Dass der Todesschütze des Studenten Benno Ohnesorg ein Stasi-Spitzel war, hat die deutsche Öffentlichkeit überrascht. Vorwürfe, dies hätte die Stasi-Aktenbehörde früher publik machen müssen, wies Behördenchefin Marianne Birthler nun zurück. Gleichzeitig stellte sie fest, es gebe keine Stasi-Akten über den Dutschke-Attentäter Josef Bachmann.

Keine Versäumnisse im Fall Kurras: Marianne Birthler verteidigt die Arbeit in ihrer Behörde© Michael Sohn/AP
Die Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, hat den Vorwurf zurückgewiesen, ihre Behörde vernachlässige die Aufarbeitung der früheren Stasi-Aktivitäten im Westen. "Die Tatsachen ergeben wirklich ein ganz anderes Bild", sagte Birthler bei der Vorstellung ihres neuen Tätigkeitsberichts am Dienstag in Berlin. Die Westarbeit sei der wahrscheinlich am intensivsten bearbeitete Bereich. So habe ihre Behörde acht Publikationen zu dem Themenbereich veröffentlicht, hinzu komme eine Reihe von Aufsätzen.
Birthler wehrte sich zudem gegen den von Wissenschaftlern geäußerten Vorwurf, die Stasi-Akten zum Fall des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg getötet hatte, seien erst sehr spät an die Öffentlichkeit gekomen. Es sei in der Vergangenheit niemand auf die Idee gekommen, Akten zu Kurras bei ihrer Behörde anzufordern. Wenn Forscher dies getan hätten, wären die Unterlagen auch zur Verfügung gestellt worden. Die Behörde war so nur zufällig auf die Kurass-Akten gestoßen. Die Enthüllung hat zu einer Grundsatzdiskussion über die Arbeit der Birthler-Behörde geführt.
Über den Dutschke-Attentäter Josef Bachmann liegen der Stasi-Akten-Behörde keine Unterlagen vor. "Es gibt zu Bachmann keine IM-Akte", stellte Birthler am Dienstag fest. Es sei bereits gezielt nach Akten über Bachmann gesucht worden, weil entsprechende Forschungsaufträge vorlagen. Hinweise über eine inoffizielle Mitarbeit Bachmanns für die Stasi seien dabei nicht gefunden worden.
Der Sohn des 1968 angeschossenen und 1979 an den Spätfolgen des Attentats gestorbenen Studentenführers Rudi Dutschke, Marek Dutschke, hatte die Birthler-Behörde zuvor aufgerufen, Klarheit über Bachmann zu schaffen. Sein Vater habe vermutet, dass das DDR-Ministerium für Staatssicherheit hinter dem Anschlag auf ihn gesteckt habe, sagte Marek Dutschke laut "Bild"-Zeitung. Dies gehe aus einem Brief hervor, den Rudi Dutschke seiner Frau hinterlassen habe. "Die DDR, so mein Vater, habe damals gefürchtet, dass der antiautoritäre Sozialismus, für den Rudi stand, auf den anderen Teil Deutschlands überschwappen könnte", sagte Marek Dutschke. "Ist es möglich, dass auch der Attentäter Josef Bachmann ein Stasi-Mann war?"