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"Der Wulff gehört auch zu Deutschland"

Am Abend hat Christian Wulff in Heidelberg die erste Rede nach seinem Rücktritt als Bundespräsident gehalten. Es war nicht leider nicht der Entwurf, den stern.de für ihn aufgesetzt hat.

Eine Satire von Carsten Heidböhmer

  Neun Monate nach seinem Rücktritt als Bundespräsident hält Christian Wulff erstmals wieder eine größere öffentliche Rede. Er spricht in Heidelberg auf Einladung der Hochschule für Jüdische Studien über das Thema "Gesellschaft im Wandel".

Neun Monate nach seinem Rücktritt als Bundespräsident hält Christian Wulff erstmals wieder eine größere öffentliche Rede. Er spricht in Heidelberg auf Einladung der Hochschule für Jüdische Studien über das Thema "Gesellschaft im Wandel".

Meine sehr verehrten Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich bin gerade auf dem Weg zum Emir. Gerne aber habe ich hier, in der Hochschule für Jüdische Studien, kurz haltgemacht, um über ein Thema zu sprechen, das mir persönlich ein innerer ... ääh ..., also, ich möchte über ein Thema sprechen, das mir sehr wichtig ist: Gesellschaft im Wandel.

Wie kein Zweiter habe ich in den letzten Monaten erfahren, was Wandel bedeutet. Aus diesem Grund füge ich noch ein Wort hinzu und spreche zu Ihnen über das Thema "Meine Gesellschaft im Wandel". Denn davon verstehe ich etwas. Schon meine Präsidentschaft stand unter dem heimlichen Motto "Me, myself and I". Während ich Ihnen aber versichern kann, liebe Wählerinnen und Wähler, ganz der Alte geblieben zu sein, hat sich mein Umfeld drastisch gewandelt. Habe ich mich noch bis Anfang des Jahres in oftmals schlechter Gesellschaft aufgehalten, so hat sich seit meinem Rücktritt im Februar vieles geändert. Lassen Sie mich hinzufügen: zum Besseren. Verbrachte ich einstmals meine Tage umgeben von Hofschranzen, Aktenkofferträgern, Günstlingen, Speichelleckern und sogenannten Parteifreunden, so kann ich Ihnen versichern: Meine Abende waren deutlich schlimmer.

Insassenversicherung fürs Bobbycar

Da war dieser aufdringliche Versicherungsvertreter, der immer in Bellevue rumlungerte. Ich erinnere mich kaum noch, ob der einen Schnauzer trug oder nicht. Aber eines ist gewiss: Ständig wollte er mir eine Versicherung andrehen. Mal war es eine Insassenversicherung für das Bobbycar meines Sohnes. Ein anderes Mal war es eine Grundbesitzerhaftpflichtpolice für unser scheußliches Heim in Großburgwedel. Am schlimmsten aber war seine Frau: eine ordinäre und aufdringliche, dralle Blondine. Ständig behauptete sie, Schauspielerin zu sein und faselte was vom Superweib. Das ich nicht lache - da hatte meine Betty doch viel mehr zu bieten als diese Kartoffel!

Sie sehen, mein altes Leben war nicht schön. Der Wandel, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, und das ist die zentrale Botschaft meiner Rede, der Wandel tut gar nicht weh.

Das ist natürlich Kult!

Nett war einzig dieser Produzent, der mich zu Premieren von Filmen mitnahm. "Keinohrhasen" ist der erste und "Zweiohrküken" ist der zweite, nicht? Das ist natürlich Kult! Ärger gab's nur, weil der uns auf diese Nordseeinsel mitnehmen wollte. Zahlen wollte er aber nicht: Das Hotel auf Sylt war dann so sündhaft teuer, dass Betty ihre Mutter um hohe Summen Bargeld anpumpen musste. Denn Sie glauben gar nicht, wie bescheiden ein Bundespräsidentengehalt ist. Bei unserer Freundin Bettina Schausten konnten wir auch nicht absteigen, die wollte 150 Euro haben - für eine Nacht auf ihrer unbequemen Ausziehcouch!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Juden, was ich mit den eben erwähnten Beispielen sagen möchte, ist: Meine Gesellschaft hat sich gewandelt. Denn die oben erwähnten feinen Herrschaften meiden mich seit meinem Rücktritt. So wie ein Schäfer seine Herde vor dem bösen Wolf abschottet, schotten auch sie sich ab. Mehr noch: Die deutsche Gesellschaft als ganze hat sich von mir abgewandt und ist unwillig, mir zu verzeihen. Aber lassen Sie es mich in aller Deutlichkeit sagen: Der Wulff gehört auch zu Deutschland.

Das gilt selbstverständlich auch für meine Frau. Auch wenn sie gerade jetzt am anderen Ende des Raumes steht. Das hat seine Gründe. Ich sage in aller Deutlichkeit: Natürlich sind Bettina und ich ein Team. Ganz bewusst aber stellte ich mich ein Stück weit entfernt, um so zu zeigen: Ich bin eine eigenständige, selbstständige Person.

Es gibt auch andere Gründe: Wenn Sie da sehen, was über meine Frau alles verbreitet wird an Fantasien. Ich frage Sie alle: Wie barmherzig gehen Sie mit den Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um? Wie mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern?

Lassen Sie es mich offen sagen: Für mich und meine Frau ist der Rubikon aber sowas von überschritten. Ich trete deshalb jetzt vom Pult zurück, um den Weg zügig für den nachfolgenden Redner freizumachen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie Sie wissen, sagt Musik mehr als tausend Worte. Das Thema meiner Rede war Gesellschaft im Wandel. Meine Freunde von den Scorpions haben mit "Wind of Change" den ultimativen Song dazu geschrieben. Lassen Sie mich deswegen an dieser Stelle abbrechen und abschließend ein paar Takte pfeifen.

Den Rest meiner Rede können Sie auf der Mailbox von Kai Diekmann nachhören.

Gott schütze unser Land.

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