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Wohin mit dem Atommüll?

Die CDU will die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängern. Doch niemand weiß, wohin mit dem strahlenden Müll. Preisfrage: Welche Region zieht die A-Karte? Ein stern.de-Interview mit Energie-Experte Michael Sailer.

Herr Sailer, die große Koalition streitet über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke. Aber wenn wir über den Strahlenmüll reden, ist es doch wurscht, ob die Meiler nur noch wie geplant 13 oder vielleicht doch 20 Jahre lang weiter laufen – ein Endlager muss in jedem Fall her, oder?

Wir brauchen ein Endlager, ganz klar. Aber die Laufzeiten sind nicht völlig egal, weil bei längeren Laufzeiten auch mehr Atommüll produziert würde. Richtig ist, dass das Gros des Mülls längst angefallen ist. Es wurden in Deutschland ja allein schon 18 Reaktoren stillgelegt. Die abgebrannten Brennelemente aus den derzeit laufenden Atomkraftwerken wurden zum Teil zu Wiederaufbereitungsanlagen in Frankreich und Großbritannien gebracht. Von dort kommen in den nächsten Jahren einige Dutzend Castoren mit Abfällen wieder zu uns zurück. Irgendwo muss dieser Abfall untergebracht werden.

Atommüll ist bereits vor 40 Jahren entstanden, die Zwischenlager in Deutschland werden aber derzeit nur für 40 Jahre genehmigt. Was passiert mit dem radioaktiven Abfall in den Fässern und Castoren nach dieser Frist?

Keiner weiß es genau. Es gibt keine Langzeiterfahrung. Zwar sind die deutschen Energieversorger verpflichtet, regelmäßig den Zustand der Lager und der Behälter zu überprüfen. Aber immer noch wird gestritten, wie gründlich sie das tun müssen. Das Nachschauen hat zum Beispiel im Zwischenlager Karlsruhe, wo schwachradioaktive Abfälle lagern, immer wieder zu umfangreichen Umpackaktionen geführt - die auch sehr teuer sind.

Und im Versuchsendlager "Asse II" bei Braunschweig, einem alten Salzbergwerk, hat einsickerndes Wasser offenbar Cäsium aus maroden Abfallfässern geschwemmt. Wie soll es nun weitergehen? Wolfram König, der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, sagt, es dauere mindestens 15 Jahre von der Standortwahl bis zur Inbetriebnahme eines Endlagers. Und das sei ein optimistisches Szenario.

In der Tat. Beim Schacht Konrad in Salzgitter, der jetzt für die Endlagerung für mittel- und schwachradioaktiven Müll ausgebaut wird, wird es von der Entscheidung 1982 bis zur Inbetriebnahme 2013 um die 30 Jahre dauern. Man braucht also über fünf bis sieben Legislaturperioden Planungssicherheit, um ein Endlager zu bauen. Das ist das Problem. Bisher mochte noch keine einzige Regierung, übrigens egal welcher Couleur, so weit vorausschauen.

Das zeigt auch der Streit um Gorleben.

Das Moratorium für Gorleben, das Rot-Grün im Jahr 2000 für höchstens zehn Jahre in Kraft gesetzt hat, dauert unter Schwarz-Rot immer noch an. In dieser Zeit darf Gorleben nicht weiter erkundet werden. Bloß werden auch keine anderen Standorte erforscht. Für die Unionsparteien steht Gorleben irgendwie fest, wohl eher aus politischen denn aus wissenschaftlichen, sozio-ökonomischen oder sicherheitstechnischen Gründen heraus. Die SPD möchte eigentlich eine neue freie Standortsuche, setzt sie aber nicht durch.

In einem Endlager soll der radioaktive Müll in einem unterirdischen Gestein verschwinden und für eine Million Jahre sicher verschlossen sein. Gibt es Alternativszenarien?

In Frankreich und einigen anderen Ländern wurde oder wird über die langfristige oberirdische Zwischenlagerung nachgedacht, über Zeiträume von 80 oder 100 Jahren. Aber davor warne ich. Denken Sie sich nur mal in Jahr 1908 zurück und was seitdem alles in Deutschland passiert ist.

Zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, ein kalter Krieg, Terrorzellen in Hamburg. Sie meinen, es ist zu gefährlich, soweit in die Zukunft zu planen?

Jedenfalls würden wir unseren Nachkommen enorm hohe Risiken und Kosten aufbürden. Die kann man gar nicht abschätzen. Zwischenlager müssen immer überwacht werden, nicht nur technisch. Stellen Sie sich mal vor, was wäre, wenn das Zeug in falsche Hände geriete!

Die Franzosen, aber auch manche deutsche Politiker hoffen darauf, das Problem bald mittels Hightech lösen zu können, durch "Transmutation". Dabei soll, vereinfacht gesagt, der Strahlenmüll physisch und chemisch so behandelt werden, dass er vielleicht nur noch fünf Jahre strahlt und dann unschädlich ist.

Transmutation ist ein schönes Märchen für Nichtingenieure. Sie ist technisch überhaupt noch nicht realisierbar. Darum forschen die Franzosen zwar weiter auf diesem Gebiet, haben aber der Endlagerung vor zwei Jahren die höchste Priorität eingeräumt. Denn unterschlagen wird beim Schwärmen von der Transmutation häufig, dass auch da hochradioaktiver Restmüll übrig bliebe. Es bleibt also dabei: Wir kommen nicht um sichere Endlagerstätten herum.

Das Bundesumweltministerium spekuliert in einem Papier auf die technischen Fähigkeiten künftiger Generationen. Sie könnten den Müll vielleicht doch umwandeln oder unschädlich machen. Deswegen soll das mögliche Endlager so konzipiert werden, dass der Müll "rückholbar" ist. Was bedeutet das für die Sicherheit?

Ich halte den Vorschlag, eine "Rückholbarkeit" zu ermöglichen, für wenig sinnvoll. Denn man könnte das Bergwerk nicht optimal verschließen, die Sicherheit wäre gefährdet. Klug ist, genau zu dokumentieren, was wo und wie eingelagert wird. Künftige Generationen, die die Fähigkeit haben, Müll umzuwandeln, haben sicherlich auch die Fähigkeit, Müll aus einem gesicherten Endlager zu bergen.

Interview: Dorit Kowitz
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