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14. März 2008, 13:45 Uhr

57 Jahre Arbeit, 57 Jahre Sorge

Natürlich trägt er Hut, Mantel, Jackett, Krawatte - ein stattlicher Mann, nein: ein Herr. Dass der Termin nicht, wie ursprünglich geplant, eine ganze Stunde dauert, erfreut ihn: "Das ist ein Geschenk an Zeit." Hans-Jochen Vogel, 82, ist beschäftigt, natürlich mit der SPD. Begegnung mit einer lebenden Legende. Von Lutz Kinkel

Hans-Jochen Vogel beim SPD-Parteitag 2007 in Hamburg© Krafft Angerer/Getty Images

Lebende Legende? Diese Bezeichnung lehnt Hans-Jochen Vogel strikt ab. Er will keine Legende sein, er will sich nicht über andere erheben. Er ist: Organisator, Sachwalter, Vernunftsmensch. "Was ist gegen Klarsicht eigentlich zu sagen? Gorbatschow wird noch heute für Glasnost gerühmt", sagt er, als ich ihn auf seine - mittlerweile legendäre - Vorliebe für Klarsichthüllen anspreche. Einer wie er fehlt in der SPD. In einer Partei, in der der Chef links abbiegt und seine Stellvertreter rechts blinken. In der sich jeden Tag ein chaotisches Stimmengewirr erhebt. In der alles abschmiert, auch die alte SPD-Hochburg Hessen.

Hans-Jochen Vogel, 82, kennt sie alle. Er war auch alles. SPD-Fraktionsvorsitzender, SPD-Parteivorsitzender, SPD-Kanzlerkandidat. Einem Oskar Lafontaine hat er nichts verziehen. Allein die Nennung seines Namens reicht, um Vogel in emotionalen Aufruhr zu bringen. Seine Muskeln spannen sich, er rückt näher an den Tisch, seine Gestik greift aus. "Ich kenne zwei Lafontaines", donnert er. Den Hoffnungsträger, der als saarländischer Ministerpräsident und Parteivorsitzender die Sozialdemokratie beglückt hat. Und den Abtrünnigen, der den Parteivorsitz "wegwirft wie einen alten Anzug". Lafontaine ist für Vogel eine bittere Enttäuschung. Und eine politische Gefahr für die SPD.

Vorsicht mit der Linkspartei

Man muss genau hinhören. Vogel sagt nicht, dass er Kurt Becks Öffnung zur Linkspartei für richtig hält. Er sagt, dass er es für richtig hält, dass die Landesverbände über mögliche Koalitionen entscheiden sollen. Aber nicht ohne die Mahnung hinterher zu schieben, dass die Linkspartei ein politischer Gegner sei und man die regionalen Hühnerhaufen der Linken genau inspizieren müsse. Natürlich kleidet er seine Abscheu in sachlichere Worte. Hans-Jochen Vogel verkörpert eine Form von Würde und Distanz, die ihm verbale Ausfälligkeiten verbieten. Die Krawatte sitzt korrekt.

Die SPD und ihr Vorsitzender Kurt Beck sind im Keller, die Umfragewerte müffeln schon, so schlecht sind sie. Aber Hans-Jochen Vogel wehrt ab. Er habe 57 Jahre für die Partei gearbeitet. Und 57 Jahre Sorge gehabt. Will heißen: Kinder! Beruhigt Euch! Ich habe noch den Krieg erlebt. Eine kritische Anmerkung zu den Medien, auch zum stern, mag sich Vogel nicht verkneifen. Aus seiner Sicht resultiert die negative Wahrnehmung der SPD auch aus der negativen Presse. Die Frage, wer nun wofür verantwortlich ist, die Presse für das schlechte Bild der SPD oder umgekehrt, lässt Vogel offen. Er ist ein alter Fahrensmann.

Kein Handy, kein Internet

Ich frage ihn, nicht ohne sanfte Ironie, ob er manchmal mit Helmut Schmidt zusammensitze und denke: Kollegen vom SPD-Parteivorstand, das können wir besser. Wir müssen noch mal ran! Vogel überhört die Ironie, dafür ist er zu selbstbewusst, auch mit 82 Jahren. Er könne nicht die "Feuerwehr" für die SPD spielen, sagt er, das sollten nun andere machen. Er scheint es eher zu genießen, sich nicht mehr in der Machtmaschine verschleißen zu müssen. Vogel wirkt gelöst, er hat eine gesunde Gesichtsfarbe, er wohnt in einem bayerischen Altersheim, in das er freiwillig gezogen ist.

"Wo erscheint dieses Interview", will er nach dem Gespräch wissen. Auf stern.de, der Homepage des stern. Er müsse nur … "Ich habe keinen Internetanschluss", sagt Vogel. Ein Handy übrigens auch nicht. "Das lenkt doch nur ab." Die Klarsichthülle tut das nicht, zweifellos. In meiner liegt die ausgedruckte Biographie eines Politikers, dessen Typus nicht mehr in Mode ist. Und der deshalb so dringend gebraucht wird.

Von Lutz Kinkel
 
 
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