Heute berät der Bundestag über die Gesundheitsreform. Doch was bedeutet die neue Kopfpauschale für die Bürger? Steigen oder sinken die Kosten für Medikamente? Ein Gespräch mit Ulla Schmidt, einst dienstälteste Gesundheitsministerin Europas.
Schon. Aber ich bin auch viel unterwegs, in meinem Wahlkreis und an der Basis. Ich habe neue Aufgabenfelder, aber ich bin häufig noch im Feld der Gesundheitspolitik unterwegs. Es ist ja nicht so, als hätte mein Interesse an diesem Thema nachgelassen.
Das ist, kurz gesagt, der massivste Angriff auf unser Solidarsystem, den es in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Die Kosten für den Anstieg der Ausgaben im Gesundheitswesen müssen künftig allein die Versicherten tragen, und zwar über eine Kopfpauschale, die Gutverdiener entlastet und Normalverdiener belastet. Das macht mich zornig.
In den nächsten drei Jahren werden das Preismoratorium und der festgelegte Herstellerrabatt die Kosten für Pharmazeutika etwas dämpfen. Langfristig jedoch wird das genaue Gegenteil eintreten. Denn die Möglichkeiten der Gesetzlichen Kassen, Rabatte auf Medikamente auszuhandeln, wurden gleichzeitig eingeschränkt.
Ja.
Die Privaten Krankenkassen zählen zu den Gewinnern der jetzigen Reform. Das ist auch kein Wunder. Immerhin hat der ehemalige Cheflobbyist der Privaten Krankenkassen, Christian Weber, nun die Federführung in der Grundsatzabteilung des Bundesgesundheitsministeriums. Und es ist doch auch alles gesagt, wenn man weiß, dass FDP-Mitglieder Sonderkonditionen bei der PKV haben.
Moment: Mit der SPD existiert ein solcher Vertrag nicht. Und man sollte meinen, dass die FDP, spätestens als sie in der Regierungsverantwortung angekommen ist, solche Vergünstigungen von sich aus ablehnt. Hat sie aber offensichtlich nicht getan. Als ihr das im Bundestag zum Vorwurf gemacht wurde, hat sie das einfach unwidersprochen hingenommen.
Sozialausgleich? Es wird immer davon geredet, dass zwei Prozent des Einkommens die Höchstbelastung seien. Erstens: Zwei Prozent sind schon viel. Wenn ich 2000 Euro Brutto verdiene, wird mir zugemutet, dass ich 40 Euro im Monat zusätzlich zahlen kann. Das ist viel Geld für Familien, die von diesem Verdienst leben müssen.
Ob ein Sozialausgleich gezahlt wird, hängt davon ab, wie hoch der durchschnittliche Zusatzbeitrag ausfällt. Die genaue Summe legt das Bundesministerium für Gesundheit fest. Das bedeutet: Muss der Familienvater, der 2000 Euro Brutto verdient 60 Euro Zusatzbeitrag bezahlen, weil seine Krankenkasse das so will, bekommt er gar nichts, wenn der vom Ministerium festgesetzte Durchschnittsbeitrag nur 35 Euro beträgt. Denn diese festgesetzten 35 Euro überschreiten ja nicht die Zwei-Prozent-Grenze.
Ich setze darauf, dass die Diskussion so breit geführt wird, dass das Gesetz in dieser Form nicht durchkommt. Und ich setze natürlich auf andere Mehrheiten nach der Bundestagswahl.
Vor einem Jahr hätte uns niemand zugetraut, dass wir jetzt in einigen Umfragen schon wieder bei 30 Prozent sind. Die SPD ist noch nicht da, wo sie hin will, aber sie ist im Aufwind. Wir kommen wieder mit den Wählern, die sich von uns abgewendet hatten, stärker ins Gespräch, das Führungstrio hat sich bewährt.
Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles natürlich.
Peer Steinbrück ist ein hoch anerkannter Politiker mit hohen Verdiensten für die Partei. Er ist nur nicht Teil des gewählten Trios.
Naja, es ist schon anders. Als Ministerin ist der Terminkalender randvoll, jede Minute ist verplant, von früh bis spät. Am Anfang kam es mir richtig spät vor, wenn ich erst mal um 9 Uhr ins Büro kam. Inzwischen habe ich mich eingewöhnt und mir neue Aufgabenfelder in der Politik gesucht: Kunst, Kultur, Medien und natürlich die Aachener Region.
Kommt schon noch.
[Lacht] Machen Sie sich keine Sorgen. Ich arbeite gern. Und mir geht es gut.