Jörg Asmussen und Jens Weidmann sind seit Jahren enge Weggefährten. Ihr Ziel: den Euro sichern. Inzwischen streiten sie über den besten Weg. Alles nur ein großer Bluff im politischen Machtpoker? Von Peter Ehrlich, Brüssel

Asmussen und Weidmann: "Wir reden miteinander, nicht übereinander"© Frank Rumpenhorst/DPA
Dies ist die Geschichte von zwei Freunden, die sich seit Studienzeiten kennen. Beide sind Familienväter, beide Mitte 40. Der eine geht samstags gern mit Frau und Kindern über den Kollwitzmarkt im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Wenn man Jörg Asmussen auf dem Markt sieht, kann man sicher sein, dass gerade keine geheime Euro-Krisensitzung stattfindet. Der andere heißt Jens Weidmann. Er verbringt die Wochenenden im Rheingau bei seiner Familie, wenn nicht gerade internationale Verpflichtungen rufen. Wenn sie Montag früh wieder in ihren Büros in Frankfurt sitzen, telefonieren sie oft, um sich über die neue Woche auszutauschen.
Beide haben eine gemeinsame Aufgabe. Eine der wichtigsten, die es derzeit in der Bundesrepublik, nein, in ganz Europa gibt: Sie sollen dafür sorgen, dass der Euro stabil bleibt. Nur wie? Seit einigen Wochen geraten Jens Weidmann, der Präsident der Bundesbank, und Jörg Asmussen als Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB) immer häufiger aneinander. Besonders bei der zentralen Frage des geplanten Ankaufs von Staatsanleihen der südlichen Krisenstaaten durch die EZB.
Das sei "wie eine Droge", wettert Weidmann. Einmal angefangen, könne man nicht mehr aufhören. Er sieht dadurch die Stabilität der Währung gefährdet. Asmussen kontert, stellt sich hinter seinen Präsidenten Mario Draghi. Die EZB handele "innerhalb ihres Mandats" und wolle nur dafür sorgen, dass ihre Geldpolitik auch funktioniere.
Aus den Freunden sind Feinde geworden. So scheint es zumindest. Der Streit eskalierte so weit, dass Weidmann überlegt haben soll, seinen Job zu schmeißen. Mit Rücktritt habe er gedroht. Das meldete die "Bild". Ein energisches Dementi der Bundesbank blieb am Freitag aus.
Stimmt die Drohung also? Es wäre nicht der erste Rücktritt, der auf einen Riss zwischen Bundesbank und EZB zurückgeht. Schon Weidmanns Vorgänger Axel Weber war zurückgetreten, weil die EZB seiner Meinung nach hehre Stabilitätsprinzipien verletzt habe. Aus dem gleichen Grund verließ auch Jürgen Stark die EZB, dessen Amt Asmussen übernahm.
Showdown ist an diesem Donnerstag. Dann wird der EZB-Rat über die Bedingungen für weitere Staatsanleihekäufe abstimmen. Die Fronten sind verhärtet. Asmussen und Weidmann werden wohl gegeneinander stimmen. Ist das das Ende der Freundschaft, wie "Bild" bereits spekulierte? "Wir reden miteinander, nicht übereinander", wehrt Asmussen ab.
Zusammen waren sie ein erfolgreiches Team, bewältigten große Herausforderungen. Der parteilose Weidmann war wirtschaftspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Sozialdemokrat Asmussen bis Ende 2011 Staatssekretär im Finanzministerium. Als Spitzenbeamte waren sie bei unzähligen Noteinsätzen dabei - erst zur Finanz-, dann zur Euro-Krise. Ihr Wort hatte Gewicht, sie waren mächtig. Der deutsche Rettungsfonds Soffin ist ihr Kind. Ein Dream-Team. Sie waren die Macher im Hintergrund. Auch wenn sie am Ende das ausführten, was die Kanzlerin wollte.
Schon damals waren beide nicht immer einer Meinung, wie bei der Zwangsverstaatlichung von Banken. Doch das blieb unter der Decke. Manchmal mussten sie unterschiedlicher Meinung sein, etwa wenn Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble nicht das Gleiche wollten. "So funktionieren Ministerialbürokratien", hat Asmussen diese Art von kontrolliertem Streit beschrieben.
Diese Kunst beherrschen beide immer noch. Deshalb glauben Insider in Frankfurt und Berlin auch nicht an einen Bruch. Vielmehr sehen sie in den unterschiedlichen Auftritten eher ein raffiniertes Rollenspiel auf hohem Niveau. "Weidmann und Asmussen spielen sich gegenseitig den währungspolitischen Ball zu. Das Ganze beruht zu etwa einem Drittel auf Improvisation, zu einem Drittel auf politischer Raffinesse und zu einem weiteren Drittel auf echten Gegensätzen in der individuellen Interessenlage und der Selbstwahrnehmung", sagt David Marsh, Autor des Standardwerks "Der Euro".
Der Unterschied zu damals: Heute stehen die beiden im Mittelpunkt, sind nicht mehr nur die Strippenzieher im Hintergrund. Sie sind die Gesichter eines fast drei Jahren dauernden Zerrens über die Verteidigung der Währung - und sie vertreten zwei völlig verschiedene Standpunkte. Zumindest auf den ersten Blick.
Da ist auf der einen Seite die Bundesbank, in deren oberen Rängen viele Hardliner sitzen, die die deutsche Position vertreten. Sie werten die Euro-Rettungsaktionen der letzten Jahre als Verstoß gegen Verträge und Prinzipien. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der "Südländer" in der EZB, die auf die US-Notenbank Fed schielen und deren großzügige Geldpolitik kopieren wollen. Sie wollen, dass die Zinsen auf Staatsanleihen in Spanien und Italien sinken, um den Regierungen das Leben zu erleichtern.
Gefunden in ... ... der Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland"