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21. Juli 2006, 10:33 Uhr

"Das ist eine Demokratie à la Bismarck"

Was hat die EU mit dem Ruhrgebiet gemein? Weshalb hätte die europäische Integration dem eisernen Kanzler gefallen? Weshalb versagen die Gewerkschaften? Im stern.de-Interview beschreibt der Journalist Friedrich Küppersbusch seine Sicht Europas.

Wie hätte er Europa wohl integriert? Reichskanzler Otto von Bismarck, auch in Hamburg in Stein gemeißelt© DPA/Picture-Alliance

Euphorie, Ermüdung oder Ekel. Was für ein Gefühl überkommt Sie, wenn Sie den Begriff Europa hören?

Im beruflichen Kontext: Nackte Quotenangst. Ansonsten Neugier, weil man sich jetzt das, was die deutschen Stämme um 1848 erlebt haben müssen, selber angucken kann - die Staatwerdung eines Gebildes, das eben noch in Fehde miteinander lag.

Europa ist für Sie bereits ein Staat?

Es ist zwar einer der heterogensten Staaten der Welt, aber es ist einer, weil die Menschen Europa längst als Staat benutzen. Da müssen Sie mir mein Vorstrafenregister als Sohn und Insasse des Ruhrgebiets nachsehen. Pro Forma haben wir auch Stadtgrenzen zwischen Dortmund, Bochum, Essen, Castrop und Gelsenkirchen. Aber natürlich gehen wir in Bochum ins Theater, in Essen in die Gruga-Halle, in Dortmund ins Fußballstadion und Geld verbrennen wir in Düsseldorf. Obwohl wir darauf bestehen, dass sich ein Dortmunder mit einem Gelsenkirchener nicht gleichzeitig in einem Universum aufhalten kann, benutzen wir das Ruhrgebiet wie eine Stadt. Zumindest die besser Begüterten, zu denen ich die Deutschen in diesem Kontext zähle, machen das mit Europa genauso. Sie benutzen Europa als einen Staat, in dem sie herumreisen können, wie sie lustig sind, in dem sie Freunde haben können, wie sie lustig sind, in dem sie Geschäfte machen können, wie sie lustig sind, in dem also fundamentale Kriterien einer gemeinsamen Staatlichkeit längst erfüllt sind.

Dortmund? Bochum? Gelsenkirchen? Deutschland wäre dann in dieser Ruhrgebiets-Analogie ...

... am ehesten sind wir noch der Essener Süden - Baldeney, Bredeney, die Ecke. Auch wenn wir das ungern zugeben: Uns geht's nicht wirklich schlecht. Gerade mit Blick auf die Erweiterung leben wir nicht in der Nordstadt Europas.

Sie sind Jahrgang 1961, stammen aus der Nachkriegsgeneration. Was hat Ihnen Europa bisher gebracht?

Frieden. Ich fühle mich von keinem Nachbarn bedroht. Das mit dem Franzosen als Erbfeind, das gibt's bei mir auf der Festplatte einfach nicht. Das Gefühl der Bedrohung muss ich mühsam aus der Geschichte konstruieren.

Europa sei Dank!

Frieden war bei Adenauer und de Gaulle die Zielsetzung der Integration - und bei manchen anderen auch schon viel früher.

Sie gelten als Patriotismus-Skeptiker, Sie haben sich auch von der schwarz-rot-goldenen Fahnenschwingerei distanziert ...

Ich bin nicht einmal ein genesener Alkoholiker, weil ich einfach nie an der Droge gehangen habe. Es gibt in der deutschen Geschichte der letzten 200 Jahre eine glückliche Epoche, und das ist die Zeit von 1949 bis 1989. Es ging uns super, wir lebten im zweitreichsten Staat der Welt. Wir hatten Frieden mit allen. Und wo wir uns bedroht sahen, konnten wir uns, siehe die Nachrüstungsdebatte, einigermaßen wirkungsvoll wehren. Das ging alles ohne Patriotismus. Deshalb werde ich für mich jetzt nicht ein Bedürfnis empfinden, das ich nicht habe.

Wäre ein europäischer Patriotismus die Alternative?

Ich fand es zum Teil erheiternd, dass während der Weltmeisterschaft sofort eine Schwarz-Rot-Gold-Debatte losbrach. Das ist der Versuch, in der Nachspielzeit noch einmal auf Nostalgie zu machen. Im Grunde stand es aber schon zu diesem Zeitpunkt 8:0 für das blaue Banner mit den goldenen Sternen. Aus einer etwas entfernteren Perspektive ist der Drops längst gelutscht. Wir werden das vielleicht befremdlich finden, aber unsere Enkel werden unter der blauen Fahne leben, wenn sie überhaupt noch so einen Lappen brauchen.

Sie haben vorhin das Jahr 1848 erwähnt, als die Nationalversammlung, das erste frei gewählte deutsche Parlament, in der Frankfurter Paulskirche erstmals eine Verfassung erarbeitete - auch im Sinne der national gesinnten Burschenschaften, deren Farben Schwarz-Rot-Gold waren. Die Verfassung scheiterte am Widerstand der Fürsten, und erst unter dem "eisernen Kanzler" Bismarck wurde das Deutsche Reich 1871 von oben begründet. Passiert bei der europäischen Einigung nun dasselbe? Droht ein Coup von oben

Ich bezweifle das. Geschichte wiederholt sich nicht eins-zu-eins. In Deutschland wurde ein ehedem fortschrittliches Ziel am Ende von der Reaktion mit Waffengewalt durchgesetzt. Die Einheit der Nation - Deutschland, einig' Vaterland! - war im 19. Jahrhundert ein fortschrittliches, heute würde man sagen: linkes Ziel. Damit sind die Burschenschaften trotz der Paulskirchenversammlung gescheitert, und Bismarck hat es dann mit dem Schwert umgesetzt, unter Aushebelung des Parlamentarismus. Die europäische Einigung hat nicht so weit "links" angefangen, sie war von Anfang an ein bürgerliches Projekt, das aus dem Antrieb entstanden ist, Krieg zu verhindern. Deshalb müssen wir auch nicht so weit rechts außen landen. Das liberale Bürgertum enthält sich in Europa nicht so lange eines Engagements, bis irgendeine Verführer-Figur auftaucht, die sagt: Ich mach' das jetzt mal, weil ich es einfach geil fände, Europa-Kanzler zu sein. Das wäre die Analogie. Ich möchte nicht, dass es so kommt. Und ich glaube auch nicht, dass es so kommt.

Zur Person

Zur Person Friedrich Küppersbusch, 45, ist Journalist und TV-Produzent. Nach seinem Journalistik-Studium und seinem WDR-Volontariat wurde er in den 90er Jahren vor allem durch seine bissig-scharfzüngige Moderation der ARD-Sendung "ZAK" bekannt." Weniger erfolgreich war später die Sendung "Privatfernsehen". Mittlerweile arbeitet Küppersbusch vor allem hinter den Kulissen. Für N-TV produzierte seine Kölner Firma Probono bis zu diesem März etwa die Talk-Sendung "Maischberger."

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