Im Frühjahr ist Oswald Metzger von den Grünen zur CDU gewechselt. Nächste Woche will er sich in seiner Heimat Oberschwaben zum Kandidaten für die Bundestagswahl küren lassen. Doch die neuen Parteifreunde fremdeln noch mit dem Überläufer. Von Nikolai Fichtner, Biberach

Der frühere Grünen-Politiker Oswald Metzger war im November 2007 aus der Partei ausgetreten© Thomas Kienzle/AP
Josef Rief hat sich schnell noch geduscht und umgezogen. Er trägt jetzt ein gelbes Hemd zur schwarzen Hose, die Haare mit den grauen Strähnen hat er nach hinten gebürstet. Die Nacht war kurz. Er ist früh raus wie immer, in den Stall nach den Schweinen schauen, füttern und misten. Aber in Arbeitskleidung über Politik reden, das wollte der 48-Jährige nicht. Josef Rief ist Landwirt und Kreisvorsitzender der CDU Biberach. Unter normalen Umständen wäre er sicher der Kandidat seiner Partei für den Bundestag. Doch seit drei Monaten sind die Umstände in der Biberacher CDU nicht mehr normal. Da verkündete Oswald Metzger, der es als Grünen-Finanzpolitiker in die Talkshows schaffte, er wolle in die CDU eintreten und sich gleich dazu um das Bundestagsmandat bewerben. Das hat die Karriereplanung von Josef Rief ganz schön durcheinandergebracht.
In Biberach könnte man auch einen Sack Kohle zur Wahl stellen, Hauptsache schwarz, sagt man. Es ist ein Wahlkreis, in dem auf jedem Berg ein Kirchturm und in jedem Tal die Fabrik eines Weltmarktführers steht. Liebherr und Boehringer Ingelheim haben Oberschwaben reich gemacht. In der Biberacher CDU finden sie, dass der Rest des Landes sich einiges von ihnen abschauen könnte.
13-mal stellen sich Rief, Metzger und die drei anderen Kandidaten für das Bundestagsmandat gemeinsam den Ortsverbänden vor, tingeln vom Kurhaus in Bad Wurzach bis zur Pizzeria Räuberhöhle in Schemmerhofen. Am Mittwoch treten sie in Biberach auf, in der Stadthalle. Es ist derselbe Ort, an dem nächsten Dienstag die 1700 Parteimitglieder über sie abstimmen werden. Eine Prognose traut sich derzeit keiner zu in der Baden-Württemberger CDU.
Im Esszimmer der Riefs hängt ein Kruzifix an der Wand, der Tisch bietet Platz für eine Großfamilie. Einmal schlägt Rief mit seiner Hand auf die Wachstischdecke, dann schnippt er die tote Fliege vom Tisch. "Das ist der Stall, da kann man nichts machen." Rief ist in diesem Haus aufgewachsen, 500 Meter außerhalb von Kirchberg an der Iller. Den Hof hat er vom Vater übernommen, genauso wie die Mitgliedschaft in der CDU. Mit 18 ist Rief in die Junge Union eingetreten. Seine Frau hat er in der CDU kennengelernt. Mit 39 wurde er Kreisvorsitzender. "Ich war immer ehrgeizig", sagt Rief. "Als Kreisvorsitzender hast du immer die Option Bundestag. Wenn du die Arbeit hier machst, ist das logisch." Es passt nicht in sein Weltbild, dass einer 30 Jahre für die Partei schuftet und dann ein anderer in den Bundestag geht. Und noch dazu so einer.
Als Oswald Metzger im März in die CDU wollte, hat Rief sich gewundert, sagt er. Eigentlich mag er nicht über Mitbewerber reden, nur so viel: "Ich kenne Herrn Metzger seit 30 Jahren, er hat damals bös gegen die CDU geackert." Große Unterschiede seien da deutlich geworden, "gerade im Bereich Werte, Abtreibung, Cannabis, mein lieber Scholli". Mehr will er nicht sagen. "Er ist ja jetzt mein Parteifreund." Es ist das einzige Mal, dass Rief lacht an diesem Vormittag. Wenn man in der Biberacher CDU sagt, man kenne Metzger seit 30 Jahren, dann ist das kein Ausdruck von Verbundenheit. Niemand hat die Vorgeschichte vergessen, die Zeit des Kulturkampfs in Biberach.
Metzger war 23 Jahre alt, als er 1977 mit Freunden aus dem Jugendhaus in Bad Schussenried ein "radikal-demokratisches Alternativ-Blättle" herausgab, den "Motzer", Auflage 2000 Stück. In Ausgabe vier schrieb Metzger mit Schreibmaschine auf rosa Papier über die gesellschaftlichen Folgen der Schleyer-Entführung, "die fallen gelassenen Masken der rechten, der reaktionären und konservativen Politiker", über Hexenjagd und kollektive Denunziation. Der CDU-Landrat fluchte schwäbisch-deftig über diese "Grandsauerei" und beschloss, die Zuschüsse für das Jugendhaus zu streichen. So wurde Metzger Politiker: kurz bei der SPD, lange bei den Grünen. Jetzt bei der CDU. Für Konservative war es schon schlimm genug, dass mit Joschka Fischer ein Steinewerfer Außenminister werden konnte. Aber ein Motzer als Parteifreund?
Mehr als ein Dutzend Wahlkämpfe hat Metzger gegen die CDU geführt, 2005 hat er sogar 14 Prozent der Erststimmen bekommen, als Grüner. Jedes Mal hat er auf dem Biberacher Marktplatz gestanden und geworben, zwischen den Patrizierhäusern mit ihren spitzen Giebeln. Jetzt ist er wieder hier, weißes Leinenhemd, dunkler Anzug, und erzählt von seiner bisher ungewöhnlichsten Bewerbung. "Der Wahlkampf läuft glänzend", sagt Metzger. Seine Chancen schätzt er auf 50 Prozent. "Es kommt am 1. Juli auf die Tagesform an." In der CDU-Landesspitze glauben sie nicht daran, dass Metzger mehr als 25 Prozent der Stimmen bekommen wird.
Metzger hat sich die Dinge so zurechtgelegt, dass sie ihm Hoffnung geben: "Die Leute sagen, wir brauchen keinen Hinterbänkler in Berlin." Das geht gegen Rief und spricht für ihn. "Die Union hätte einen Friedrich Merz dringend nötig." Die Rolle würde er gern übernehmen. Schon als Grüner im Bundestag hat Metzger für mehr Marktwirtschaft und weniger Staat gestritten. Seit seinem Rückzug aus dem Parlament verdient er mit diesen Reden sein Geld, bei Verbänden, Unternehmen, Parteien. "Publizist" nennt er sich. Pro Monat hält Metzger rund zehn Vorträge. Sein Standardhonorar ist 3500 Euro, netto. Für Oberschwaben bietet er einen Regionaltarif an, zum halben Preis. Es läuft gut. 2008 dürfte sein bisher bestes Einkommensjahr werden, sagt Metzger. Der Marktwert steigt. Aber wie lange noch? Was, wenn er durchfällt bei der CDU?
Bisher hatte Metzger alles unter Kontrolle. Im Herbst entschied er sich, bei den Grünen auszutreten, weil sie ihm zu weit nach links gerückt waren. Kurz nach Ostern verkündete er auf einer Pressekonferenz, warum er sich für die CDU entschieden habe. Es war der nachrichtenärmste Tag des Jahres, die Zeitungen waren bundesweit voll mit Metzger. Doch mit der Kontrolle ist es vorbei. Jetzt kann er nur noch werben. Einen wird er nicht überzeugen: den Mann, den er beerben möchte. Franz Romer saß 18 Jahre lang im Bundestag, Arbeitnehmerflügel, ein stattlicher Mann. In Berlin hat man wenig von ihm gehört, in Biberach kennt ihn jeder. "Der Metzger soll mitarbeiten in der Partei, aber nicht als mein Nachfolger", sagt er.