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Künstler blamieren Ministerin Schwesig

Eine Website wirbt im Namen des Bundes für die Aufnahme syrischer Flüchtlingskinder. Nun versammelten sich Menschen, um Familienministerin Schwesig dafür zu danken. Doch an der Aktion ist etwas faul.

Von Oliver Fuchs

Darf ich sie noch einmal inszenieren?", fragt eine junge Helferin die Frau mit den Dreadlocks. Klar, kein Problem. Die Frau nimmt noch eine Grußkarte aus der dargebotenen Schachtel, geht ein paar Schritte - immer schön den Kameras zugewandt - und bindet die Karte ans Absperrgitter. Da hängen schon ein paar Teddybären, Blumen - und zwei Plakate. Die zeigen Familienministerin Manuela Schwesig. Mit Heiligenschein. Und Christkind in den Armen. Ein Haufen Presseleute steht sich rund um den improvisierten Gabenaltar gegenseitig auf den Füßen. Immer wieder latschen sie auf die Straße - und werden zurück auf den Gehsteig vor dem Bundesfamilienministerium gescheucht. "Hört mal, wenn ihr die Straße blockiert, dann ist das hier gleich vorbei."

"Das hier" ist die "Huldigung von Manuela Schwesig". Am Montag hat eine Website im Namen des Familienministeriums überraschend ein großangelegtes Programm für syrische Flüchtlingskinder angekündigt. Bislang war nur von bis zu 10.000 Flüchtlingen die Rede gewesen, die insgesamt in Deutschland Zuflucht finden sollen. Nun sollen alleine 55.000 Kinder von Deutschen Pflegefamilien aufgenommen werden. "Kindertransporthilfe des Bundes" heißt das Programm. Auf der Website appelliert Schwesig persönlich an das Mitgefühl ihrer Mitbürger: "Wir können nicht allen Kindern helfen. Aber wir können eines aus einhundert vorübergehend bei uns aufnehmen. Denken Sie daran: mit dieser Initiative erreichen wir Kinder, die sich über jeden Funken Hoffnung, Menschlichkeit und Perspektive freuen." Eines aus einhundert, denn nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen hat der Bürgerkrieg schon über neun Millionen Syrer aus ihrer Heimat vertrieben. Über die Hälfte davon sind Kinder.

  Ein kleines Grüppchen, von Journalisten umlagert: die Aktivisten vor dem Bundesfamilienministerium

Ein kleines Grüppchen, von Journalisten umlagert: die Aktivisten vor dem Bundesfamilienministerium

Die Website kommt so modern daher wie selten eine des Bundes. Mit wenigen Klicks können sich interessierte Familien über die Aufnahmebedingungen informieren. Ein paar Klicks weiter landet man beim Aufnahmeformular. Eine eigens eingerichtete Hotline unterstützt die Bewerber. In einem emotionalen Werbespot, sphärischer Softrock inklusive, berichtet eine junge Familie von ihren ersten Erfahrungen mit den neuen Kind: "Als der Anruf kam, dass die Kinder jetzt am Flughafen sind - ich hatte solches Herzklopfen." Dann spricht Kurt Gurtmann. Seine Mutter und sein Bruder wurden von den Nazis ermordet. Er hat überlebt - kam mit einem Kindertransport nach Schottland. "55.000 Kinder aufzunehmen in Deutschland, das würden wir kaum spüren", sagt er.

Das kleine Grüppchen, das von mindestens dreimal so vielen Presseleuten umlagert wird, ist gekommen, um sich bei Schwesig für die Aktion bedanken. Ihr zu huldigen, für ihr Engagement. Die Dankeskarten wollen sie ihr feierlich überreichen. Doch ob Schwesig sie annehmen wird, ist fraglich. Denn die Website, der emotionale Werbespot, sogar die Hotline - alles ist ein Fake.

Das Ganze ist eine Aktion des Berliner Künstler-Kollektivs "Zentrum für Politische Schönheit". Nicht zum ersten Mal fällt die Gruppe rund um Philipp Ruch mit einer gewagten Kampagne auf. Bei den Wahlen 2009 hatten sie die beiden Spitzenkandidaten Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bei Ebay versteigert - mit der Begründung, mit den beiden sei schlicht kein inspirierender Wahlkampf zu machen. Um die UN für ihre angebliche Mitschuld am Massaker von Srebrenica während des Bosnien-Kriegs zu kritisieren, türmten sie über 16.000 Schuhe vor dem Brandenburger Tor auf. Und vor zwei Jahren setzten sie eine Art Kopfgeld auf die Eigentümerfamilie der deutschen Rüstungsfirma Krauss-Maffei Wegmann aus. Die Firma hätte Panzer nach Saudi-Arabien liefern sollen. Das Zentrum bot jedem 25.000 Euro, der es schafft ein Mitglied der "Panzerfamilie" ins Gefängnis zu bringen.

Aktion "1 aus 100"

Jetzt haben sie die Aktion "1 aus 100" gestartet. Damit wollen sie ein Zeichen setzten, gegen die Gleichgültigkeit der Menschen und die Tatenlosigkeit der Regierung. Was nicht heißen soll, das die Aktion nur heiße Luft ist. Ein Fotograf flog sogar nach Syrien und fotografierte dort Kinder, die "Danke Manuela Schwesig"-Plakate hochstrecken. Am liebsten möchten die Künstler, dass der Bund die Kampagne aufnimmt und nahtlos weiterführt. Falls nicht, soll das Projekt kommende Woche in die zweite Phase gehen. Die wird dann aggressiver sein. "Es geht auch dieses Mal nicht anders, als den Deutschen die Herzen mit dem Brecheisen zu öffnen", sagte Ruch dem "Spiegel". Das Gedrängel an Journalisten bei der Dankesfeier zeigt, dass die Künstler bereits jetzt reichlich Aufmerksamkeit bekommen. Dass sonst kaum einer kam, zeigt hingegen, dass die Kampagne noch nicht mehr erreicht hat.

Was ist von der Aktion zu halten? Ist sie zynisch oder richtig? stern.de hat Marwin Meier gefragt. Meier arbeitet seit Jahren bei der Hilfsorganisation World Vision Deutschland und findet die Aktion, privat, richtig klasse: "Klar, sie ist grenzwertig - teilweise sogar jenseits der Grenze. Man kann sicher darüber diskutieren, wie transparent es auf der Website wird, dass das ganze ein Kunstgriff ist. Und rein rechtlich gesehen können sich diese Künstlerinnen und Künstler wahrscheinlich sogar strafbar machen, wenn sie sich als Amtsträger ausgeben. Aber: Die klassischen Hilfswerke haben zunehmend Mühe, für ihre Anliegen die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen. Beispiel HIV: Jedes Jahr stecken sich weltweit mehr Menschen damit an als Berlin Einwohner hat! Aber die Welt wird müde, die Leute nehmen das oft gar nicht mehr richtig war. Da braucht es manchmal brachiale Methoden, da muss man eine so krasse Sprache sprechen, wie es diese Künstler tun."

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