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Philipp Rösler, der liberale Heartbreaker

Mit einer fulminanten Rede hat der neue Parteichef Philipp Rösler die darbenden Liberalen wieder aufgerichtet. Manch einer verdrückte gar eine Träne der Dankbarkeit.

Von Hans Peter Schütz, Rostock

  Die FDP liegt Philipp Rösler zu Füßen. Küssen darf ihn nur seine Frau Wiebke

Die FDP liegt Philipp Rösler zu Füßen. Küssen darf ihn nur seine Frau Wiebke

Nach seiner Rede atmete Philipp Rösler tief durch, ganz tief. Als müsse er den Druck von der Seele pusten, der auf ihm gelastet hat bei diesem FDP-Parteitag. Eine Stunde hat der neue Parteichef geredet, ohne Manuskript. Neun Minuten standing ovations hat er bekommen. Addiert man den Beifall während seiner Rede hinzu, haben die Delegierten mindestens 30 Minuten applaudiert. Dank für die Rede. Nein: für die geglückte Wiederbelebung der FDP.

Die Delegierten dürften mit dem Gefühl von Rostock nachhause fahren: Wir haben wieder einen, der es kann, der ankommt. Für den wir uns nicht schämen müssen, wie für die vielen Figuren, die in den letzten Jahren für die FDP antraten. Jetzt geht es wieder los, wieder nach oben. Mit diesem Philipp Rösler.

"Den Tiger reiten, ohne sich fressen zu lassen"

Er selbst hatte vorher gesagt, wie er den Posten den neuen FDP-Chefs sieht: "Man muss den Tiger reiten, ohne sich von ihm fressen zu lassen." Das ist ihm gelungen in Rostock. Hat den aggressiven Tiger FDP geritten und auf seinem Rücken perfekte rhetorische Pirouetten hingelegt, wie sie der Partei weder von früheren Parteichefs und schon gar nicht von Guido Westerwelle jemals geboten worden sind. Vielleicht zuletzt von einem Karl-Hermann Flach bei der Verkündung der Freiburger Thesen, mit der die FDP auf neue programmatische Wege gebracht worden ist.

Der altliberale Burkhard Hirsch war glücklich: "Das war die Rede, die dem Parteitag bisher noch gefehlt hat. Dadurch ist er mehr zum Parteichef geworden als durch seine eigentliche Wahl."

Talent zur Selbstironie

Philipp Rösler, der Mann, der die abgestürzte liberale Partei retten soll, passt in kein gängiges Schema der amtierenden Parteichefs. Stellt sich vor einen Parteitag und sagt über sein Redetalent selbstkritisch: "Ich nuschle ein bisschen und verschlucke Endsilben." Ein Mann mit dem Talent zur Selbstironie, der nicht bei jedem Satz die politischen Ellbogen ausfährt, wie dies bei einem Guido Westerwelle am Vortag noch einmal exemplarisch zu besichtigen war. Richard Drautz, altgedienter Liberaler aus Baden-Württemberg wertete die Rede mit dem Satz: "Sie ging zu unseren Herzen, weil sie von Herzen kam." Politische Herzenswärme, das wird in der FDP seit 20 Jahren vermisst.

Rösler redete nicht über die Köpfe der Delegierten hinweg. Er betrieb Seelenpflege, indem er versuchte, die thematisch bis zur Erstickung verengte Partei wieder zu öffnen. An den Westerwelles und Niebels orientierte sich Rösler nicht: "Glaubwürdigkeit gewinnt man nicht dadurch, dass man alte, bekannte Forderungen ständig wiederholt, sondern durch Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Entschlossenheit in der Sache."

Er lehnt die Reduzierung der FDP auf das Funktionsargument ab, wie dies 1994 einmal der Fall war. "Wer Kohl will, muss FDP wählen", predigte die Partei damals den Wählern. Röslers FDP will dagegen eine klare liberale Handschrift liefern. Die Gesichter strahlten, als er die politischen Leitplanken seines Parteivorsitzes zog. Etwa "Wir wollen niemals eine grüne Partei sein." Oder: "Wir sind keine Ein-Thema-Partei." Und auch: "Wir haben unsere Glaubwürdigkeit verloren, weil wir 2002 nicht erkannt haben, dass es keine Spielräume mehr für Steuersenkungen gegeben hat." Und als er das Bonmot formulierte: "Man darf alles sagen, was man denkt, wenn man denkt", riss es die Zuhörer fast aus den Sitzen. Sie waren begeistert.

Kein Wunder. Der zähe Machtkampf ist vorüber, die personelle Neuaufstellung in Rostock relativ glatt über die Bühne gegangen. Jetzt beginnt die inhaltliche Neuaufstellung. Mit dem neuen Fraktionschef Rainer Brüderle kann Rösler gut, auch wenn der ihm schon mal Säuselliberalismus vorgeworfen hat. Rösler gelang es, Kampfkandidaturen um die Führungspositionen zu verhindern. Die Mischung stimmt. Abgesehen vielleicht vom Frauenanteil.

Er hat klare Vorstellungen genannt, wie er die FDP aus der Krise führen will. Die Kanzlerin schätzt ihn, seine Methode, Forderungen mit sanfter Gewalt durchzusetzen, mag sie. Sie weiß jetzt, dass die FDP die von der CSU gewünschte "Herdprämie" nicht mittragen wird. Dass Rösler in der Bildungspolitik es möglich machen will, dass Familien mit Schulkindern von einem Bundesland ins benachbarte umziehen zu können, ohne Sorge vor den unterschiedlichen Schultypen haben zu müssen. Dass die FDP einer Verlängerung der Anti-Terror-Gesetze nur befristet zustimmen wird.

Er will wieder eine FDP mit mehr Wärmeausstrahlung. Das neue Parteiprogramm der FDP soll "Antworten auf alle Alltagssorgen der Menschen geben". Er hat seine Macht bei der Gestaltung der neuen Parteiführung demonstriert, ohne den Betroffenen allzu schwere Verletzungen zuzufügen. Er hat seinen Gedanken an "mitfühlenden Liberalismus" dabei umgesetzt.

Glückstag für die Liberalen

Wiebke Rösler hat ihren neuen Vorsitzenden nach seiner Wahl in Rostock lange geküsst und musste sich danach ein Tränchen aus dem Auge wischen. Ihre Gefühle teilt die gesamte Partei. Immer wieder lobten sie sich selbst dafür, dass sie diesen Mann ausgerechnet an einem Freitag, 13. Mai zu ihrem 13. Vorsitzenden gewählt hatten.

Es könnte in der Tat ein Glückstag für die Liberalen gewesen sein: Den avantgardistischen Zappelphilipp Guido sind sie los. Sie haben jetzt einen Parteichef, bei dem es sie vor Entsetzen schüttelt, wenn sie an den Satz von Rösler denken, dass er mit 45 wieder raus aus der Politik will.

In Rostock hat Rösler bei seiner Antrittrede gezeigt, dass er auch ein guter Schauspieler ist. Aber seine politischen Gegner - in und außerhalb der FDP - sollten sich nicht täuschen: Ganz so harmlos nett, wie er sich gerne gibt, ist er nicht.

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