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Wie Katja Suding der FDP Beine macht

Aufmerksamkeit ist die Währung des Web, daran gemessen ist die FDP-Kampagne in Hamburg smart. Bürgermeister Scholz (SPD) muss noch viel, viel lernen.

Von Karin Stawski

Nur noch drei Tage bis zur Wahl. Jeden morgen diskutieren sie jetzt im Online-Team der Hamburger FDP: Was beschäftigt heute das Netz? Was davon passt zu unseren Wahlkampfthemen? Was können wir gleich über Twitter und Facebook spielen?

Bis zu sieben Leute gehören zum Team: FDP-Mitglieder und Mitarbeiter der Online-Marketing-Agentur "Crowdmedia". Sie wurden engagiert für den digitalen Wahlkampf. Einen ihrer größten Hits hat eine Schülerin aus Köln geliefert, erzählt Svenja Teichmann, die Agenturchefin. Sie hatten den Tweet im Netz entdeckt: "Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen."

FDP-Wahlkampf kostet 60.000 Euro

Bessere Bildung. Wichtiges FDP-Thema. Sie posteten den Satz auf pinkem Grund, weil pink die neue Parteifarbe ist. Er verbreitete sich rasend, wurde von einer Million Menschen gesehen, bekam mehr als 43.000 Likes. So etwas bräuchten sie jetzt wieder. "Shareable Content", sagt Teichmann. Liberale Inhalte, die die Menschen weiterverbreiten.

Bis zu 20 Prozent des Wahlkampfbudgets wird die FDP für ihren Online-Wahlkampf ausgeben, etwa 60.000 Euro. Er gilt als der ambitionierteste aller Parteien. Das mag vor allem daran liegen, dass die FDP und ihre Spitzenkandidatin Katja Suding alles versuchen müssen, um nicht an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Not macht erfinderisch.

Doch auch für den Großteil der anderen Parteien und Kandidaten gilt: Sie probieren etwas aus. Nie zuvor warben so viele auf Facebook um Stimmen, nie zuvor twitterten so viele Bürgerschaftsabgeordnete. Laut einer Analyse des Hans-Bredow-Institutes und der Social-Media-Analyseseite Pluragraph.de hatten 570 von 887 Kandidaten mindestens ein Profil in sozialen Netzwerken.

CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich zum Beispiel probiert sich mit einem Podcast, er fasst sein Wahlprogram in 13 Minuten 40 Sekunden zusammen, die Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Fegebank schafft das Gleiche in acht Minuten und ihre Partei bietet auch eine Version in Gebärdensprache an. Am Dienstag beantwortete Wersich, organisiert von der Bild-Zeitung, über Twitter 200 Wählerfragen in einer Stunde, am heutigen Donnerstag zwischen 12 und 13 Uhr ist der Erste Bürgermeister Olaf Scholz von der SPD dran (mitmachen: fragscholz)#.

Die Kunst des Auffallens

Wie wichtig ist der Wahlkampf im Netz? "Man gewinnt damit noch keine Wahl. Aber das Hamburger Wahlsystem ist so personenzentriert, dass man die Chance nutzen sollte, eine eigene Community aufzubauen", sagt Martin Fuchs, Politikberater und Gründer des Blogs "Hamburger Wahlbeobachter". Digitaler Wahlkampf funktioniert dabei wie das Netz: schnell und flüchtig. "In der Hochphase wird am nächsten Tag schon wieder das nächste Thema heiß diskutiert", sagt Wählerforscher Thorsten Faas von der Uni Mainz. Und in Hamburg ist gerade Hochphase. Die Kunst ist also: auffallen.

SPD-Bürgermeister Scholz liegt nicht nur in den Wahl-Umfragen vorne, er ist auch der Hamburg-Sieger bei Facebook-Freunden (7.800) und Twitter-Followern (15.500). Doch an ihm zeigt sich auch schon die Krux so mancher Netzaktivität. Wahlbeobachter Martin Fuchs sagt: "Es gibt Kandidaten, die Social Media verstanden haben, aber ebenso viele sind auf ihren Profilen gar nicht aktiv oder gehen nicht in den Dialog." Aktiv ist er zwar, der Bürgermeister, aber: "Seine Postings sind langweilig, statisch, eines ähnelt dem anderen." Das passe zwar zu seiner Amtsführung, jedoch komme so kein Dialog im Netz zustande.

Drei Engel für Christian

Anders sieht das bei der Nummer zwei unter den online-aktiven Kandidaten aus: Katja Suding. (Die den Bürgermeister in der Kategorie "Facebookfreunde" kurz vor der Wahl sogar noch überholte.) Sie führt einen showreichen Wahlkampf, verkleidet sich zum Beispiel in der "Gala" als "Engel für Lindner" - und die Online-Strategen nutzen die Aufmerksamkeit. 9.000 Bürger waren dabei, als Suding zur Facebook-Fragerunde einlud. 84 Fragen wurden gestellt, in 448 Antworten und Kommentaren darüber diskutiert.

Die meisten Klicks zum Thema "Katja Suding" aber brachte natürlich: Beingate. Ein Tagesschau-Kameramann hatte auf dem Dreikönigstreffen der FDP erst ihre Pumps und Beine fokussiert, bevor er an ihr hochschwenkte. Da mussten die Online-Strategen gar nichts tun. Nur geschickt kontern. Katja Suding sagte, dass nun jeder wisse, wie locker sie mit ihren sportlichen Beinen die Fünf-Prozent-Hürde überspringen werde. Und als auf der FDP-Facebook-Seite ein Nutzer fragte, wann sie denn wieder Bein zeige, fotografierten und posteten zwei Männer aus dem Online-Team ihre nackten, haarigen Unterschenkel. Interaktion ist alles.

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