"Lance wird zurückschlagen"

22. Oktober 2012, 19:30 Uhr

Der ehemalige Radprofi Tyler Hamilton rechnet im neuen Jahr mit einer Offensive von Lance Armstrong, dem seine sieben Tour de France-Siege wegen mutmaßlichen Dopings aberkannt wurden.

Der Radsport-Weltverband UCI ist erwartungsgemäß dem Strafmaß der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada gefolgt und hat Lance Armstrong seine durch Doping erschummelten Tour-Siege aberkannt. Rückt jetzt etwa Jan Ullrich als Sieger nach? Wie geht es mit Armstrongs Stiftung weiter? Und: Ist der Amerikaner jetzt finanziell am Ende?

Was genau steht eigentlich im Abschlussbericht der Usada, der Lance Armstrong so schwer unter Druck gesetzt hat?

Die mehr als 1000-seitigen Usada-Akten sind seit einer Woche für die Öffentlichkeit einsehbar. Der Bericht skizziert die unglaublichen Strukturen des Dopingsystems Lance Armstrong. Der ehemalige Radprofi wird als besessener Egomane beschrieben, der für seine Siege selbst langjährige Mannschaftskollegen aus dem US-Postal-Team mit brutalen Methoden unter Druck gesetzt hat. Das Dossier belegt nicht nur Armstrongs Besitz und Gebrauch von Epo, Bluttransfusionen, Testosteron, Steroid- und Wachstumshormonen sowie maskierenden Substanzen, sondern auch Dopinghandel und Versorgung von anderen Fahrern.

Wird Jan Ullrich für seine drei zweiten Plätze hinter Armstrong bei der Frankreich-Rundfahrt nachträglich zum Sieger erklärt?

Davon ist nicht auszugehen, auch wenn UCI-Chef Pat McQuaid dazu bei der Urteilsverkündung am Montag in Genf nichts sagen wollte. Ende der Woche wissen wir wohl mehr. Auf einer Sondersitzung des Weltverbandes soll dann darüber beraten werden, ob die sieben aberkannten Titel neu vergeben werden. Tour-Chef Christian Prudhomme hatte allerdings bereits vor dem UCI-Urteil angekündigt, dass es entgegen der bisherigen Regelungen keine Neuverteilung der Siege geben werde. Die Armstrong-Ära soll stattdessen als schwarzes Loch in die Geschichte der Tour de France eingehen. Abgesehen davon: Auch gegen Jan Ullrich und andere Fahrer aus dem ehemaligen Team Telekom/T-Mobile wurde staatsanwaltschaftlich wegen Dopings ermittelt. Ullrich, der weiter schweigt, wendete das drohende Verfahren jedoch durch Zahlung von hohen Geldbeträgen für wohltätige Zwecke ab. Derzeit bemüht sich die deutsche Anti-Doping-Agentur Nada um die Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaft Freiburg über nachgewiesenes Doping durch damalige Teamärzte in der Universitätsklinik Freiburg.

Was passiert eigentlich mit Armstrongs Siegprämien?

Allein für seine Tour-de-France-Siege kassierte der Texaner in seinen sieben Erfolgsjahren nach Schätzungen der Sportzeitung "L'Equipe" insgesamt rund 3,5 Millionen Euro. Traditionell lassen die Gewinner der Frankreich-Rundfahrt das Geld in die Mannschaftskasse wandern. Es wird aufgeteilt zwischen allen Tour-Startern des Teams und den Betreuern. Armstrong hat sich an diese Abmachung immer gehalten. Trotzdem wird er wohl nicht drum herum kommen, das Preisgeld in voller Höhe zurückzuzahlen. Denn das Reglement der UCI ist eindeutig: Wenn einem Fahrer der Platz aberkannt wird, der Geld einbringt, muss er (das Preisgeld) zurückzahlen.

Was für finanzielle Konsequenzen hat das UCI-Urteil für Armstrong?

Armstrong wird wohl niemals richtig verarmen. Dafür hat er als langjähriger Werbemillionär zu viel Geld eingenommen. Aber ein mittleres finanzielles Desaster steht ihm doch ins Haus. Nachdem schon vergangene Woche zahlreiche Sponsoren, darunter Nike, abgesprungen sind, kommt immer mehr Unheil auf den 41-Jährigen zu. Auch Brillenhersteller Oakley beendet die Zusammenarbeit. Armstrongs Anwalt Tim Herman betonte allerdings, dass es seitens der Sponsoren bisher keine Rückzahlungsforderung der Gelder gegeben hat. "Ich habe nichts gehört und erwarte es auch nicht", sagte Herman. Allerdings kommen Rückforderungen aus anderer Richtung: Nach Armstrongs fünftem Toursieg hatte die Versicherungsfirma SCA fünf Millionen Dollar an den Ex-Radprofi überweisen müssen. Geld, das das Unternehmen bereits nach ersten Dopinganschuldigungen gegen Armstrong zurückgefordert hatte. Der Versicherer verlor jedoch den Prozess, nachdem der Texaner geschworen hatte, nie leistungssteigernde Substanzen genommen zu haben. Jetzt erwägt SCA eine Rückforderung von zwölf Millionen Euro. Soviel hat die Versicherung eigenen Angaben zufolge Lance Armstrong während dessen Karriere überwiesen. "Herr Armstrong ist nicht länger offizieller Gewinner irgendeines Tour-de-France-Rennens und als Ergebnis ist es unangemessen und unzulässig von ihm, jegliche Bonuszahlungen von SCA zu behalten", teilte SCA-Anwalt Jeffrey Dorough mit. Auch zahlreiche Medienhäuser, die in juristischen Streitereien gegen Armstrong das Nachsehen hatten, haben Klagen in Millionenhöhen angekündigt.

Wird Armstrong jetzt ein Geständnis ablegen? Und was passiert eigentlich mit seiner Krebsstiftung Livestrong?

Von einer Beichte ist nicht auszugehen, obwohl einige ehemalige Mitstreiter Armstrongs, wie Usada-Kronzeuge Tyler Hamilton, das erwarten. Der 41-Jährige schwieg auch am Wochenende. In einer Rede zur 15-jährigen Jubiläumsgala seiner Stiftung streifte er das Thema lediglich am Rande: "Das waren schwierige Wochen für mich, meine Familie, meine Freunde und die Stiftung." Seinen zahrleichen Anhängern, die ihn mit langen Ovationen feierten, rief Armstrong am Ende seiner Rede zu: "Lassen wir es heute Nacht ordentlich krachen!"

Den Vorsitz bei Livestrong hatte Armstrong schon vergangene Woche niedergelegt. "Diese Organisation und ihre Mission liegen mir sehr am Herzen. Um negative Auswirkungen für die Stiftung auszuschließen, werde ich nicht mehr als Chairman arbeiten", erklärte er. Livestrong solle sich auf seine Mission konzentrieren können und nicht von den Problemen des Gründers beeinträchtigt werden, so Armstrong weiter. Die Stiftung wird also weiter existieren. Und der 41-Jährige wird auch weiter im 15-köpfigen Aufsichtsrat vertreten sein, seine Aufgaben als Chairman übernimmt der bisherige Vize Jeff Garvey.

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