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Interview

"Das Risiko, durch einen Anschlag zu sterben, ist weitaus geringer als im Haushalt"

Sicherheitsexperte Stefan Kaufmann sprach mit dem stern darüber, warum Terroristen immer wieder öffentliche Verkehrsmittel angreifen, ob israelische Verhältnisse drohen, und er wagte eine Prognose für die Zukunft.

Das zerstörte Flughafengebäude Zevantem

Geborstene Scheiben am Terminal: das zerstörte Flughafengebäude in Brüssel

Professor Kaufmann, warum greifen Terroristen immer wieder öffentliche Verkehrsmittel an, warum Flughäfen?

Terrorismus ist eine Form von Kommunikationsstrategie. Anschläge dienen nicht nur dazu, möglichst viele Menschen zu töten und großen materiellen Schaden anzurichten. Vielmehr geht es auch immer darum, möglichst traumatische Bilder zu erzeugen und über diese auf die Öffentlichkeit zu wirken. Damit sollen sowohl neue Anhänger rekrutiert als auch Schrecken verbreitet werden. Zudem muss man den Kontext etwas weiter ziehen: Als prominente Anschlagsziele gelten "kritische Infrastrukturen". Dieser Begriff ist Ende der 90er Jahre in der Sicherheitsdiskussion aufgetaucht. Dabei geht es um die Idee, dass moderne Gesellschaften auf Vernetzungen angewiesen sind und dass der Reichtum, die Modernität, die Globalität von solchen Netzwerken abhängen. Zugleich aber wird dadurch eine generelle Verwundbarkeit von modernen Gesellschaften erzeugt. Denn wenn man diese Netzwerke lahmlegt – und dazu gehören neben den Verkehrsinfrastrukturen unter anderen auch die Informations- und Energie-Infrastrukturen –, dann lähmt man in weiten Teilen das ganze moderne Leben.

  Prof. Dr. Stefan Kaufmann lehrt am Institut für Soziologie der Universität Freiburg und leitet eine Forschergruppe am Centre for Security and Society. Außerdem ist er Gutachter im Bereich Sicherheitsforschung - unter anderem für das Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung - und hat mehrere Anthologien zum Thema zivile Sicherheit veröffentlicht.

Prof. Dr. Stefan Kaufmann lehrt am Institut für Soziologie der Universität Freiburg und leitet eine Forschergruppe am Centre for Security and Society. Außerdem ist er Gutachter im Bereich Sicherheitsforschung - unter anderem für das Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung - und hat mehrere Anthologien zum Thema zivile Sicherheit veröffentlicht.

Neben rationalen Logiken wie diesen gibt es auch so etwas wie Tradition beziehungsweise Imitation, die oft unreflektiert funktioniert. Die Idee, das moderne Leben anzugreifen, indem man Infrastrukturen zerstört, stammt aus dem Luftkrieg. In den 20er-, 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde erstmals darüber nachgedacht, und danach wurde diese Strategie systematisch aufgebaut.

Wie lange können wir so weiterleben wie bisher? Oder kommen nun israelische Verhältnisse auf uns zu, das heißt, Sicherheitsschranken wie am Flughafen, wenn man in die Bahn steigen will, Personenkontrollen ...

Das ist schwer einzuschätzen. Das hängt auch von internationalen Entwicklungen ab und insbesondere davon, ob es neue Anschläge gibt.

Davon gehen die meisten aus.
Das tun sie. Aber wir haben in der Vergangenheit immer wieder Wellen von Terrorismus erlebt, die dann auch wieder abgeebbt sind. Selbst die Bedrohung durch al Kaida für Europa scheint inzwischen deutlich reduziert. Dennoch deutet in den gegenwärtigen Konstellationen einiges darauf hin, dass wir in den kommenden Jahren damit leben müssen. Aber wie das in 10, 15 Jahren aussieht, wissen wir nicht. Es kann sich auch wieder wenden. Aber eine "Israelisierung der Verhältnisse", wie Sie es nennen, ist sicher das erste, woran man denken wird. Die Frage ist, ob es durchführbar und durchhaltbar ist. In Frankreich ist der Personenverkehr mit den TGV-Zügen von der Infrastruktur her so aufgebaut, dass es denkbar ist, diesen ähnlich zu regeln wie den Flugverkehr. Das ist bei der deutschen Bahn kaum vorstellbar. Die Taktung, die Passagierdichte macht es schier unmöglich.

Also was tun?

Es wird auf jeden Fall stark an technischen Lösungen gearbeitet. Man kann von einer Art "Härtung" der Infrastruktur sprechen, oder auch Resilienz. Einerseits wird die Kontroll- und Überwachungstechnologie verstärkt. Andererseits gibt es auch bautechnische Verstärkungen wie zum Beispiel splitterfestes Glas an öffentlichen Gebäuden oder sprengstofffeste Materialien. Das gibt es durchaus schon. Aber das hat sicherlich alles nur sehr begrenzte Wirkung. Denn wir beobachten bei den Angriffen ja auch Verlagerungen: Sprengstoff an Bord eines Flugzeugs zu bringen, ist mittlerweile sehr schwierig, in die Flughafenhalle aber ohne weiteres möglich. Man wird sicher die Polizeiarbeit stärken und ausbauen, da scheinen im operativen Bereich große Schwächen zu bestehen, wie es gerade nach Brüssel zur Sprache kam. Es liegt nicht an fehlenden Gesetzen, sondern daran, dass die internationale und behördenübergreifende Zusammenarbeit wohl nicht so funktioniert.
Haben Sie eine Prognose? Frankreichs Premier François Hollande hat gesagt, wir sind im Krieg.

Meines Erachtens tappt man in die perfide Falle des Terrorismus, wenn man jetzt von Krieg spricht und dementsprechend agiert. Frankreich setzt nun eher auf noch stärkere Ausgrenzung der Bevölkerungsgruppen und Viertel, in denen Radikalisierungsprozesse stattfinden. Dabei muss man langfristig ganz anders ansetzen, um Radikalisierung generell zu verhindern. Bei dem, was in unseren westlichen Gesellschaften als hausgemachter Terrorismus bezeichnet wird, haben wir durchaus die Chance, noch an die Menschen heranzukommen.
Es ist ja auch kein Zufall, dass solche Gruppen – zumindest in dem Ausmaß – in Belgien und Frankreich entstanden sind. In Deutschland eben noch nicht. Das heißt nicht, dass kleinere Gruppen nicht auch gefährlich werden können. Aber nicht in dem Maße, dass man davon spricht, dass die Polizei die Gewalt über ganze Viertel verloren hat.
Sie steigen also noch entspannt in die Bahn oder ins Flugzeug?
Ja, rein rational überlegt, ist das Risiko, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen, weitaus geringer als bei einem Verkehrsunfall oder im Haushalt.

Noch.
Noch lange.

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