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25. Januar 2007, 16:37 Uhr
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Steinmeier und die verflixten Puzzleteile

Puzzleteil für Puzzleteil entsteht im Fall Kurnaz ein Gesamtbild dessen, wie Rot-Grün mit dem Guantanamo-Häftling umgegangen ist. Es ist ein hässliches Bild. Im Jahr 2002 soll der BND auf Kurnaz' Freilassung gedrungen haben. Vergebens. Die Erklärungsnot des Außenministers wächst.

Das US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba auf einem Archivbild aus dem Jahr 2003 - zu diesem Zeitpunkt war auch Murat Kurnaz dort eingepfercht. Er hätte schon damals frei sein können.© DPA

Es ist wie bei einem Puzzle, das sich langsam, ganz langsam zu einem Bild fügt, das jedoch immer deutlicher erkennbar wird. Jeden Tag kommen neue Details, Vermerke, Emails, Papiere zum Umgang der rot-grünen Regierung mit Murat Kurnaz ans Licht, mit jenem bremischen Türken, der zwischen 2002 und 2006 unschuldig im US-Gefangenenlager Guantanamo inhaftiert war. Es ist ein hässliches Bild.

Ein neues Puzzle-Teil hat nun die "Berliner Zeitung" entdeckt. Sie berichtete am Donnerstag, dass Deutschland entgegen bisheriger Angaben der Bundesregierung die USA Ende September 2002 um eine Freilassung des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz gebeten habe. Dies geht nach Angaben des Blattes aus bislang unbekannten Schreiben des Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor. Die Unterlagen, die auf Ende September und Anfang Oktober 2002 datieren, seien anderem an das damals vom heutigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier geleitete Bundeskanzleramt gerichtet gewesen, hieß es. Unklar sei jedoch, warum die Regierung von ihrem anfänglichen Wunsch, Kurnaz freizubekommen, später wieder abgerückt sei, nachdem die Amerikaner im Oktober 2002 auf die deutsche Bitte reagiert und eine Entlassung des Bremer Türken angeboten hätten.

Steinmeiers Erklärungsnot wächst

Die neuen Informationen könnten die Erklärungsnot verschärfen, in der sich Steinmeier ohnehin befindet. Sie fügen sich nahtlos ein in Puzzleteile, die der stern in den vergangenen Wochen und in seiner jüngsten Ausgabe veröffentlicht hat. Wie das Magazin mehrfach berichtete, traf am 29. Oktober 2002 im Kanzleramt in Berlin die so genannte "Präsidentenrunde" der Chefs der Geheimdienste zusammen - unter Steinmeiers Leitung. In dieser Runde wurde beschlossen, Kurnaz die Einreise nach Deutschland zu verweigern. In seiner jüngsten Ausgabe berichtete der stern zudem davon, dass sich der Leiter der US-Nachrichtendienste in München im November 2002 bei einem hochrangigen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) beschwerte, dass die Deutschen Kurnaz die Rückkehr in die Bundesrepublik verweigerten. "Im Fall Kurnaz hätte eine andere Entscheidung im Interesse der USA gelegen", schreibt daraufhin der BND-Mann an den damaligen Präsidenten seines Amtes, August Hanning.

"Meine Bitte wurde positiv aufgenommen"

Die "Berliner Zeitung" dokumentiert nun das Verhalten des Geheimdienstes BND vor dem Treffen im Kanzleramt. Konkret berichtet das Blatt Folgendes: Am 30. September 2002 - also knapp einen Monat vor besagter "Präsidentenrunde"- habe der Leiter der BND-Terrorismusreferats 55BB einen Vermerk über eine knappe Woche zuvor in Guantanamo erfolgte Vernehmung Kurnaz' durch deutsche Geheimdienst-Mitarbeiter angefertigt. Darin schreibe der BND-Beamte unter anderem: "Meine Bitte an die US-Seite, K(urnaz) möglichst bald frei zu lassen, um ihn evtl. zu einem späteren Zeitpunkt in Deutschland nutzen zu können, wurde offensichtlich positiv aufgenommen. Noch am letzten Tag unseres Aufenthaltes wurde uns gesagt, dass die Vorentscheidung gefallen sei, K. noch bis November dieses Jahres nach Deutschland zu bringen." Kurnaz habe als V-Mann in islamistische Kreise eingeschleust werden sollen. Eine fast wortgleiche Formulierung findet sich dem Bericht zufolge in einem BND-Schreiben vom 2. Oktober 2002 an das Kanzleramt. Verfasst worden sei dieses Papier von einem Mitarbeiter des BND-Leitungsstabs. Es sei an das zuständige Referat 605 im Kanzleramt gerichtet gewesen. Offen ist jedoch, ob die US-Vertreter die Möglichkeit, Kurnaz als V-Mann einzusetzen als Bedingung für seine Auslieferung begriffen. Bislang halten Verteidiger der rot-grünen Bundesregierung Kritikern entgegen, die Amerikaner hätten Bedingungen an dessen Freilassung geknüpft, die schwer zu erfüllen gewesen seien.

"Ist eine Rückkehr erwünscht"

Aber auch dazu hat die "Berliner Zeitung" Informationen. Sechs Tage nach dem ersten Dokument habe der BND-Leitungsstab ein weiteres Schreiben an die Geheimdienstabteilung im Kanzleramt geschickt, berichtet sie. Darin heiße es: "Nach Auskunft des US-Delegationsbegleiters gebe es aus Sicht des US-Hauptquartiers (?) aufgrund (?) der von der deutschen Delegation ausgesprochenen Freilassungsempfehlung gute Chancen, dass Kurnaz (?) eventuell schon im November 2002 freigelassen wird." Zumindest augenscheinlich klingt das nicht nach harten Bedingungen für eine Freilassung. Aus einem Vermerk des Verfassungsschutzes, der ebenfalls einen Mitarbeiter nach Guantanamo entsandt habe, gehe zudem hervor, dass die US-Offerte ernst zu nehmen war. In dem Schreiben vom 8. Oktober 2002 heiße es: "Vor dem Hintergrund der möglicherweise bald erfolgenden Freilassung des Kurnaz ist zu klären, ob Deutschland eine Rückkehr des türkischen Staatsbürgers überhaupt wünscht (?)". Sollte dies nicht der Fall sein, "müsste den USA signalisiert werden, dass eine Rückführung in die Türkei bevorzugt wird", berichtete die Zeitung weiter. Es war nicht erwünscht.

Berichte widerlegen den Außenminister

Die neuen Puzzleteile verschärfen die Erklärungsnot Steinmeiers. Wenn der BND eine Überstellung Kurnaz' befürwortet hat und wenn die USA dies ebenfalls goutiert haben, ist das für den Außenminister und SPD-Politiker doppelt problematisch. Erstens hat es dann Empfehlungen vom eigenen Dienst gegeben, gegen die sich die Führungsebene - und dazu gehörte er - gesträubt hat. Zweitens, wenn die USA ihre Zustimmung gegeben haben, ist die Behauptung Steinmeiers vom Dienstag dieser Woche nochmals widerlegt, dass es kein "offizielles" Angebot der USA gegeben habe, Kurnaz auszuliefern. Schon der Bericht im jüngsten stern hatte Steinmeier widerlegt.

Nun kommt es darauf an, welche Gründe der Außenminister dafür anführt, dass dieses Angebot der Amerikaner seiner Auffassung nach im Jahr 2002 nicht tragfähig war. Sowohl seine Kritiker als auch seine Unterstützer dringen auf eine schnelle Aussage Steinmeiers im Untersuchungssausschuss des Bundestages. Die könnte wohl frühestens am 1. März erfolgen. Aber selbst, wenn Steinmeier Zeifel an der Verlässlichkeit des US-Angebots schüren würde, so hat er ein weiteres, schwer wiegendes Problem: Zum Gesamtbild gehört mittlerweile auch, dass es Belege dafür gibt, dass die Bundesregierung aktiv versuchte, Kurnaz' Einreise zu verhindern, indem sie Behörden auf die Instrumente des Ausländerrechts verwies. Sie wollten ihn, so scheint es derzeit, einfach nicht in Deutschland haben, obwohl allen klar war, dass Kurnaz unschuldig war und obwohl allen klar war, dass Guantanamo einen Bruch des Völkerrechts markierte. Das ist der Skandal.

Um dieses Bild noch drastisch zu verändern, muss Steinmeier demnächst schon mit einem ganz besonderen Puzzleteil aufwarten.

Florian Güßgen mit Reuters
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Charlie24 (26.01.2007, 17:06 Uhr)
Verwirrung und Logik
An diesem Fall ist vieles verwirrend. Mittlerweile gibt es "Puzzelstücke" für jede beliebige Interpretationsrichtung.
Was sagt die Logik? Jedenfalls nicht, das die USA Kurnaz loswerden wollten und nicht loswurden, weil keiner ihn haben wollte. Man stelle sich das nur vor: ich muss einen Mann, den ich zu Unrecht gekidnappt und ins Gefängnis geworfen habe, noch für weitere 4 Jahre dort drin lassen, weil keiner ihn haben will. Damit dem armen Kerl dann die Zeit nicht zu lang wird, foltern wir ihn noch ein bißchen (außerdem sollen die Verhörspezialisten ja nicht aus der Übung kommen...)
Klartext: Wenn die USA 2002 von seiner Unschuld so überzeugt gewesen wären, hätten sie ihn laufen lassen - so wie sie es 2006 auch getan haben. Hätte Deutschland ihn nicht haben wollen, hätte man ihn in Pakistan rausgeworfen, wo man ihn ja auch eingefangen hatte. Viele Szenarien sind denkbar, aber die Geschichte mit der Bundesregierung ist die mit weitem Abstand unglaubwürdigste....
Mir tut Herr Kurnat sehr leid! Ich halte ihn in keinem Fall für einen Terroristen - zumindest ist das nicht der Eindruck, den er im TV macht.
Dewerth (26.01.2007, 09:33 Uhr)
Grundgesetz ade
Wenn man einigen Verwirrten hier nachgehen will, landet man schnell bei einer dringenden Grundgesetzänderung. Künftig muss es heißen: Die Würde der Deutschen ist unantastbar und nicht mehr die Würde des Menschen.
Und außerdem die Klassifizierung eingeführt werden: Deutscher Außenminister gut, Guantanamo-Häftling böse. Und auf keinen Fall darf hier der Stern weiter recherchieren. So einfach ist hier die Welt der Herren Catchme und anderer Irrer.
dieweltistrund (25.01.2007, 21:16 Uhr)
@catchme
Sie tuen mir wirklich leid, wenn Sie ihre Bürgerrechte so eng fassen!
Spocks_Kommentar (25.01.2007, 15:15 Uhr)
Der Täter sitzt anderswo
Was soll das Gefasel um die Schuld deutscher Behörden. Der Täter heißt George W Bush und sitzt im Schurkenstaat USA, der die Menschenrechte mit Füßen tritt und völkerrechtswidrige Kriege vom Zaun bricht. Über die USA muß man sich aufregen und über alle jene, die in US-Foltergefängnissen sitzen, nicht über einen einzelnen. Alles andere ist eine scheinheilige Kampagne gegen einen SPD-Mann, während die CDU-Angie den Heiligenschein aufgesetzt bekommt. Sie war damals für den Krieg im Irak, sie hofiert heute den Täter, schon vergessen? Sehr scheinheilig das Ganze....
catchme (25.01.2007, 15:12 Uhr)
Bürgerrechte
In Deutschland versteht man unter Bürgerrechten diejenigen Grundrechte des Grundgesetzes, die nur Deutschen im Sinne des Art. 116 GG zustehen, wie z.B. die Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG), das Wahlrecht (z.B. § 12 BWahlG) oder die Berufsfreiheit (Art. 14 GG). Ausländer können sich auf diese besonderen Freiheitsrechte nicht berufen...
soviel zu den Bürgerrechten ! Kunarz ist immer noch türkischer Staatsbürger.
dieweltistrund (25.01.2007, 15:01 Uhr)
@catchme
Sie irren, Bürger Deutschlands ist man dann, wenn man hier legal lebt. Dafür ist nicht die deutsche Staatsbürgerschaft nötig. Es ist mehr als scheinheilig allen hier lebenden ausländischen Bürgern die Bürgerrechte abzusprechen, nur weil sie einen ausländischen und keinen deutschen Paß besitzen. Ob es Ihnen paßt oder nicht, Herr Kunaz ist ein Bürger Deutschlands, aber eben kein deutscher Staatsbürger.
catchme (25.01.2007, 14:47 Uhr)
Antwort für " Shine " :
Natürlich habe ich den Aufenthalt von Kunarz in Guantanamo nicht vergessen. Doch diese Sache liegt nicht in deutscher Verantwortung! Ob Kunarz sich etwas zu Schulden hat kommen lassen, ist nie abschließend geklärt worden. Es gab Ermittlungsverfahren, die aufgrund des Guantanamo-Aufenthaltes eingestellt wurden ... aber es bleibt ein Verdacht. Wo Rauch ist, ist auch Feuer und vielleicht war Kunarz nur zu clever ... wie der türkische Nachrichtendienst an deutsche Berichte und Mails kommen soll ? Na - ganz einfach, so wie der Stern auch ... und zum Schluß noch eine kleine Berichtigung: Kunarz war und ist nie Bürger der Bundesrepublik gewesen - kann er garnicht, weil er kein deutscher Staatsbürger ist ! Bürgerrechte erhält man durch sein Land und hier wohnen ( ... und arbeiten ? Hat Kunarz eigentlich mal gearbeitet ?)ist keine besondere Leistung, die Bürgerrechte rechtfertigen würde !
consulter (25.01.2007, 14:37 Uhr)
Die Ursache vergessen?
Bei all dem hin und her über diese Geschichte- Warum war dieser Mann überhaupt in Haft? Sein name klingt nicht Deutsch, er sieht nicht gerade Deutsch aus, kann es den sein, daß der Mann Muslim ist und als solcher uns Deutschen sowiso vernichten will? Warum sollte irgendjemand versuchen so einen aus dem Knast zu holen, einem Knast in den man nicht so einfach reinkommt wie eben mal von der Polizei hopp genommen wegen Trunkenheit am Steuer. Laßt Die Deutschen Politiker in Ruhe, die haben andere Sorgen und es gibt wesentlich wichtigeres als sich um solche Kamellen zu streiten.
shine (25.01.2007, 14:20 Uhr)
Einreisebestimmungen???
Irgendwie scheint catchme vergessen zu haben, daß die USA den Kurnaz entführt (!!!) haben und er in Guantanamo im Gefängnis einsaß. Es wird wohl kaum ein deutsches Konsulat im Camp Delta gegeben haben, in dem der Kurnaz seinen Aufenthaltstitel hätte verlängern können!? Er hatte vorher in Bremen gewohnt und wollte sicher auch wieder nach Bremene zurück. Was sollte dagegen sprechen, wenn er sich bisher nichts zu Schulde hat kommen lassen. Die gewaltsame Entführung durch die Amis ist ja wohl nicht seine Schuld...
Die Aussage, daß die türkische Regierung hinter dieser "Medienkampagne" steckt, ist ja wohl sehr gewagt. Wie sollte die türk. Regierung an Geheimdokumente und Emails der deutschen Regierung ran kommen??? Es ist wohl eher so, daß Mitarbeiter von dt. Ministerien und Geheimdiensten diese Informationen veröffentlichen bzw. diese Informationen aus den Geheimdienst- bzw. Parlamentsausschüssen nach Außen gelangen...
Wenn Steinmeier einen unschuldigen Bürger Deutschlands (!!) unnötigerweise im Gefängnis sitzenlassen hat, dann soll er dafür zahlen...
hexe1402 (25.01.2007, 13:27 Uhr)
Regierung
warum soll sich eine deutsche Regierung so sehr für einen Menschen anderer Staatsbürgerschaft einsetzen? Sie sollten sich lieber mehr für die deutschen Bürger einsetzen! Dies ist alles nur eine Kampagne um Steinmeyer "abzusägen"!
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