noch unterbieten wollen, indem sie sich auf das Niveau einer schlechteren Bahnhofstoilette begeben, ist damit allein aber noch nicht erklärt, geschweigen denn entschuldigt.
German_by_nature (23.05.2008, 18:33 Uhr)
Klar ist Wowereit der devote Part. Bei der Anzahl der
dominanten Kabinettsmitglieder der Linken muss ihm sein P*p* ganz schön weh tun.
Kann hier jemand erklären warum er sich vor soviel Linken auf die Knie begeben hat ... so was kann doch nicht gut gehen
vegefranz (23.05.2008, 18:28 Uhr)
Dominanz der Linken in Berlin
die linke hat hier in Berlin inzwischen eine totale Dominanz. Der TAGESSPIEGEL druckt regelmäßig grosse Interviews, in denen Gelegenheit zur Selbstdarstellung gegeben wird. Kritisches Nachfragen ist null.
CeeTo (23.05.2008, 18:26 Uhr)
-.-
Kann mir mal bitte einer sagen wieso der Reformvertrag nicht verabschiedet werden sollte?
Ich sehe darin hilfreiche Regelungen bezüglich der EU und Vereinheitlichungen des Binnenmarktes.
Das bringt uns allen was.
kaisergarten (23.05.2008, 18:01 Uhr)
...party-wowie...
Ja, ja, der würde für die Macht auch seine Oma verkaufen. Der ist für mich das Sinnbild des Machtgeilen Egomanen.
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