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2. August 2010, 07:21 Uhr

Bundesagentur stemmt sich gegen schnelle Zuwanderung

Deutschland gehen die qualifizierten Arbeitskräfte aus. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur, will deshalb erst das hiesige Potenzial nutzen, anstatt die Grenzen für Ausländer zu öffnen. Von Maike Rademaker, Nürnberg

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"Vorhandenes Potenzial nutzen": Frank-Jürgen Weise© Timm Schamberger/DDP

Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels in Deutschland sollten erst das hiesige Potenzial genutzt werden und die Betriebe attraktive Angebote entwickeln, statt die Grenzen für ausländische Fachkräfte zu öffnen. Dafür plädiert der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise. "Das vorhandene Potenzial im Land sollte erst einmal genutzt werden. Wir können nicht zulassen, dass Menschen in Arbeitslosigkeit sind, nur weil ihre Talente nicht genutzt werden", sagte er der "Financial Times Deutschland" (FTD). Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte unlängst mehr Zuwanderung gefordert. Der BA-Chef sieht die Anwerbung von ausländischen Fachkräften dagegen erst als zweiten Schritt.

Weise forderte die Unternehmen stattdessen auf, attraktive Angebote zu machen. "Wer qualifizierte Kräfte haben und halten will, muss etwas bieten - das können die Unternehmen selbst gestalten, da braucht man nicht nach dem Gesetz zu rufen." Das gelte vor allem bei der Kinderbetreuung, die viele qualifizierte Frauen daran hindere zu arbeiten: "Das Kinderbetreuungsangebot reicht nicht aus, und die Kommunen haben in der Krise keinen Spielraum. Es ist auch Sache von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das so zu organisieren, dass Familie und Beruf vereinbar sind."

Weise empfahl auch, auf praktische Kenntnisse von Bewerbern und nicht nur auf Zeugnisse zu schauen: "Man sollte es bei der Qualifizierung auch nicht übertreiben und nur auf zertifizierte Schulabschlüsse setzen." Sollten Wirtschaft und Politik den Fachkräftemangel nicht angehen, droht nach Ansicht des Arbeitsmarktexperten dem industriestarken Westdeutschland eine Entwicklung wie in Ostdeutschland. "In Ostdeutschland beobachten wir auf dem Ausbildungsmarkt und damit bei den Fachkräften das, was in fünf bis sechs Jahren auch im Westen passieren wird - dass hoch qualifizierende Ausbildungsplätze nicht besetzt werden."

Auch in einem anderen Punkt ist Weise anderer Meinung als Brüderle. Während dieser für den Arbeitsmarkt bereits Vollbeschäftigung prognostiziert, warnte der BA-Chef vor zu viel Optimismus. "Die Lage ist besser als befürchtet, aber noch unsicher. Der Aussage, die Krise sei vorbei, würde ich eindeutig widersprechen", sagte er. Dagegen sprächen unter anderem Risiken in Banken. Die guten Zahlen - die Arbeitslosigkeit ist im Juli auf saisonbereinigt auf 3,2 Millionen gesunken - sollten genutzt werden, um "Probleme wie mangelnde Qualifizierung oder Kinderbetreuung zu lösen".

Defizit der BA halbiert

Die bisherige Besserung auf dem Arbeitsmarkt spült der Arbeitsagentur kräftig Geld in die Kasse. "Das Defizit hat sich seit der Aufstellung des Haushaltsplans halbiert, und damit auch der Bundeszuschuss: Wir werden 2010 nach jetziger Planung 8,4 Milliarden Euro brauchen", sagte Weise. Er wandte sich dagegen, dass seine Behörde ab 2011 für das erwartbare neue Defizit vom Bund ein Darlehen statt einen Zuschuss erhalten soll. Die BA sei die einzige öffentliche Einrichtung, die in guten Zeiten Vorsorge getroffen habe. Die Behörde hatte zu Beginn der Krise Rücklagen in Milliardenhöhe. "Deswegen plädiert der Verwaltungsrat für einen Zuschuss, bis das Geschäft wieder normal ist."

Überlegungen der Politik, den Beitrag von derzeit 2,5 Prozent nicht nur auf drei Prozent, sondern höher ausfallen zu lassen, erteilte Weise eine Absage: Die Löhne sollten in Krisenzeiten "nicht zusätzlich belastet werden". Den derzeit kräftigen Anstieg der Leiharbeit bewertet Weise als unproblematisch. Noch befinde man sich mit zwei Prozent Anteil an der Gesamtbeschäftigung im europäischen Mittelfeld, erklärte der BA-Chef.

Die größere Gefahr sei, "dass ganze Betriebsteile ausgegliedert werden, um sich Flexibilität zu verschaffen, auch, um in andere, niedrigere Tariflöhne zu kommen. Wenn sich das so entwickelt, dann ist das ein Thema für Tarifverhandlungen, oder, wenn es zu extrem niedrigen Löhnen und schlechten Rahmenbedingungen kommt, auch Sache des Gesetzgebers."

Gefunden in der ... "Financial Times Deutschland"

Von Maike Rademaker, Nürnberg
 
 
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